Noch gibt es die hausgemachten Torten, aber nicht mehr lange: Remona Tingelhoff gibt ihr Café am Markt Königsborn auf. Es war immer mehr als ein Ort für Kaffee und Kuchen. © Udo Hennes
Café zur alten Post

Kaffee, Kuchen, Klönen, Kultur: Ein Stück Königsborn geht zu Ende

Es war eine Mischung aus Café, Kultureinrichtung, Antiquitätenladen und Stadtteiltreff. Bald ist nach 22 Jahren Schluss. Im Café zur alten Post läuft der Abverkauf. Danach: nichts.

Remona Tingelhoff setzt schweren Herzens ihre Ankündigung in die Tat um. Bis Ende Mai gibt es noch Kuchen, das Inventar wird bereits verkauft. Dann ist Schluss mit dem Café zur alten Post, einem wichtigen Stück Stadtteil.

Die heute 66-Jährige hat von Anfang an mehr gemacht, als Kaffee und Kuchen verkaufen am Markt Königsborn. Schon als sie vor 22 Jahren an den Start ging, verfolgte sie Pläne, die weit darüber hinaus gingen. Die studierte Sozialpädagogin hatte sich schon in ihrer Abschlussarbeit mit der Kaffeehauskultur beschäftigt.

Kultur und Antiquitäten

So hatte ihr Café zur alten Post stets mehr zu bieten. Es gab Lesungen und Konzerte. Künstlerinnen und Künstler aus der Region stellten ihre Werke aus, die dann für die einen Gäste eine stets wechselnde Kulisse zum gemütlichen Kaffeetrinken bildeten, andere zum Kunstkauf anregten. Das Café war ein wichtiger Treffpunkt, eine Informationsbörse und ein Ort, an dem auch einsame Menschen immer jemanden zum Reden fanden.

Zu kaufen gab es eigentlich alles, selbst die Stühle, auf denen die Besucher Platz nahmen. „Das war erst einmal eine wirtschaftliche Überlegung“, erinnert sich Remona Tingelhoff. Inventar war teuer, es zum Kauf anzubieten, war Teil des Geschäftsmodells. „Als ich angefangen habe, war das der Brüller“, sagt sie. Kunden aus dem ganzen Ruhrgebiet kamen, um Porzellan oder Kommoden zu kaufen. Freilich mussten die Einrichtungsgegenstände regelmäßig neu gekauft werden. Tingelhoff reiste regelmäßig nach Österreich, um ihr Café in Königsborn wieder neu zu möblieren.

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Abschied vom Café zur alten Post

Königsborner anfangs skeptisch, zum Ende traurig

Der Verkauf der gesamten Einrichtung hat jetzt einen bitteren Beigeschmack. Denn wenn nun ein Schränkchen einen neuen Besitzer findet, dann wird diese Stelle leer bleiben. Remona Tingelhoff hört auf. Mit 66 ist sie in einem Alter, in dem man es durchaus ruhiger angehen kann. Das vergangene Jahr aber, von Corona, Lockdown und behördlich angeordneter Leere geprägt, hat die Betreiberin veranlasst, den Schritt jetzt zu gehen. „Ich bin sehr traurig“, sagt sie. Vor 22 Jahren sei man in Königsborn ihrer Idee mit großer Skepsis begegnet, erinnert sie sich. So sehr mancher seinerzeit den Kopf schüttelte über das Konzept „Kuchen, Kunst, Antikes“, so sehr spürt Tingelhoff jetzt, dass man sie und ihr Café lieb gewonnen hat im Laufe der Jahre. „Ich bekomme wahnsinnig viel Resonanz aus dem Stadtteil. Manche Kunden kaufen sich zum Beispiel jetzt noch eine Tasse als Erinnerung. Ist das nicht süß?“

Ein Blick in die Küche: 20 Jahre lang war Konditorin Claudia Niehages (r.) der Cafébetreiberin eine wichtige Stütze. © Udo Hennes © Udo Hennes

Claudia Niehages 20 Jahre als Konditorin im Hintergrund

Apropos süß: Das Cafékonzept mag noch so ungewöhnlich gewesen sein, Kuchen und Torten bildeten den Markenkern. Und dafür war Claudia Niehages 20 Jahre lang verantwortlich. Die gelernte Konditorin setzte liebevoll die Rezepte um, die Remona Tingelhoff von ihrer Großmutter im Schwarzwald geerbt hatte. Ohne künstliche Zusätze und nicht gekünstelt: „Einfache Kuchen, nach Hausfrauenart“, sagt Tingelhoff.

Bis Ende Mai gibt es noch Kuchen – zum Mitnehmen, denn dass jetzt noch einmal richtiger Cafébetrieb möglich wird, das ist nicht absehbar. Tingelhoff hofft, dass sie in den kommenden Wochen viel Inventar verkaufen kann, aktuell nur nach dem Modell „Click and Collect“.

Café findet keinen Nachfolger

Ihre Küche kommt vielleicht als Geschenk in gute Hände. Ihre Mitarbeiterin Claudia Niehages, die ihr 20 Jahre lang „Stütze und Inspiration“ war, hat bereits mit einer Weiterbildung zur Lebensmitteltechnikerin begonnen. Für sie gibt es also eine Perspektive. Für das Café bisher nicht. Es habe niemand ihren Betrieb übernehmen wollen, berichtet Tingelhoff.

Nachdem sie ein Drittel ihres Lebens mit ihrem Café verbracht hat, werden die kommenden Wochen vermutlich nicht einfach sein. Aber zumindest hat auch Remona Tingelhoff eine nette Perspektive für die Zeit danach, wie sie verriet: „Mein Enkel freut sich, dass Oma bald mehr Zeit hat.“

Über den Autor
Redaktion Unna
Jahrgang 1979, stammt aus dem Grenzgebiet Ruhr-Sauerland-Börde. Verheiratet und vierfacher Vater. Mag am Lokaljournalismus die Vielfalt der Themen und Begegnung mit Menschen. Liest immer noch gerne Zeitung auf Papier.
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Thomas Raulf
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