Der Kiosk an der Massener Straße zählt zu den traditionsreichsten in der Stadt. Jetzt steht er leer. Und das in Zeiten, in denen die Trinkhallenkultur ohnehin in Gefahr ist.

von Charlotte Groß-Hohnacker

Unna

, 16.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Pächter gesucht“ steht in dem Fenster an der Massener Straße 29, durch das bis vor Kurzem noch Getränke, Zeitschriften und Zigaretten verkauft worden sind. Jetzt bleibt das Rollgitter vorerst unten. Der traditionsreiche Kiosk gegenüber dem Kino ist geschlossen. Aus gesundheitlichen Gründen gab die Pächterin das Geschäft mit Jahrzehnte langer Tradition auf.

„Seit 1900 Erfrischungen“ steht über dem Schiebefenster. So, wie es heute steht, wurde das Gebäude freilich erst 1950 gebaut. Emil Jokisch eröffnete darin einst den Kiosk, den schließlich sein Neffe Reinhold Thielemeier übernommen und bis 1988 selbst betrieben hat. Eigentümerin ist auch heute noch die Familie Thielemeier, seit dem Tod ihres Vaters verpachten die Geschwister den Kiosk jedoch. Und sie sind zuversichtlich, dass der Kiosk bald wieder öffnen kann. „Für einen gut geführten Kiosk an prominenter Stelle bestehen Zukunftschancen“, ist Andreas Thielemeier sicher, dass es „immer noch ein Kiosk-begeistertes Publikum“ gibt.

Geschichte

Über die Ursprünge des Kiosks

  • Seine Wurzeln hat der Begriff Kiosk in der islamischen Kultur, wo er ein pavillonartiges Gebäude bezeichnet. Das deutsche Wort stammt vom französischen „kiosque“, das wiederum auf den türkischen Begriff „kösk“ zurückgeht – übersetzt: „Gartenpavillon“.
  • Einige der ältesten Beispiele finden sich im Iran, in Indien und der Türkei. Von hier aus gelangte der Stil in die Parks und Gärten europäischer Adeliger – und wurde damit zum Vorbild für Zigtausende Verkaufsstände in Europas Großstädten.
  • Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Kiosk ins Ruhrgebiet, diente zunächst der Trinkwasserversorgung der Arbeiterschaft. Mit wachsendem Wohlstand infolge der Industrialisierung wurde auch das Sortiment mit Tabak, Zeitungen, Snacks und kalten Getränken erweitert.
  • Infolge des Rückzugs der Schwerindustrie aus dem Ruhrgebiet mussten mehr und mehr Kioske schließen. Gleichwohl gilt das Revier nach wie vor als Hochburg der „Trinkhalle“, wie der Kiosk hier zumeist genannt wird. Ebenfalls weit verbreitet sind sie rund um Berlin, Hamburg und Köln.
  • In den Jahren 2016 und 2018 feierte das Ruhrgebiet seine Kioskkultur mit dem „Tag der Trinkhallen“ mit Kulturveranstaltungen rund um die Kioske im Revier.

Die goldenen Zeiten der Branche sind aber freilich vorbei. Valide Zahlen gibt es nicht. Jedoch haben nach Schätzungen des Handelsverbands Deutschland (HDE) bis 2018 binnen zehn Jahren bundesweit rund 2000 Kioske geschlossen; demnach gab es in Deutschland noch rund 23.500. Andere gehen von deutlich mehr aus, in einer Studie der Berliner Marktforscher „Globis Consulting“ ist von 40.000 Kiosken die Rede.

In Unna haben viele Kioske geschlossen

Wie auch immer, der Markt ist rückläufig. Eine Entwicklung, die sich auch in Unna nachzeichnen lässt. Waren es 2012 noch 14, sind es laut Heinz Glade vom Wirteverein Unna heute kaum mehr als fünf Kioske im Stadtgebiet. Die Stadtverwaltung kann keine genauen Zahlen zum Unnaer Kioskbestand nennen. Es seien noch „rund zehn“ in Betrieb. Tendenz sinkend.

Glade ist weniger optimistisch als Thielemeier. Zu hoch sei die Konkurrenz durch Supermärkte und Tankstellen, wo Kunden teils rund um die Uhr dasselbe Warenangebot wie im Kiosk zu teilweise kleineren Preisen kaufen könnten. Heute gibt es kaum eine Tankstelle ohne Shop – und seit der Novellierung des Ladenöffnungsgesetzes NRW im Jahr 2006 gibt es mit Ausnahme an Sonn- und Feiertagen auch keinen verbindlichen Ladenschluss mehr.

