Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

dzBürgerversammlung

Die Fußgängerzone gilt als „gute Stube“ der Stadt. Nun können auch die Bürger mitreden, wie sie nach dem Neubau aussehen soll. Und sie machen von der Möglichkeit konstruktiv Gebrauch.

Unna

, 30.10.2018, 13:52 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn die Stadt zu einer Bürgerversammlung einlädt, um ein Bauvorhaben vorzustellen, läuft es meistens auf eine von zwei Möglichkeiten hinaus. Entweder das Thema interessiert so gut wie niemanden und der Besuch bleibt mäßig, oder es geht um ein heißes Eisen, bei dem der Verwaltung aus unzähligen Mündern Widerspruch ausgesprochen wird. Der Bürgerabend zur Fußgängerzone war schon deshalb etwas Besonderes: Fast 50 Leute waren im Ratssaal, und alle waren ernsthaft darum bemüht, im Sinne der Allgemeinheit bestmögliche Lösungen zu finden.

Erstmals gab es in aller Öffentlichkeit eine konstruktiv-kritische Diskussion über den Entwurf für den Neubau. Die kritischen Hinweise deckten dabei keine Versäumnisse der Planer auf. Wo auch immer die Anwesenden andere Vorstellungen äußerten, hatten sich auch Planungsbüro und Stadtverwaltung durchaus etwas gedacht. Die Gegenüberstellung von Bürger- und Planerperspektive ermöglicht es jetzt, über den Entwurf zu diskutieren.

Hier eine Übersicht der wichtigsten Fragen und Eingaben, die auch von der Stadtverwaltung protokolliert wurden:

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

„Wenn schon, denn schon“: Die Seitenstreifen an der Massener Straße sind zwar besser begehbar als der Mittelstreifen, aber bei einem Neubau will die Stadt lieber eine einheitliche Gesamtlösung schaffen. © Dirk Becker

Warum wird an der Massener Straße nicht nur der marode Mittelstreifen erneuert?

Tatsächlich ist es vor allem die Fläche aus Naturpflaster auf der Massener Straße, die Unna überhaupt über einen Neubau der Fußgängerzone diskutieren lässt. Die Steine wurden vermutlich schon falsch verlegt und sind der Belastung durch den Lieferverkehr nicht gewachsen. Regelmäßig lösen sich Steine. Die Stadt hat über die Jahre viele von ihnen herausnehmen und durch Flicken aus Kaltasphalt ersetzen lassen. Eine schmucklose Gestaltwirkung und gefährliche Stolperkanten sind ein Problem dieses Mittelstreifens, während die mit Betonstein belegten Seitenstreifen der Massener Straße besser aussehen und gut zu begehen sind. Aber: Auch ein Austausch des Mittelstreifens erfordert tiefgehende Arbeiten. „Wenn man schon viel Geld in die Hand nimmt, soll man am Ende auch ein Ergebnis davon sehen können, also etwas Neues bekommen“, erklärt Unnas Planungsdezernent Michael Ott.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Wer mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs ist, erlebt das Natursteinpflaster als Marterstrecke.

Warum verabschiedet sich Unna überhaupt vom Naturpflaster?

Wilhelm Sommer Senior, Raumausstatter mit Geschäftssitz an der Hertingerstraße, kündigte an, das rustikale Pflaster zwischen „Fässchen“ und Altem Markt zu vermissen. Dass eine Stadt, die Mitglied im Arbeitskreis Historischer Innenstädte ist, so eine Wendung übernimmt, sieht er kritisch. Die Stadt indes verlagert die Prioritäten etwas von der Gestaltung zur Funktion der Fußgängerzone: Wer mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs ist, vielleicht auch einfach altersbedingt nicht mehr so trittsicher ist, der erlebe den immer etwas unebenen und mit großen Fugen versehen Bereich rund um die Seniorenbegegnungsstätte als Handicap, erklärt Michael Ott. „Die Zahl der Menschen, die mit solchen Handicaps unterwegs sind, hat in den vergangenen 20 Jahren zugenommen“, erklärt er. Er sei aber zuversichtlich, dass auch Betonstein in einem entsprechenden Verlegemuster eine Gestaltwirkung haben kann, die mit dem historischen Stadtbild Unnas verträglich ist.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Dieses Mosaik erinnert an die frühere Glückauf-Apotheke. Heute gibt es dort kräftig dosierten Kuchen mit Heilkraft für Seele und Sinnlichkeit. © Marcel Drawe

Was wird aus dem Schmuckpflaster an der Massener Straße?

Das Ornamentband aus kleinen Naturpflastersteinen soll nach der derzeitigen Planung verschwinden. Als ein Bürger dies kritisierte, erhielt er lauten Beifall: Die kunstvollen Pflasterstreifen und -bilder seien eine optische Aufwertung der Stadt, eine Unnaer Besonderheit und zudem ein Beitrag zur Pflege der Stadtgeschichte. Denn vor vielen Gebäuden weitet sich der Pflasterstreifen zu Bildern auf, die auf die derzeitige oder eine frühere Nutzung des Gebäudes hinweisen. Die Planer erklären ihre Verzichtsabsicht auf dieses Ornamentband mit einem verhältnismäßig hohen Pflegauswand. Rappelt sich nur ein Stein los, wird schnell ein ganzes Mosaik zum Puzzlespiele. Der Hinweis des Bürgers soll nun aber noch einmal im Arbeitskreis diskutiert werden, in dem Politik, Handel und Stadtmarketing über die Zukunft der Fußgängerzone diskutieren.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Die kaukasischen Felsenbirnen sind der Axt geweiht. Vermutlich sollen schlanke Säulenhainbuchen sie ablösen – aber nur noch einreihig. © Marcel Drawe

Wie sieht die Zukunft der Bäume aus?

