Wie kann Unna seinen CO2-Ausstoß reduzieren? In Billmerich wird dies ausprobiert: Solaranlagen, Windkraft und energetisch sanierte Häuser heißen die Lösungen. Und die könnten als Blaupause für ganz Unna dienen.

Unna

, 04.02.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Weniger Treibhausgase, mehr Strom aus erneuerbaren Energien: So will Unna seine Klimabilanz verbessern. Klar: Das geht nur, wenn alle Bürger mitmachen. In Billmerich läuft noch bis Ende Mai ein Modellprojekt, das beispielhaft für die ganze Stadt werden könnte.

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? Was wird in Billmerich gemacht?

Kurz gesagt: Billmerich wurde klimatechnisch auf Herz und Nieren geprüft. Dazu sind die Fachleute der Beratungsfirma „Energielenker“ im Sommer 2019 durch Billmerich gegangen und haben sich die Gebäude angesehen. Welche Art von Häusern gibt es dort, Mehrfamilien- oder Einfamilienhäuser? Wie alt sind die Gebäude? Wo gibt es Photovoltaikanlagen auf den Dächern?
Mit einer Umfrage wollten die „Energielenker“ von allen Haushalten in Billmerich zudem wissen: Wie alt sind die Heizungen? Welche Art von Heizung wird genutzt? Wie hoch ist der Stromverbrauch? In der Umfrage wurde aber auch um Anregungen gebeten, die die Mobilität und Nahversorgung betreffen.

? Was ist das Ziel?

Ziel ist es, im „Quartier Billmerich“ Konzepte zur Steigerung der Energieeffizienz der Gebäude, zum Ausbau der erneuerbaren Energien und alternative Mobilitätskonzepte gemeinsam zu entwickeln. Dahinter steckt Unnas Teilnahme am „European Energy Award“, einem europäischen Gütezertifikat für die Nachhaltigkeit der Energie- und Klimaschutzpolitik von Gemeinden.

Klimaschutz: So soll Billmerich eine Vorreiterrolle für ganz Unna einnehmen

Allein durch den Wechsel zu LED-Leuchtmitteln bei den Straßenlaternen hat Unna 38 Prozent Energie eingespart – auch eine Maßnahme im Rahmen des „European Energy Award“. © Stadtwerke Unna

Unna hat seit Oktober 2019 den Silber-Status dieses Zertifikats erreicht. Sinkt die CO2-Bilanz der Stadt beispielsweise durch energieeffizientere Gebäude so wie es in Billmerich geplant ist, kann Unna den Gold-Status erreichen. Was Unna davon hat? Ein „öffentlichkeitswirksames Zeichen für das Engagement der Stadt in den Bereichen Energieeffizienz und Klimaschutz“ – so zumindest verspricht es die Website des „European Energy Award“.

? Wie soll das aussehen?

Die Erstellung einer Energie- und CO2-Bilanzierung für das Stadtgebiet Unna ist elementarer Bestandteil des Projekts „European Energy Award“. Wesentliche Parameter der Bilanz sind die Energieverbräuche der Haushalte, des Gewerbes und der Industrie. Mit der Bestandsaufnahme in Billmerich wurde genau dies gemacht. Anhand der Ergebnisse können geeignete Maßnahmen vorgeschlagen werden, die die Energiebilanz jedes Haushaltes und damit in Summe der Stadt Unna verbessern.

? Warum wurde gerade Billmerich ausgewählt?

Billmerich ist überschaubar. Zum anderen hat das Dorf gleich zwei alternative Energien direkt vor der Haustür: Die Windräder auf dem Ostenberg liefern schon seit 20 Jahren Strom. Und in Billmerich gibt es 47 Photovoltaikanlagen, teilweise schon seit vielen Jahren. Beide Stromlieferanten gelten als Alternativen zu aus Kohle und Kernkraft erzeugtem Strom.

Klimaschutz: So soll Billmerich eine Vorreiterrolle für ganz Unna einnehmen

Die Windräder auf dem Ostenberg liefern bereits seit 20 Jahren Strom. © Udo Hennes

Allerdings müssten sowohl die Windräder als auch die Photovoltaikanlagen künftig anders genutzt beziehungsweise umgerüstet werden, damit sie weiterhin rentabel sind. Denn ab 2021 laufen die ersten Förderungen aus, die nach der EEG-Umlage den Betreibern von Photovoltaik-Anlagen jahrelang gezahlt wurden. Heißt: Wer eine Anlage auf dem Dach hat, bekam bisher Geld für den Strom, den er auf diese Weise ins Stromnetz einspeiste. Fällt die Anlage aus der Förderung raus, bleibt der Betreiber gewissermaßen auf dem Strom sitzen.

