Kein Personal, fehlende Unterstützung: Wieso Unna die Verkehrswende trotzdem schaffen kann

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Klimanotstand, Diskussion über Fahrradstraßen und Temporeduzierungen: Das sperrig klingende Thema „Verkehrswende“ scheint gerade in Unna massentauglich zu werden. Trotzdem wird der Weg nicht einfacher.

Unna

, 30.10.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

140 Parkplätze waren auf einen Schlag einfach mal weg. Als die Stadt Siegen vor einigen Jahren in der Innenstadt den Fluss Sieg freilegen ließ, verschwanden damit auch 140 Stellplätze für Autos, die bis dato über der zubetonierten Sieg Platz fanden. Im Gegenzug bekamen die Bürger Siegens einen Fluss mitten durch ihre Innenstadt und einen Platz mit hoher Aufenthaltsqualität. 140 Stellplätze – das wäre in Unna etwa so, als würde man das Parkhaus der Sparkasse und die derzeitigen Parkplätze an der Mühle Bremme wegnehmen. Undenkbar?

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Wieso eigentlich nicht? Diese Frage warf der Verkehrsplaner Gernot Steinberg am Dienstagabend im ZIB auf. „Man kann auch mal Großes wagen“, warb der Planer für mehr Mut bei dem sperrigen Thema Verkehrswende. Ein Thema, das so sperrig gar nicht scheint, wie es die Politik stets vermuten lässt, sondern offenbar sehr konkret den Alltag vieler Menschen betrifft. Denn die Resonanz auf die in Kooperation mit der VHS organisierte Veranstaltung war so riesig, dass die Veranstalter noch zahlreiche Stühle dazustellen mussten.

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Das, was Siegen gemacht hat, dürfte wohl genau das sein, was Eva-Lotta Vogt meinte, als sie an die Anwesenden appellierte, an alternativen Konzepten zum derzeitigen Autoverkehr zu arbeiten. „Da gibt es so viele Ansätze, alle sprechen darüber, zum Beispiel den Lieferverkehr mit Lastenfahrrädern zu entzerren. Denken Sie da bitte weiter, bleiben Sie da dran“, bat die Sprecherin der Grünen Jugend und „Fridays for Future“-Aktivistin die Anwesenden.

Kein Personal, fehlende Unterstützung: Wieso Unna die Verkehrswende trotzdem schaffen kann

David Hahne (links) und Eva-Lotta Vogt forderten alternative Konzepte zum Autoverkehr. © Anna Gemünd

Denn dass dringend gehandelt werden müsse, damit Unna Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher werde daran hat die 16-Jährige keine Zweifel. „Ich kann Eltern gut verstehen, die ihre Kinder nicht mit dem Fahrrad zur Schule schicken wollen, weil es einfach zu gefährlich ist.“ Wie gefährlich, das schilderte David Hahne eindrucksvoll: „Ich fahre mit dem Fahrrad aus Billmerich zur Schule und zurück und ganz ehrlich: Ich fühle mich dabei nicht sicher. Die Fahrradschutzstreifen sind nicht wirklich sinnvoll, man wird trotzdem von Autofahrern geschnitten. Das ist einfach kein sicherer Schulweg.“

Kein Personal, fehlende Unterstützung: Wieso Unna die Verkehrswende trotzdem schaffen kann

Die Platanenallee wird als Fahrradstraße von den Rad-Lobbyisten favorisiert: Sie bildet eine Hauptachse für den Schülerverkehr zum Schulzentrum Nord. © Marcel Drawe

„In aller Regel ist das Geld für solche Maßnahmen da, aber es scheitert am Personal.“
Verkehrsplaner Gernot Steinberg

Die Einrichtung einer Fahrradstraße, wie sie gerade zum wiederholten Male für die Platanenallee diskutiert wird, könnte Abhilfe schaffen – auch hier nannte Gernot Steinberg ein Beispiel aus der Praxis: „Die Stadt Tübingen hat an mehreren Stellen einfach mal ausprobiert, wie Fahrradstraßen funktionieren und ankommen. So schafft man noch keine endgültigen Fakten, bekommt aber ein Gefühl dafür, was das überhaupt heißt.“ Zumal das Aufstellen der Schilder keine Unsummen koste. Doch genau da liegt aus Sicht des Verkehrsplaners das Hauptproblem, das nicht nur Unna mit der Umsetzung der Verkehrswende hat. „In aller Regel ist das Geld für solche Maßnahmen da, aber es scheitert am Personal.“

Kein Personal, fehlende Unterstützung: Wieso Unna die Verkehrswende trotzdem schaffen kann

Stau hinter dem Ringtunnel: Das ist ein gewohntes Bild in Unna. © Marcel Drawe

Wenn eine Stadt ihr Verkehrskonzept tatsächlich umstellen wolle, dann braucht sie Fachleute zur Planung – und genau die sind Mangelware. „Die wenigen Leute, die es da auf dem Markt gibt, werden von den großen Städten abgegriffen“, sagt Steinberg. Für Unnas Ersten Beigeordneten Jens Toschläger ist es dagegen nicht allein der Personalmangel, der die Umsetzung neuer Verkehrskonzepte erschwert. Er sieht auch ein großes Problem in der mangelnden Unterstützung durch das Land. „Wir werden da an vielen Stellen einfach alleine gelassen“, sagte Toschläger und nannte als aktuelles Beispiel den Radschnellweg Ruhr (RS1).

„Wir werden da an vielen Stellen einfach alleine gelassen.“
Jens Toschläger, Unnas Erster Beigeordneter

Das ins Stocken geratene Projekt sei ganz wichtig, um das Thema Radfahren in den beteiligten Kommunen voranzubringen. Gemeinsam mit Vertretern der anderen RS1-Städte will Toschläger nun eine Absichtserklärung an Ministerpräsident Laschet schicken, die die Bedeutung des Radschnellweges betont – gerade auch mit Blick auf die Internationale Gartenausstellung (IGA), die 2027 im Ruhrgebiet stattfindet.

Unterstützung kann aber auch aus einer anderen Richtung kommen: Wie einer der Anwesenden anmerkte, sei doch allein schon das große Interesse an der Verkehrswende ein positives Zeichen. „Wir als Bürger sind doch eine ganz wichtige Unterstützung, denn wir müssen das doch mit Leben füllen.“ Und das hieße im Zweifelsfall auch: Auf Autostellplätze in der Innenstadt zu verzichten.

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