Kein gutes Jahr für Pilze in Unna

Versteckt im Boden

Pilze und Pilzsammler haben es in diesem Jahr nicht leicht. Wegen der Dürre der letzten Monate ist jetzt zum beginnenden Herbst kaum ein Pilz im Wald zu sehen. Doch es gibt noch Hoffnung auf volle Pilzkörbe, weiß Apotheker und Pilzexperte Erhard Kaiser aus Unna.

von Stephanie Tatenhorst und Ilka Bärwald

, 01.10.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Kein gutes Jahr für Pilze in Unna

Ein Sammler schneidet im Wald einen Butterpilz ab. Für die eindeutige Bestimmung sollte man Pilze jedoch herausdrehen, empfehlen Experten.dpa © picture alliance / Bernd Settnik

Im vergangenen Jahr war das ganz anders: Dank der Kombination von Wärme und viel Regen ließen 2017 viele Pilz-Arten ihre Fruchtkörper bereits Ende August aus dem Boden sprießen. Schon in den Sommerferien waren daher viele Sammler in den Wäldern unterwegs.

2018 war daher bislang nicht nur für die Bauern aufgrund der Trockenheit ein schlechtes Jahr, sondern auch für viele Pilzsammler. Laut Deutschem Wetterdienst war der diesjährige Sommer der zweitheißeste seit Beginn regelmäßiger Messungen im Jahre 1881. Nur 2003 war es noch heißer. Regen fiel nur im äußersten Norden und Süden Deutschlands in ausreichender Menge.

Es lohne sich im Moment nicht, mit Körbchen in den Wald zu gehen, sagt Friedrich Louen von Wald und Holz NRW. „Zwei Seminare haben wir schon absagen müssen, Exkursionen kann man sich sparen“, so Louen weiter.

„Das kann man jetzt schon sagen: 2018 wird kein gutes Pilzjahr“, glaubt Thomas Kalveram aus Essen. Er ist im Naturschutzbund (Nabu) Ruhr aktiv und geprüfter Pilz-Sachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM), das heißt, er berät unter anderem Sammler, die sich unsicher mit gefundenen Pilzen sind.

„Das kann man jetzt schon sagen: 2018 wird kein gutes Pilzjahr“
Thomas Kalveram, geprüfter Pilz-Sachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie

In Unna übt Erhard Kaiser genau diese Funktion aus. Er legte im vergangenen die Prüfung zum Sachverständigen bei der DGfM ab und plant derzeit diverse Pilzseminare und Informationsveranstaltungen. „In diesem Jahr lohnt sich das nicht mehr, also machen wir es nächstes Jahr“, so Kaiser, der mit Umwelt- und Naturschutzverbänden zusammenarbeitet.

Kaiser weiß aber, dass es auch unter den Pilzen Gewinner und Verlierer gegeben hat: Die Parasiten, die Bäume und Pflanzen als Schädlinge befallen, haben es in diesem Jahr leichter, einen Wirt zu finden. Die durch die lange Dürre geschwächten Bäume sind leichtere Opfer als in den Vorjahren. „Die Mykorrhiza, die pilzbildenden Pilze, die teils zum Verzehr geeignet sind, leben jedoch mit den Bäumen zusammen. „Der eigentliche Pilz ist im Boden und hilft dem Baum bei der Versorgung mit Wasser und Mineralien“, erklärt Kaiser. „Im Gegenzug versorgt der Baum den Pilz mit Zucker, da Pilze keine Photosynthese betreiben können.“ Der Steinpilz ist zum Beispiel so ein Pilz, und der lebt nur dort, wo ihm die Bäume etwas zurückgeben können. Das ist in diesem Jahr schwierig.“

Ganz ist die Hoffnung auf Pilze im Herbst aber noch nicht geschwunden: Da ein Pilz zum überwiegenden Teil aus Wasser bestehe, könne er bei ausreichendem Regen auch innerhalb weniger Tage wachsen, erklärt Louen. „Am besten schaut man in einer Wetterapp, wo es in den vergangenen sechs Wochen höhere Niederschlagsmengen gegeben hat“, rät Kaiser. „Und wenn es da dann auch noch Laub- oder Nadelwald gibt, stehen die Chancen gut.“ Für Unna direkt sieht der Experte jedoch eher schwarz: „Hier gibt es immer weniger Regen als woanders. Man sollte schon Richtung Sauerland, nach Iserlohn oder in den Schwerter Wald fahren.“

