In NRW-Kindergärten (Symbolbild) gilt ein eingeschränkter Pandemiebetrieb. Grundsätzlich sind die Einrichtungen geöffnet. Dies ruft Kritik hervor. © Symbolfoto: picture alliance / Jens Büttner
Kinderbetreuung

„Kitas schließen“: Erzieher haben wegen Corona Angst um ihr Leben

Der Corona-Tod einer Kollegin besorgt Erzieher einer Kindertagesstätte enorm: Sie haben Angst um ihre Gesundheit – und richten sich mit einem Hilferuf an die Politik.

Lockdown in NRW: Viele Geschäfte und alle Restaurants sind geschlossen, Veranstaltungen verboten. Einrichtungen, die Kinder betreuen, müssen aber geöffnet bleiben, damit die Eltern arbeiten können. Aber auch in diesen Einrichtungen arbeiten Menschen. Und einige von ihnen haben Angst.

Ärger schwelt schon länger

Das Team einer Kindertageseinrichtung meldet sich mit einer Art offenem Brief zu Wort. Die Erzieher wollen den Namen ihrer Kita nicht öffentlich machen. Ein Grund dafür: Sie wollten Eltern nicht bloß stellen, die mit der Corona-Situation sehr verantwortungsvoll umgingen – Eltern, die ihre Kinder nicht zur Betreuung geben, weil es für sie nicht dringend nötig ist.

Stellungnahme

Das sagt das Ministerium

Das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen ist zuständig für die Regelungen zur Kinderbetreuung. Das Ministerium unter Leitung von Joachim Stamp (FDP) hat zu den Vorwürfen Stellung bezogen, deren Inhalte wir hier widergeben.

  • „In Nordrhein-Westfalen gilt derzeit ein eingeschränkter Pandemiebetrieb in den Kindertageseinrichtungen. Die Landesregierung appelliert zudem an alle Eltern, ihre Kinder, wenn immer möglich, selbst zu betreuen. Aus beruflichen oder familiären Gründen ist eine Betreuung aber möglich. Wenn Kinder zu Hause betreut werden, können Kinderkrankentage in Anspruch genommen werden. Hier hat der Bund eine Ausweitung der bisher bestehenden Regeln bekanntgegeben.“

Da die aktuelle Corona-Schutzverordnung eine Notbetreuung erlaubt, wird sie von vielen aber auch in Anspruch genommen. Und die Erzieher dieser Einrichtung veranlasst die Situation inzwischen, ihrem schon länger schwelenden Ärger Luft zu machen.

Erzieher sehen sich als „Mitteleinsatz“

„Wir fühlen uns von der Politik nicht als Menschen wahrgenommen“, heißt es in einem Text, den das Team gemeinsam aufgesetzt hat. „Wir sind ein Mitteleinsatz, der für die Aufrechterhaltung der Kinderbetreuung zu sorgen hat.“

Stellungnahme

Das sagt das Ministerium

  • „Die Sorgen der Beschäftigten nehmen wir sehr ernst und wissen um ihr großartiges Engagement und ihren liebevollen Einsatz für die Kinder ebenso wie um die großen Herausforderungen in der andauernden Pandemie-Situation.“
  • „Die Bekämpfung der Corona-Pandemie stellt die Beschäftigten in der Kindertagesbetreuung, aber auch Eltern und die Kinder – unsere Gesellschaft insgesamt – vor enorme Belastungen. Wir sind mit allen Akteurinnen und Akteuren der Kindertagesbetreuung im permanenten Austausch und passen unsere Maßnahmen fortlaufend an.“

In den großen Verlautbarungen zu Corona-Schutzmaßnahmen in NRW, so die Wahrnehmung der Erzieher, würden viele Bereiche als wichtig angesprochen: Schulen, Krankenhäuser, Pflegepersonal. „Aber was ist mit uns?“, fragt die Kita-Leiterin im Gespräch mit unserer Redaktion. Wie in anderen Einrichtungen stehe ihr und ihren Kollegen keine Schutzkleidung zur Verfügung. Sie könnten nicht auf Abstand mit den Kindern arbeiten. Was ist mit dem Ansteckungsrisiko? „Auch wir haben zu Hause Menschen, die zu vulnerablen Gruppen gehören. Oma, Opa – auch wir haben Familien.“

Tod einer Kollegin in Kamen macht betroffen

Der Tod einer Erzieherin in der Nachbarstadt Kamen hat in diesem Unnaer Kita-Team großes Mitgefühl ausgelöst – und Schrecken. Dieses Opfer des Virus war erst 44 Jahre alt. 41 Kinder und Beschäftigte der betroffenen Kamener Kita hatten sich im Dezember als corona-positiv herausgestellt. Damit sei es deutlich, dass die Mitarbeiter von Kindertagesstätten einer täglichen Gefahr ausgesetzt seien, heißt es in dem kritischen Schreiben. Mit Studien über das Infektionsgeschehen in Kitas versuche die Politik, „Erzieher in einer falschen Sicherheit zu wiegen, damit sie bloß weiter ihre Arbeit verrichten“.