An der Massener Straße wird es zu Beginn des Neubaus einen Kahlschlag geben. Die „kaukasische Felsenbirne“ hat in Unnas Innenstadt keine Zukunft mehr. Sie hatte die Erwartungen durchaus enttäuscht: Ausgewählt hatten Planer und Politiker sie in den 90er-Jahren, weil dieser Baum angeblich keine Früchte trägt. Inzwischen ist ersichtlich, dass er es doch tut. Im Herbst kommt es durch Fallobst zu rutschigen Matschflächen unter den Bäumen. Der Nachfolgebaum ist noch nicht beschlossen, aber vorausgewählt. Als aussichtsreichster Kandidat gilt die Säulenhainbuche, ein schlanker Baum, der sich auch mit der Bebauung vertrage. Verändert wird die Anordnung: Künftig gibt es nur noch eine Baumreihe, wo es heute zwei gibt. Die Zahl der Bäume an der Massener Straße sinkt von derzeit 13 auf dann nur noch zehn. Dies sahen Bürger kritisch: Bäume seien schließlich ein Beitrag zum Stadtklima.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Die Fahrradständer sollen künftig nur noch an den Rändern der Fußgängerzone zu finden sein – wie hier an der Sparkasse. © Marcel Drawe

Wo bleiben künftig die Fahrräder?

Ein neues Radparkkonzept sieht vor, öffentliche Abstellanlagen für Fahrräder aus der Fußgängerzone herauszuhalten und an ihren Rändern zu platzieren. An allen Zu- und Abgängen zum eigentlichen Fußgängerbereich soll es Ständer für sechs bis zehn Fahrräder geben. In der Fußgängerzone selbst gebe es dadurch auch mehr Platz für Bänke. Radfahrer sollen künftig ihr Rad an einem geeigneten Ständer anschließen und die Fußgängerzone zu Fuß erkunden. Diese Gedanken wurden in der Bürgerversammlung aus mehrfacher Hinsicht infrage gestellt. Es sei vielleicht realitätsfremd, wenn die Stadt annimmt, dass Radfahrer, die heute ihr Rad im Schiebebetrieb mit sich führen, künftig darauf verzichten. Aber auch die Zahl der Abstellanlagen an den Rändern der Fußgängerzone könne zu knapp bemessen sein, wie heute beispielsweise die Nutzung der Stände zwischen „Fässchen“ und Schnückel zeigt. Ein Mangel an geeigneten Fahrradparkplätzen in der Fußgängerzone könne letztlich dazu führen, dass viele Räder wild durcheinander an Laternen und Bäumen angekettet werden. Dies sei der Gestaltwirkung der Fußgängerzone vielleicht auch nicht dienlich.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Wlan-Router an den Laternen machen Unnas Fußgängerzone zum angeblich längsten Hotspot Westfalens. Allerdings beklagen Nutzer auch eine lange Leitung. © Mirko Seifert

Bietet der Neubau der Fußgängerzone auch die Chance auf schnellere Internetleitungen oder ein stabileres öffentliches Wlan-Netz?

Zumindest nimmt die Stadt vor dem Neubau Kontakt zu den Versorgern auf, die in den betroffenen Straßenbauwerken Leitungen liegen haben. Wer seine Kabel oder Rohre erneuern will, soll es bitte im Zuge des Neubaus erledigen, damit die Oberfläche der neuen Fußgängerzone danach möglichst lange nicht angetastet werden muss, erklärt Michael Ott. Welches Unternehmen eine Erneuerung seiner Leitungen für nötig hält, ist aber noch nicht abzusehen. Das Wlan-Netz könnte tatsächlich auch ein Thema sein. Der vermutlich „längste Hotspot Westfalens“ enttäuscht oft mit langsamer Leitung. „Die Router waren nachträglich an Laternen angebracht worden“, so Ott. Wenn nun neue Laternen gesetzt werden, biete es die Chance, über neue Arten der Wlan-Integration nachzudenken.

Konstruktive Kritik für Unnas künftige Fußgängerzone

Wasser gibt es schon in der Innenstadt. Die Verwaltung will lieber die vorhandenen Anlagen in Schuss halten, statt weitere anzulegen. © Udo Hennes

Kann die neue Fußgängerzone mehr Wasserelemente bekommen?

Einen solchen Antrag hat der Verein „Wir für Unna“ bereits vor einigen Monaten gestellt, und auch in der Bürgerversammlung trug eine Sprecherin des Vereins diese Idee vor. Vorgesehen ist diesbezüglich allerdings nichts. Unnas Planungsdezernent Michael Ott verwies auf die drei Brunnen am Rathaus, auf dem Alten Markt und am „Fässchen“ sowie auf das Wasserspiel an der Stadtkirche. „Wir haben, was das Thema Wasser angeht, schon einiges zu bieten. Wichtig erscheint mir, diese Anlagen zu pflegen“, so Ott.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Gerichtsprozess

Casino-Überfall mit Pistole in Unna: Nach sieben Jahren erinnern sich Zeugen kaum

Meistgelesen