Gute Chancen auf Steinpilze und Pfifferlinge habe man im Sauerland, ebenso in den Wäldern der Hohen Mark. Auf Wiesen hingegen wachse der Parasol-Speisepilz. Zur Erkennung durch Anfänger eigneten sich Röhrlinge gut, zu denen auch der Steinpilz gehört. „Hier besteht relativ wenig Verwechslungsgefahr“, sagt Pilz-Experte Kalveram. Lamellenpilze wie der Champignon seien da schon schwieriger zu bestimmen. Dieser weise auf den ersten Blick – beziehungsweise in jungem Zustand – Ähnlichkeit mit dem Grünen Knollenblätterpilz auf, der tödlich giftig und Ursache für die meisten Pilz-Vergiftungen hierzulande sei. „Den habe ich letztes Jahr in Königsborn gefunden“, warnt auch Kaiser vor diesem Pilz, den vor allem Syrer oft mit heimischen Arten verwechseln. „Seit Tschernobyl sind die Deutschen verschreckt und nicht mehr so auf Pilzjagd wie unsere Nachbarn vor allem im Osten“, weiß Kaiser. Doch langsam steige das Interesse wieder. Vergiftungen rührten oft aus einer Mischung aus „Leichtsinn und Unkenntnis“, glaubt Kalveram. „Der Grüne Knollenblätterpilz kann auch einen weißen Kopf wie der Champignon haben, riecht sehr lecker und sieht appetitlich aus.“ Er empfiehlt Anfängern daher, an geführten Exkursionen teilzunehmen, wie sie zum Beispiel Volkshochschulen anbieten. „Man sollte sich jemandem anschließen, der sich gut auskennt.“

Wer sich beim Sammeln jedoch unsicher ist, kann jederzeit zu Pilzexperten wie Erhard Kaiser gehen. „Generell sollte man nur sammeln, was man kennt“, rät der. „Man kann nicht seinen Korb vollmachen und dann zu mir kommen, damit ich aussortiere“, betont Kaiser. „Auch im Sinne des Artenschutzes sollte man da schon mit Verstand ans Werk gehen.“

Von Apps zur Pilzerkennung sollten Anfänger komplett die Finger lassen, empfiehlt Wolfgang Prüfert von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Das könne nämlich lebensgefährlich sein.

Pilzfreunde sollten zudem wissen, dass nicht alle Pilze gesammelt werden dürfen. In NRW gibt es laut Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) etwa 3700 so genannte Großpilze. Ungefähr 40 Prozent davon stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Laut Bundesartenschutzverordnung stehen folgende Pilze unter besonderem Schutz: Alle heimischen Trüffel-Arten, Semmel-Porlinge, Saftlinge sowie die Arten Schaf-Porling, Kaiserling, Weißer und Gelber Bronze-Röhrling, Sommer-Röhrling, Echter Königs-Röhrling, Blauender Königs-Röhrling, Erlen-Grübling, März-Schneckling und Grünling.

Nur in geringen Mengen zum Eigengebrauch gesammelt werden dürfen Steinpilze, Schweinsohr, Brätling, Birkenpilze, Rotkappen, Morcheln sowie alle Arten von Pfifferlingen. Zwei Kilogramm pro Sammler und Tag dürfen im Kreis Unna gesammelt werden. In anderen Regionen sollte man sich im Zweifel an das jeweilige Forstamt oder die Landschaftsbehörde des Kreises oder der kreisfreien Stadt wenden.

Auch wenn der Gang in die Pilze in diesem Jahr mühselig sein dürfte, im kommenden Jahr kann es wieder ganz anders aussehen. „Pilze sind immer bestens angepasst“, weiß Kaiser. „Sie sind älter als die Tiere und Pflanzen, die regenerieren sich schnell wieder“, ist er überzeugt.

Sammeln im Naturschutzgebiet ist grundsätzlich verboten und wird mit Bußgeldern bestraft, ebenso das ungenehmigte gewerbliche Pilzsammeln, meistens in Höhe des wirtschaftlichen Wertes. In Baden-Württemberg wurden erst vor Kurzem zwei Sammler mit 19 Kilo Steinpilzen erwischt – 1700 Euro Strafe waren da fällig.

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