Nur wenige Tage nach Fällung der Blutbuche an der Post kommt die nächste Hiobsbotschaft: 80 Bäume, überwiegend Buchen, müssen in Billmerich gefällt werden. Schuld ist wieder einmal die Trockenheit.

Billmerich

, 26.11.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte Matthias Müller nur die Totholz-Entfernung vorbereiten. Vor etwas über einem Jahr hatte der für Unna zuständige Revierförster gemeinsam mit dem städtischen Umweltamt die Buchen zwischen Waldstadion und Waldstraße begutachtet – mit dem Ergebnis: Einzelne Bäume müssten entfernt, bei anderen Totholz entnommen werden. Doch als Matthias Müller am Dienstagmorgen den Buchenwald betritt, erschrickt er sich.

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„Die Schäden an den Buchen sind enorm, viel größer als noch bei der Begutachtung damals“, schildert Müller die Sitation auf der Fläche, die quasi einen Baumgürtel zwischen den Häusern an der Waldstraße und dem Stadion bildet.

Kahlschlag in Billmerich: 80 Bäume müssen gefällt werden

Eigentlich sei die Fläche am Waldstadion „genau der Wald, den wir brauchen“, sagt der Revierförster. Denn zwischen über hundert Jahre alten Bäumen wachsen Sträucher und junge Bäume. © Anna Gemünd

70 bis 80 Bäume, so schätzt Müller, werden hier wohl fallen müssen - und eine Brachfläche zwischen Häusern und Stadion hinterlassen. „Das ist ein Kahlschlag, das kann man nicht anders sagen“, sagt der Revierförster, dem es spürbar schwerfällt, diese Maßnahme der Stadt, der die knapp 3000 Quadratmeter große Fläche gehört, zu empfehlen.

Doch es führt kein Weg an der Fällung vorbei, auch wenn es für den Laien schwer ersichtlich scheint, wieso die Bäume krank sein sollten. Die gut 35 Meter hohen Buchen wirken gesund, tragen größtenteils noch Laub. Doch für den Fachmann sind die Zeichen unübersehbar.

Kahlschlag in Billmerich: 80 Bäume müssen gefällt werden

„Schleimflussflecken“: Es klingt nicht schön und ist es auch nicht, was diese Buche durch die dunklen Flecken anzeigt – sie wird durch Pilzbefall in fünf bis zehn Jahren abgestorben sein. © Anna Gemünd

„Durch die beiden Trockensommer 2018 und 2019 sind die Buchen nicht mehr vital genug gewesen, sich gegen Pilze zu wehren. Ihnen fehlte einfach das Wasser und damit lässt ihre Vitalität nach“, erklärt Matthias Müller. Die Folge: Ein Pilz kann sich im Baum festsetzen, schwächt ihn, bis er irgendwann abstirbt.

Bäume sind über 100 Jahre alt

Möglicherweise wird wieder aufgeforstet

  • Die rund 80 Bäume, die am Waldstadion gefällt werden müssen, sind überwiegend Buchen. Anders als beispielsweise Eichen haben Buchen nicht so tiefreichende Wurzeln und leiden daher besonders unter trockenen Zeiten. Eichen können selbst bei starker Dürre über ihre Wurzeln in tiefen Erdschichten Grundwasser aufnehmen.
  • Das Holz der kranken Buchen ist durch den Pilzbefall übrigens nicht wertvoll. „Das eignet sich teilweise vielleicht noch als Brennholz“, meint Revierförster Matthias Müller. Die Eichen, die rund um das Waldstadion stehen, werden in Kürze auch „bearbeitet“: Ihnen wird das Efeu, das an ihnen hochrankt, gekappt, damit es abstirbt. Der Grund: „Durch das rankende Efeu können wir den Stamm der Eichen nicht untersuchen und somit nicht sehen, ob der Baum vielleicht krank ist“, erklärt Matthias Müller.
  • Die Fläche zwischen Waldstraße und Waldstadion, auf der jetzt gefällt werden soll, ist eigentlich genau die „richtige Mischung Wald“, meint der Revierförster. Durch Forstarbeiten hat sich der Bestand verjüngt, junge Bäume und Sträucher wachsen zwischen den hohen und größtenteils über 100 Jahre alten Buchen und Eichen.
  • Einen Eindruck davon, wie die Fläche nach dem „Kahlschlag“ aussehen könnte, bekommt man beim Blick auf den Bereich südwestlich des Waldweges, der von der Buschstraße und der Waldstraße in den Wald hineinführt. Hier sind bereits vor einigen Jahren etliche Bäume gefällt worden und die Fläche wurde sich selbst überlassen. Sträucher, Gräser und einzelne junge Bäume haben hier ausgeschlagen. Das sieht vielleicht erstmal unschön aus, aber die Natur macht das schon“, meint Matthias Müller. Was mit der Fläche am Waldstadion passiert, wenn sie gerodet ist, steht noch nicht fest. Denkbar wäre auch eine Wiederaufforstung.
  • Ein ähnliches Problem mit kranken Buchen gibt es auf städtischen Flächen im Bornekamptal. „Hier werden wir aber durch Einzelbaumentnahmen vieles regeln können“, ist der Revierförster zuversichtlich, einen weiteren Kahlschlag vermeiden zu können.

