Erwachsen und doch planlos: Wenn Jugendliche um Hilfe rufen

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Sie sind 18, maximal 21 Jahre alt und sie haben keinen Plan. „Hilfen für junge Volljährige“ nennt das Jugendamt bürokratisch, was für viele junge Erwachsene der Start in ein neues Leben sein kann.

Unna

, 28.10.2019, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auch Silvester kann es passieren. Daniel P. (Namen von der Redaktion geändert, um die Jugendlichen zu schützen) erinnert sich noch gut: „Als der Anruf kam, saßen wir gerade im Restaurant mit Freunden zusammen und hatten schon Wein getrunken. Also habe ich mich von einem Taxi fahren lassen“, erzählt der Erzieher. Sein Ziel in jener Silvesternacht: Einer der von ihm betreuten Jugendlichen hatte um Hilfe gerufen, ihm ging es nicht gut. Daniel P. redete lange mit ihm, baute ihn wieder auf – auf das neue Jahr stieß er erst an, als es schon ein paar Stunden alt war. „Aber es war in dem Moment sehr wichtig, dass ich bei ihm war“, sagt der Erzieher noch heute in der Rückschau. Denn dass da jemand ist, der sofort kommt und zuhört, wenn einem nicht gut geht – dieses Gefühl kennen die jungen Menschen nicht, die Erzieher wie Daniel P. betreuen.

Im Fachjargon nennt sich diese Arbeit „Hilfen für junge Volljährige, ambulant“. Die Anzahl dieser Hilfen in Unna ist gerade wieder leicht angestiegen, das geht aus dem aktuellen Bericht der „Hilfen zur Erziehung“ hervor, den das Jugendamt vorgelegt hat. „Hilfe zur Erziehung“ – das sind all jene Bereiche, in denen Eltern vielleicht überfordert, Kinder vernachlässigt und junge Erwachsene völlig planlos sind und dringend Hilfe brauchen.

„Sie kennen kein gemeinsames Frühstück am Familientisch oder den Fall, dass beide Eltern morgens zur Arbeit gehen.“
Eine Erzieherin aus Unna über die jungen Erwachsenen, die sie betreut

Im „echten Leben“ heißt das für Erzieherin Sandra W.: Vier junge Menschen verlassen sich auf sie als Unterstützung. Unterstützung bei dem, was für die meisten Menschen völlig alltäglich ist: Einkaufen, Wäsche waschen, putzen oder einen Termin beim Arzt vereinbaren. „Sie kennen kein gemeinsames Frühstück am Familientisch oder den Fall, dass beide Eltern morgens zur Arbeit gehen“, erklärt Sandra W., was ihren Schützlingen fehlt. Oftmals haben die von ihr betreuten Jugendlichen eine Vorgeschichte von zwei bis drei Generationen Sozialhilfe – Ballast, den sie auf ihrem Weg ins Leben mit sich tragen.

Kinderhaus, betreute Wohngemeinschaften – viele der Jugendlichen haben schon viele Stationen des „Systems“ der Jugendhilfe durchlaufen, wenn sie bei Sandra W. auftauchen. Doch hier beginnt ein entscheidender Unterschied: „Die Jugendlichen kommen von sich aus. Sie sind erwachsen und haben von sich aus den Antrag auf Unterstützung gestellt“, erklärt die Erzieherin, die bei einem Unnaer Kinder- und Jugendhilfeträger arbeitet. Verweigerer sind daher selten; die jungen Erwachsenen wollen im Leben zurechtkommen und arbeiten entsprechend mit.

„Natürlich kann man sie nicht alle retten, aber es ist so toll, wenn man einen Jugendlichen irgendwann durch Zufall wieder trifft und erfährt, dass er einen Beruf ausübt und einfach auf einem guten Weg ist.“
Eine Erzieherin aus Unna über die von ihr betreuten jungen Erwachsenen

Für Erzieher wie Sandra W. und Daniel P. bedeutet die Arbeit mit den jungen Volljährigen einen wenig planbaren Arbeitsalltag. „Da kommt es natürlich immer wieder zu Überraschungen, das ist ganz klar, das ist eben das Leben“, sagt Sandra W.

Schule, Ausbildung, Beruf und der Alltag in den eigenen vier Wänden – dafür sind die Erzieher Ansprechpartner und „Coach“. Die Jugendlichen leben in eigenen Wohnungen, die der jeweilige Jugendhilfeträger für sie anmietet. „Das ist auch ein großer Unterschied zu Jugendlichen in intakten Familien: Sie wohnen mit 18 Jahren oft noch zuhause. Unsere müssen viel schneller fit werden“, sagt Sandra W.

Denn die Zeit der Unterstützung durch das Jugendamt ist endlich: Bis maximal zum 21. Lebensjahr werden die ambulanten „Hilfen für junge Volljährige“ finanziert.

Umso wichtiger ist es da, dass die Erzieher schnell eine Beziehung zu ihren Schützlingen aufbauen. Eine Herausforderung; befinden sich die Jugendlichen doch gerade genau in jener Phase des Erwachsenwerdens, in der man eigentlich gerade dabei ist, sich von seiner Umwelt abzunabeln. Aber es lohnt sich, wie Sandra W. immer wieder erfährt: „Es ist eine tolle Arbeit. Natürlich kann man sie nicht alle retten, aber es ist so toll, wenn man einen Jugendlichen irgendwann durch Zufall wieder trifft und erfährt, dass er einen Beruf ausübt und einfach auf einem guten Weg ist.“ Dann sind auch Arbeitsstunden an Silvester wieder vergessen.

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