Dass ein Museumsobjekt Familien wieder zusammenführt, erlebt Beate Olmer nicht alle Tage. Doch genau das ist durch die Recherchen der Museumsleiterin nun passiert - in den USA.

Unna

, 13.06.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Es war wie eine offene Wunde, dass wir diesen Teller hatten und es sich einfach nicht klären ließ, wem er heute rechtmäßig zusteht.“ - Der Sederteller aus dem Jahr 1766, der in jüdischen Familien beim Pessach-Fest zum Einsatz kommt, ließ Beate Olmer keine Ruhe. Mehrere Jahre schlummerte der Teller im Hellweg-Museum, bis es der Museumsleiterin nun durch akribische Recherche gelang, seine Herkunft zu klären - und dabei ganz nebenbei auch eine amerikanische Familie wieder zueinander führte.

2006 war es, als dem Hellweg-Museum von einem lokalen Antiquitätenhändler der Sederteller angeboten wurde. Beate Olmer war damals erst seit einigen Monaten im Hellweg-Museum, wusste aber, dass der Teller aus einem aufgelösten Haushalt an der Bahnhofstraße stammte, in dem einst eine jüdische Familie gelebt hatte. „Wir hatten erst Skrupel, ihn zu kaufen, weil wir ja ahnten, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich um einen Gegenstand handelte, der einer enteigneten jüdischen Familie gehört hatte“, erzählt Olmer.

Mit Unterstützung der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Unna, Alexandra Khariakova, und Rabbinerin Natalia Verzhbovska erhielt das Hellweg-Museum weitere Informationen zu dem Sederteller: Laut den hebräischen Inschriften wurde der Zinnteller am 14. April 1766 hergestellt.

Mit Unterstützung der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Unna, Alexandra Khariakova, und Rabbinerin Natalia Verzhbovska erhielt das Hellweg-Museum weitere Informationen zu dem Sederteller: Laut den hebräischen Inschriften wurde der Zinnteller am 14. April 1766 hergestellt. © privat

Doch wer, wenn nicht ein Museum, könnte am ehesten dafür sorgen, dass der Teller den Nachfahren der Familie, der er einst gehörte, wieder zurückgegeben würde? Also entschied sich das Museum zum Kauf des Tellers, möglich gemacht durch den Förderverein. Zu diesem Zeitpunkt wussten die beiden Museumsleiterinnen Beate Olmer und Reinhild Stephan-Maaser nur Folgendes: An der Bahnhofstraße 25, aus der der Teller stammte, hatten bis 1938 Julius und Frieda Brandenstein das Textilgeschäft Reifenberg betrieben. 1938 sah sich die jüdische Familie genötigt, ihre Immobilie an einen „arischen“ Interessenten zu verkaufen. Die Kinder der Brandensteins, Lotte und Kurt, emigrierten in die USA. Julius und Frieda Brandenstein wurden im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und starben einen Monat später.

Frieda und Julius Brandenstein mit ihrem Hund in Unna im Jahr 1934. Das Ehepaar wurde im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide kurz darauf starben.

Frieda und Julius Brandenstein mit ihrem Hund in Unna im Jahr 1934. Das Ehepaar wurde im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide kurz darauf starben. © privat

„Da war immer dieser Gedanke: Du hast da diesen Teller, du musst rausfinden, wem er heute rechtmäßig gehört.“
Dr. Beate Olmer, Leiterin des Hellweg-Museums Unna

Mit diesem Vorwissen startete Olmer ihre Recherche in der Hoffnung, Nachfahren der Brandensteins ausfindig machen zu können, um ihnen den Sederteller zurückzugeben. Doch die Recherchen bleiben ohne Ergebnis. Die schwierige Personalsituation im Museum verhinderte in den Folgejahren eine erneute Suche. „Doch da war immer dieser Gedanke: Du hast da diesen Teller, du musst rausfinden, wem er heute rechtmäßig gehört“, erzählt die Museumsleiterin, dass das Objekt ihr trotz aller Zeitknappheit keine Ruhe ließ.

Dann kam der Herbst 2019 - und mit ihm eine Anfrage des LWL-Museumsamtes für Westfalen, das für eine Wanderausstellung zum Thema Provenienzforschung (Geschichte der Herkunft von Kulturgütern) Objekte suchte. Beate Olmer wusste sofort: „Der Sederteller passte genau in dieses Konzept; schließlich wollte ich ja seit Jahren herausfinden, wo er herkommt und wo er hingehört.“ Sie meldete sich beim Museumsamt und bekam eine positive Rückmeldung: Sehr gerne würde man den Teller in die Ausstellung aufnehmen, die ab September 2020 bis April 2022 an verschiedenen Standorten in NRW gezeigt werden soll.

Frieda Brandenstein (links) mit ihrer Tochter Lotte. Lotte heiratete Karl Kaufmann aus Hilden und emigrierte mit ihm 1937 in die USA. Lotte starb 2008 mit 96 Jahren.