Eltern haben in NRW die Möglichkeit, Kinder in Kitas betreuen zu lassen (Symbolfoto). Das Land richtet lediglich einen Appell an die Erziehungsberechtigten: Kinder bitte zuhause betreuen, wenn es geht. © dpa © dpa
Stellungnahme

Das sagt das Ministerium

  • „Familienminister Stamp hat sich seit Beginn der Pandemie sehr für die Kinder und Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflegepersonen und Eltern eingesetzt und unter anderem auch mit offiziellen Informationen, Empfehlungen, Informationsschreiben sowie persönlichen Briefen unterstützt und transparent informiert.“
  • Das Ministerium berichtet von einem Alltagshelferprogramm mit einem NRW-weiten Volumen von 147 Millionen Euro (2021). Ziel: Entlastung der Träger bei gesteigerten Kosten für Arbeitsschutz- und Hygieneausrüstung und Entlastung der Kita-Fachkräfte in der Pandemie.
  • „Zudem haben die Beschäftigten und Kindertagespflegepersonen insgesamt 4 Millionen FFP2-Masken zur Verfügung gestellt bekommen.“
  • Das Land NRW trage zudem Kosten für eine festgelegte Anzahl freiwilliger Corona-Tests für Kita-Beschäftigte.

Gesundheit und Leben einsetzen für die Arbeit?

„Wer hat das Recht, uns zu sagen, dass wir für unsere Arbeit unsere Gesundheit und unser Leben einsetzen müssen?“, heißt es weiter im Schreiben des Erzieher-Teams. In Kindertagesstätten sei man einiges gewohnt: Windpocken, Scharlach, Noroviren, Läuse, ja sogar Krätze. „Doch niemals war die Rede von einem Virus, das ernsthaft und auch nachhaltig unsere Gesundheit schädigt und uns sogar das Leben kostet.“ Dies sei nicht übertrieben, Krankenkassen meldeten unter der Berufsgruppe der Erzieher die größte Infektionshäufigkeit.

Das Personal in Kindergärten macht sich Sorgen um die eigene Sicherheit. Gleichzeitig müssten auch viele dieser Menschen die Betreuung der eigenen Kinder organisieren. „Das wird in der Politik übersehen“, sagt die Kindergartenchefin. Sie und ihre Kollegen kommen zu dem Schluss: Entweder die Verantwortlichen denken darüber nicht nach – oder: „Wir haben manchmal den Eindruck, ein gewisser Kollateralschaden wird einfach in Kauf genommen.“

Stellungnahme

Das sagt das Ministerium

  • „Die Landesregierung hat sich bewusst dafür entschieden, dass es keine Notbetreuung wie im Frühjahr gibt. Alternative wäre ein Betretungsverbot der Kitas mit Notbetreuung bestimmter Berufsgruppen gewesen. Diese Regelung, die wir zu Beginn der Pandemie vorgenommen haben, hat zu erheblichen Ungerechtigkeiten und Missgunst zwischen den Eltern geführt. Wir wollen allen Kindern, die Betreuung in der frühkindlichen Bildung benötigen, dieses Angebot auch weiterhin machen.“

Kinder in Betreuung, obwohl Eltern daheim sind

„Eltern müssen sich auch zerreißen. Das ist uns klar“, sagt die Pädagogin. Sie habe Verständnis dafür, wenn Mütter und Väter sich gezwungen sehen, ihre Kinder in der Einrichtung betreuen zu lassen. Wenig Verständnis hingegen bringen die Erzieher gegenüber Eltern auf, die ihre Kinder abliefern, obwohl es nicht nötig wäre. Von mancher dieser Familien wisse das Team, dass ein Elternteil zu Hause ist und Zeit hätte.

„Hier werden auch Kinder gebracht, weil die Eltern nicht wissen, wie sie sie zu Hause noch beschäftigen sollen“, sagt die Kita-Chefin. Mit dem Argument, das Kind brauche sozialen Kontakt, werde die Situation von manchen Eltern schön geredet. „Corona deckt viele Dinge auf, die vorher schon im Argen lagen.“

Stellungnahme
  • „Die Stundenreduzierung ist erforderlich, um die Umsetzung der erforderlichen Hygiene- und Infektionsschutzstandards und insbesondere die Gruppentrennung gesichert zu ermöglichen. Um die einzelnen Gruppen strikt voneinander zu trennen und unmittelbaren Kontakt zwischen den Gruppen vermeiden zu können, müssen die Einrichtungen in der Regel Umstrukturierungen am gesamten pädagogischen Alltag (…) vornehmen, die es nicht mehr ermöglichen, die vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten vollumfänglich vorzuhalten.

Erzieher sehen Risiko trotz Einschränkungen

In diesem Kindergarten werden freilich derzeit deutlich weniger Kinder betreut als zu normalen Zeiten. Das Personal stehe aber auch nicht komplett zur Verfügung, erklärt die Leiterin. Ein verringertes Infektionsrisiko durch den „eingeschränkten Pandemiebetrieb“ gemäß der aktuellen Corona-Betreuungsverordnung sehen die Erzieher nicht. Auch nicht durch die angeordnete Verringerung der Betreuungszeiten: „Die reduzierte Betreuungszeit hilft uns nicht. Ob Kinder und Erzieher vier oder zwei Stunden zusammen in einem Raum sind, macht keinen Unterschied.“

Im Zweifel Kitas schließen

„Wir fordern mehr Schutz“, resümiert das Kita-Kollegium. „Und wenn das bedeutet, dass die Kitas schließen müssen, ist das so. Wir haben nur dieses eine Leben!“

Über den Autor
Redaktion Unna
Jahrgang 1979, stammt aus dem Grenzgebiet Ruhr-Sauerland-Börde. Verheiratet und vierfacher Vater. Mag am Lokaljournalismus die Vielfalt der Themen und Begegnung mit Menschen. Liest immer noch gerne Zeitung auf Papier.
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Thomas Raulf
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