? Was kam bei der Umfrage/Begehung in Billmerich heraus?

Zunächst vieles, was offensichtlich ist: In Billmerich stehen überwiegend Einfamilienhäuser, die größtenteils schon vier Jahrzehnte und mehr auf dem Buckel haben. Das hat Folgen: Diese Häuser wurden größtenteils vor den Wärmeschutzverordnungen gebaut, die den Verlust von Wärme aus dem Haus verringern sollen. Bedeutet: Bei diesen Häusern gibt es viel Optimierungspotenzial, was den Energiehaushalt betrifft. Dazu kommt: In vielen dieser Häuser gibt es Heizungen, die 20 Jahre oder älter sind – auch das sind klassische Energiefresser.

Klimaschutz: So soll Billmerich eine Vorreiterrolle für ganz Unna einnehmen

Das Neubaugebiet an der Hermann-Osthoff-Straße ist von modernen Häusern gesäumt – eine Ausnahme, denn die meisten Häuser in Billmerich sind 40 Jahre oder älter. © www.blossey.eu

Insgesamt verbraucht ganz Billmerich aktuell rund 30.000 Megawattstunden Strom im Jahr. Den größten Teil davon machen die Privathaushalte aus. Anders ausgedrückt: Jeder Billmericher hat einen CO2-Ausstoß von 4,3 Tonnen im Jahr. Das ist weniger als der deutsche Durchschnitt: jeder Bundesbürger verbraucht laut Umwelt-Bundesamt rund elf Tonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr.

? Was passiert mit den Ergebnissen?

Die „Energielenker“ und die Stadtwerke Unna haben verschiedene Szenarien entwickelt, wie die alternativen Energien in Billmerich effektiver genutzt werden können. Zudem können sich Hausbesitzer beraten lassen, wie sie ihr Haus energetisch sanieren können.

Klimaschutz: So soll Billmerich eine Vorreiterrolle für ganz Unna einnehmen

So viele Solaranlagen wie auf dem Bild hat kein Dach in Billmerich. Aber 47 Anlagen dieser Art gibt es in dem Dorf bereits. © picture alliance / dpa

Ein Szenario: Würden zu den bisherigen 47 Photovoltaikanlagen 56 weitere hinzukommen, wären 25 Prozent der verfügbaren Dachflächen in Billmerich für die Gewinnung von Sonnenenergie genutzt. Damit könnten rund 746 Tonnen Treibhausgase im Jahr eingespart werden. Noch mehr wären es, wenn 50 Prozent der Dachflächen für Photovoltaikanlagen genutzt würden: Dann könnte Billmerich nicht nur fast 1500 Tonnen Treibhausgase einsparen, sondern gleichzeitig auch rund 3800 Megawattstunden Strom im Jahr produzieren.

? Was haben die Bürger davon?

Zum einen haben sie jetzt die Möglichkeit, mit den sehr konkreten Ergebnissen aus der Befragung eine Beratung zur Energieeffizienz ihres Hauses zu bekommen. Wer eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat, kann sich bei den Stadtwerken informieren, welche Möglichkeiten es für die Anlage nach dem Auslaufen der EEG-Fördergelder gibt. Und: Die Anregungen, die die Billmericher im Rahmen der Umfrage in Bezug auf Mobilität und Nahversorgung in ihrem Ort gegeben haben, helfen den Stadtplanern auch an anderer Stelle.

Klimaschutz: So soll Billmerich eine Vorreiterrolle für ganz Unna einnehmen

Billmerich soll als Modellversuch für ganz Unna gelten, was den Klimaschutz angeht. © www.blossey.eu

Auch die Unnaer außerhalb Billmerichs können langfristig von diesem Modellversuch profitieren. Erfahrungen aus Billmerich können in die Energie-Sanierung von weiteren Wohnhäusern einfließen, auch in die von Mehrfamilienhäusern. Hier spielen vor allem die Wohnungsbaugesellschaften eine wichtige Rolle. Und ein energetisch modernes Haus bedeutet immer auch geringere Energiekosten für die Bewohner – egal, ob Mieter oder Eigentümer.

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