Nähe ist nicht mehr so wichtig

Noch dazu ist die Gesellschaft mobiler geworden: Ende 2018 waren im Kreis Unna über 307.000 Fahrzeuge gemeldet, womit rein statistisch jeder zweite Einwohner im Besitz eines Autos war. Und damit erledigt sich der Wocheneinkauf auch über größere Distanzen leicht. Mal eben zum Kiosk um die Ecke – allenfalls, wenn noch eine Kleinigkeit fehlt. Von diesen Kleinigkeiten leben können die Betreiber aber zumeist nicht.

Wenn der Kiosk in Unna nicht zum Denkmal werden soll, muss er vegane Süßigkeiten anbieten

Auch hier gingen einst Getränke, Süßigkeiten und Zeitschriften durchs Fenster: Der Kunst-Kiosk an der Ecke Massener Straße / Holbeinstraße. Nach mehr als 15 Jahren Leerstand wurde der Kiosk 2015 vom Künstlerehepaar Nowodworski renoviert und verschönert. Er ist heute eine Art Denkmal für die Trinkhallentradition im Ruhrgebiet. © Marcel Drawe

Gemeinsam mit seiner Frau betrieb Heinz Glade bis vor drei Jahren noch selbst einen Kiosk – nämlich den im Katharinen-Hospital. Seine Frau arbeitet seitdem dort nur noch als Angestellte. Die Lage ist gut, Kunden gehen an und für sich nicht aus. Maria Glade ist aber überzeugt: „Willst du in diesem Gewerbe etwas verdienen, musst du von Montag bis Sonntag selbst im Geschäft stehen.“

„Willst du in diesem Gewerbe etwas verdienen, musst du von Montag bis Sonntag selbst im Geschäft stehen.“
Maria Glade

Trendspielzeug und vegane Süßigkeiten

So wie der Betreiber des Kiosks an der Mittelstraße in Massen, der namentlich nicht genannt werden möchte. Seit mehr als zehn Jahren steht er von morgens fünf bis abends zehn in seinem Kiosk – nur stundenweise abgelöst von Angestellten. Klar, dafür braucht es Leidenschaft, aber auch eine gute Lage, damit am Monatsende etwas übrig bleibt. Der Kiosk an der Mittelstraße hat diese Lage zweifelsfrei. Zwei Schulen in der Nähe, dazu die Mittelstraße als gut frequentierte Straße. Morgens auf dem Weg zur Arbeit kurz anhalten, um Zigaretten und eine Zeitung fürs Büro zu kaufen. Mittags kommen die Schulkinder, um Süßigkeiten zu holen und abends nehmen sich die vorbeikommenden Leute noch schnell das Feierabendbierchen auf dem Weg nach Hause mit.

Gleichwohl hat der Inhaber mit der Konkurrenz durch Tankstellen und Supermärkte zu kämpfen, er sucht sich Nischen. Getränke, Zeitschriften und Zigaretten reichen nicht mehr – bei ihm gibt’s deshalb auch Trendspielzeug, vegane Süßigkeiten und einen Paketshop als zusätzliches Standbein.

Wenn der Kiosk in Unna nicht zum Denkmal werden soll, muss er vegane Süßigkeiten anbieten

Der Kiosk an der Mittelstraße in Massen: Seit mehr als zehn Jahren steht der Betreiber täglich in seinem Geschäft. © Udo Hennes

Kindheitstraum Kiosk

Er ist gewissermaßen groß geworden im Kiosk, hat als Steppke hin und wieder in der Bude seiner Mutter mit angepackt. Auch während des Studiums jobbte er im Kiosk und ist am Ende irgendwie dort hängen geblieben. „Früher hatten wir fünf Kioske, jetzt sind es nur noch zwei.“ Immerhin: Für einen seiner ehemaligen Kioske haben sich Nachfolger gefunden. Bina Günther und ihr Ehemann betreiben seit April „Bina’s Kiosk“ an der Königsborner Straße 59a in Massen. Das Ehepaar hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt: einen eigenen Kiosk. Für die beiden ist es ein Nebenjob für ein zusätzliches Taschengeld, sie machen es aus Spaß. Trotzdem haben sie schon viele Stammkunden. Der Kiosk sei eine Art Treffpunkt in dem Viertel, sagen sie.

Interessenten für Kiosk in der Stadtmitte

Es gibt Hoffnung: Dass auch in den Kiosk an der Massener Straße in Unnas Stadtmitte bald wieder Leben einkehrt – davon ist Andreas Thielemeier indes überzeugt. Sechs Interessenten hätten sich bereits gemeldet, sagt er. Spätestens im Oktober sollen sich Gittertor und Schiebefenster wieder öffnen.

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