„Wie Krankheitshaft“: Karnevalist Scherer (85) kann Coronavirus trotzdem etwas Gutes abgewinnen

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Der Schutz vor dem Coronavirus zwingt auch Helmut Scherer, Zuhause zu bleiben. „Krankheitshaft“, nennt er das. Trotzdem kann er dieser Zeit etwas Positives abgewinnen. „In der Gesellschaft verändert sich etwas“, sagt er.

Unna

, 07.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bei Helmut Scherer läuft Volksmusik. Rauf und runter. Viel mehr bleibt dem 85-Jährigen nicht. Jetzt, da er sein Appartement am Katharinen-Hospital zum Schutz vor einer Ansteckung mit Covid-19 nicht mehr verlassen soll.

„Furchtbar, das ist ja wie Krankheitshaft.“
Helmut Scherer (85)

Auf einen täglichen Spaziergang besteht er. Ein, zwei Stunden. „Sonst fällt mir hier die Decke auf den Kopf“, sagt er. Ansonsten sieht er dieser Tage nicht viel mehr als seine eigenen vier Wände. Die von ihm so geliebte Krankenhaus-Cafeteria ist dicht. Das Essen wird ihm zwar gebracht – aber nur noch vor die Tür gestellt. „Furchtbar, das ist ja wie Krankheitshaft“, sagt er.

Coronavirus soll sich „zum Teufel scheren“

Scherer – das ist der Mann, der sonst jede Menge Spaß versteht. Sein Ein-Mann-Zug jedes Jahr zu Karneval durch Unna ist bundesweit bekannt. Seit über 60 Jahren macht der gebürtige Paderborner das. In diesem Jahr aber musste der Solokarnevalist kurzfristig absagen. Aus gesundheitlichen Gründen. Der Frust darüber sitzt immer noch tief.

Jetzt sorgt das um sich greifende Coronavirus für noch mehr Trübsal bei ihm. Und da hört der Spaß dann auch für Scherer auf. Er kocht vor Wut. Corona solle sich zum Teufel scheren, ist einer der wenigen zitierfähigen Sätze in diesem Zusammenhang. Ansonsten hat er nur unflätiges Vokabular für das Coronavirus übrig.

„Schade, dass immer erst etwas passieren muss, damit die Menschen zusammenrücken.“
Helmut Scherer (85)

Und doch gibt es da etwas, das ihm Mut macht. Die Corona-Krise hole das Gute im Menschen wieder hervor. „In der Gesellschaft verändert sich etwas. Die Leute sind viel freundlicher zueinander, helfen sich gegenseitig – das habe ich so auch noch nicht erlebt“, sagt er. Schade sei nur, dass „immer erst etwas passieren muss, damit die Menschen zusammenrücken“. Umso mehr wünsche er sich, dass der neue Zusammenhalt dieser Gesellschaft, dass „die neue Menschlichkeit die Krise übersteht“, so Scherer.

Ein Bild aus 2016, aber auch heute noch packt Helmut Scherer so gut es geht mit an am Katharinen-Hospital. Nur jetzt darf er nicht, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

Ein Bild aus 2016, aber auch heute noch packt Helmut Scherer so gut es geht mit an am Katharinen-Hospital. Nur jetzt darf er nicht, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. © Marcel Drawe / Archiv

Im Moment nutzt Helmut die Scherer die Zeit Zuhause, um in Erinnerungen seines langen Lebens zu schwelgen – aber auch, um Pläne für die Zukunft zu schmieden. „Ich werde noch gebraucht, und das gibt mir ein gutes Gefühl“, sagt der 85-Jährige, der in den Grünanlagen des Krankenhauses gerne aufsammelt, „was irgendwelche Schmierfinken da hin werfen“.

Scherer plant Umzug für die Zeit nach dem Coronavirus

Wenn das alles vorbei ist, die Menschen ihr Leben wieder zurückhaben, dann will er den Ein-Mann-Zug mit seinem Musikwagen durch Unna nachholen. Dann sozusagen zur Feier, da die Menschheit das Coronavirus überstanden hat. Und dieses Virus, sagt Scherer, könne sich schon mal auf ein ganz böses Motto einstellen.

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