Kontrastprogramm im Geiste eines Grenzgängers

dzMeisterkonzerte

Michail Glinka war als Komponist schwer in eine Schublade zu stecken. Offenheit für Dinge abseits der naheliegenden Wahl bewies auch das Glinka-Trio mit seinem Auftakt zur Meisterreihe.

Unna

, 28.10.2018, 21:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Namensgeber Michail Glinka steht für eine eigenständige russische Klassik, die sich dem damals starken Einfluss aus dem Westen entzog. Das Stück, mit dem das Glinka-Trio am Sonntag sein Konzert und die neue Meisterreihe des Musikvereins eröffnete, hatte der „Pate“ jedoch geschrieben, als er in jungen Jahren gesundheitlich angeschlagen und voller Liebeskummer in Italien weilte. Ein Widerspruch, den das ebenfalls junge Trio aufzulösen weiß: Vor einem virtuosen „russischen“ Klavierspiel, perfekt vorgetragen durch den ägyptischen Pianisten Seif El Din Sherif, lassen Klarinettistin Meriam Dercksen und Fagottist Peter Amann ihre Instrumente wie in der italienischen Oper Duette und Solo-Arien singen.

Der Mann mit dem Fagott nimmt an diesem Abend eine besondere Rolle ein. Allzu oft kommt diese Besetzung in der Kammermusik nicht vor. Im großen Orchester ist der eher leise und tief tönende Holzbläser eher für das klangliche Fundament zuständig, auf das die typischen Solisten-Instrumente aufbauen. In einem kammermusikalischen Trio aber ist jeder zu einer Hauptrolle gezwungen. Und Peter Amann meistert sie: Technisch souverän verleiht er dem an sich etwas schwerfälligen Instrument eine fast tänzelnde Wendigkeit, entlockt ihm ungeahnte Variationen in der Klangfärbung und schafft es sogar, dem Klappeninstrument Glissandi zu entlocken. Paradoxer Weise ist der „Hintergrundgesang“ der heimliche Star des Abends, auch wenn seine beiden Mitspieler ihm vom Können her in nichts nachstehen.

Das Publikum erlebt einen Abend mit unterschiedlichen musikalischen Ansätzen und ungewöhnlicher Programmgestaltung. Mozarts Kegelstatt-Trio, angeblich in geselliger Runde eben beim Kegeln entstanden, ist noch eines der bekannteren Werke. Beethovens Gassenhauer-Trio, das sich mit raffinierten Variationen aus dem eigentlich banalen Zitat einer „komischen Oper“ entwickelt, gibt den jungen Musikern wechselseitig Gelegenheit, vor die beiden anderen zu treten und ein paar Takte lang ihre Spielfertigkeiten zu demonstrieren.

Die größte Überraschung aber gibt es zum Schluss: „Worlds Beyond“ des 1961 geborenen Komponisten Daniel Schnyder ist eine Sammlung von fünf Stücken, in denen Klassik mit Jazz, Blues und orientalischer Harmonik verschmelzen. Und die drei Musiker, bis dahin eher disziplinierte Leistungserbringer, leben nun klanglich und körperlich eine entfesselte Spielfreude aus. So sehr „gerockt“ hat die Meisterreihe noch nie. Das klassikorientierte Publikum ließ sich dafür begeistern und applaudierte lebhaft, bis ein zärtliches Adagion von Schumann als Zugabe den Weg zurück wies zur „normalen“ Klassik.

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