Sichtbar wird die Pilzerkrankung für den Revierförster an kleinen schwarzen Löchern, aus denen eine schwarze Flüssigkeit auszutreten scheint. Was für den unbedarften Waldspaziergänger so aussieht, als hätte jemand an dem Baum gezündelt, nennt der Fachmann „Schleimflussflecken“. „Dort drückt der Baum Feuchtigkeit heraus und durch den Pilz färbt sich diese Flüssigkeit schwarz“, erklärt Matthias Müller. Fünf bis zehn Jahre hat der Baum dann ungefähr noch, bevor er abstirbt.

„Das hier mache ich äußerst ungerne. Das ist einfach ein Trauerspiel.“
Matthias Müller, Revierförster

Ebenfalls eine Folge der anhaltenden Trockenheit: Um ihre Verdunstungsfläche zu reduzieren, haben viele Buchen ihre Blätter in der Krone bereits früh abgeworfen. „Dadurch kann die Sonne aber ungehindert und mit viel größerer Kraft als zuvor direkt auf die Rinde scheinen. Die blättert dann ab und als nächstes bricht die gesamte Krone heraus“, sagt Müller und zeigt auf eine Buche, bei der die blätternde Rinde gut zu erkennen ist.

Absterbende Bäume, blätternde Rinde und selbst ein umfallender Baum – all das spielt mitten im Wald keine Rolle. „Würden diese Buchen mitten im Wald stehen, dann müssten wir sie nicht fällen. Dann würden wir vielleicht etwas Totholz entfernen, aber ansonsten alles so lassen“, sagt der Revierförster. Doch die Buchen an der Billmericher Waldstraße haben ein weiteres Problem: Die Menschen sind ihnen zu nah gekommen. Die knapp 3000 Quadratmeter Fläche liegen genau zwischen den Wohnhäusern an der Waldstraße und dem Waldstadion. Und damit kommt die Verkehrssicherheit ins Spiel.

„Wir müssen gesetzlich die doppelte Baumlänge Sicherheitsabstand zum Waldrand einhalten“, erklärt Matthias Müller die besondere Situation. Übersetzt heißt das: Ist ein Baum nicht mehr standfest, besteht also die Gefahr, dass er unkontolliert umstürzt, gehen die Fachleute davon aus, dass er beim Umstürzen nicht nur so weit fällt, wie er selbst hoch ist, sondern auch noch einen anderen Baum mitreißt, der ebenso hoch sein kann. „Daher die doppelte Baumlänge, die wir beachten müssen, wenn ein Baum zu fallen droht“, sagt Müller.

Mit den im Schnitt 35 Metern, die die Buchen auf der Fläche hoch sind, kommt man da schnell auf 70 Meter pro Baum, die er eigentlich einen Sicherheitsabstand zum Waldrand haben müsste, um Gefahren ausschließen zu können. Doch genau dieser Platz fehlt am Waldstadion: Auf der einen Seite stehen die Häuser der Anwohner an der Waldstraße, auf der anderen Seite des Stadion. „Die Gefahr ist da, dass die Bäume auf die Häuser oder das Stadion stürzen“, bringt Matthias Müller es auf den Punkt, wieso es keine Alternative zum Kahlschlag gibt.

Kahlschlag in Billmerich: 80 Bäume müssen gefällt werden

Diese Buche verliert ihre Rinde – eine Folge des frühen Blätterabwurfes im Hitzesommer. Durch das Abwerfen der Blätter reduziert der Baum seine Verdunstungsfläche, setzt aber gleichzeitig seine Rinde der unerbittlichen Sonne aus. In der Folge des Rindenverlust wird bald die Krone ausbrechen. © Anna Gemünd

Und der mangelnde Platz bringt noch etwas mit sich, dass dem Revierförster in der Seele weh tut: „Teilweise müssen wir auch noch gesunde Bäume fällen, um Platz für das Fällen der kranken Bäume zu haben.“ Weitere einzelne Bäume, die noch gesund sind, werden fallen müssen, weil der Fachmann für sie keine Zukunft sieht.

Kahlschlag in Billmerich: 80 Bäume müssen gefällt werden

Gefällte oder gefallene Bäume haben durchaus noch ökologischen Wert, so liegt auch auf der Fläche am Waldstadion ein Baum als „Totholz“. © Anna Gemünd

„Die Bäume habe 90 bis 100 Jahre zusammen als Gruppe gestanden, wenn dort jetzt einzelne Bäume übrig bleiben, stehen sie schlagartig frei. Das ist eine Situation, auf die sie nicht vorbereitet sind: Plötzlich trifft der Wind sie mit voller Breitseite und dann sind auch sie sturzgefährdet“, erklärt Matthias Müller. Gefällt werden soll im Dezember. Bis dahin guckt der Revierförster, welche Bäume man vielleicht retten kann. Denn, und das betont er: „Das hier mache ich äußerst ungerne. Das ist einfach ein Trauerspiel.“

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