Frieda Brandenstein (links) mit ihrer Tochter Lotte. Lotte heiratete Karl Kaufmann aus Hilden und emigrierte mit ihm 1937 in die USA. Lotte starb 2008 mit 96 Jahren. © privat

Als der Tag der Abgabe des Tellers näher rückte, wurde Beate Olmer nervös. „Ich konnte den Teller doch nicht einfach so abgeben, ohne nicht nochmal zu versuchen, etwas mehr über ihn herauszufinden.“ Also igelte sie sich ein, verbrachte zwei Tage „tief im Internet“ - und stieß schließlich auf einer internationalen Plattform für Genealogie auf ein Foto des 2012 in Unna verlegten Stolpersteins für Lotte Kaufmann, wie Lotte Brandenstein durch ihre Heirat hieß.

„Dort war auch ihr Todesdatum und ihr letzter Wohnort vermerkt. Das half mir weiter, denn mit dieser Information bin ich zu einem Nachruf aus dem Jahr 2008 gekommen, in dem auch die Enkeltochter von Lotte erwähnt wird - mit Nennung ihres Arbeitsplatzes.“

Die Geschwister Kurt und Lotte Brandenstein, in Unna fotografiert. Beide Geschwister emigrierten kurz nacheinander in die USA - und entgingen damit dem Schicksal ihrer Eltern, die 1942 in Theresienstadt starben.

Die Geschwister Kurt und Lotte Brandenstein, in Unna fotografiert. Beide Geschwister emigrierten kurz nacheinander in die USA - und entgingen damit dem Schicksal ihrer Eltern, die 1942 in Theresienstadt starben. © privat

Es war ein Schuss ins Blaue, als Beate Olmer der vermeintlichen Enkeltochter Lotte Kaufmanns eine Mail an ihre dienstliche Adresse an der Universität von Kalifornien schrieb - und er hatte Erfolg: „Es war tatsächlich Lottes Enkelin, die mir antwortete und über die ich dann Kontakt mit Lottes Sohn Joel bekam“, freut sich Beate Olmer. Joel Kaufmann kam 1945 in den USA zur Welt, wo seine Mutter und ihr aus Hilden stammender Mann seit ihrer Emigration lebten und sich im Laufe der Jahre ein neues Geschäft aufbauen konnten.

Der 74-jährige Joel Kaufmann war nicht nur freudig überrascht, aus der Heimatstadt seiner Mutter zu hören, er konnte Beate Olmer auch umfangreiches Material zu ihrer Recherche liefern: „Lotte Kaufmann hat kurz vor ihrem Tod eine Autobiografie verfasst, die Joel mir zugeschickt hat. Darin enthalten sind viele Fotografien und Dokumente der Familie Brandenstein, unter anderem eines, das alle vier Familienmitglieder in Unna zeigt.“

Bis 1938 betrieben Frieda und Julius Brandenstein an der Bahnhofstraße 25 das Textilgeschäft Reifenberg. Auf dem Bild sind sie zusammen mit Angestellten zu sehen; auf dem Tresen sitzt der kleine Sohn Kurt.

Bis 1938 betrieben Frieda und Julius Brandenstein an der Bahnhofstraße 25 das Textilgeschäft Reifenberg. Auf dem Bild sind sie zusammen mit Angestellten zu sehen; auf dem Tresen sitzt der kleine Sohn Kurt. © privat

Und noch etwas erfuhr Beate Olmer von Joel Kaufmann: Auch sein Onkel Kurt Brandenstein, Lottes Bruder, hatte Nachfahren in den USA. Kontakt zu ihnen bestand allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr. Wo sein Cousin und seine Cousine lebten, konnte Joel Kaufmann Beate Olmer daher nicht sagen. Wieder recherchierte sie, fand heraus, dass Kurt Brandenstein seinen Namen nach seiner Einwanderung „amerikanisierte“ und zum leichter aussprechbaren „Branden“ machte. Ein „Dennis Branden“ stellte sich als Sohn von Kurt heraus - und Beate Olmer landete den nächsten Volltreffer.

1938 wurde die Familie Brandenstein genötigt, ihre Immobilie an der Bahnhofstraße 25 an „arischen“ Interessenten zu verkaufen.

1938 wurde die Familie Brandenstein genötigt, ihre Immobilie an der Bahnhofstraße 25 an „arischen“ Interessenten zu verkaufen. © privat

„Wir haben 70 Minuten lang in einer Videoschalte miteinander telefoniert, Joel, Dennis und ich. Und die beiden haben mir gesagt, dass sie 50 Jahre lang keinen Kontakt hatten“, erzählt Olmer. Die Dankbarkeit der beiden Cousins, durch ihre Recherchen wieder zueinander gefunden zu haben, ist ihr fast unangenehm. „Schließlich ging es ja um einen traurigen Anlass, wegen dem ich ihre Familiengeschichte unter die Lupe genommen habe.“

Doch die Brandens und Kaufmanns sind sehr froh, dass Beate Olmer zusammen mit dem Stadtarchivar Frank Ahland so akribisch gesucht hat. Den Sederteller wollen sie dem Hellweg-Museum nach dem Ende der Wechselausstellung als Dauer-Leihgabe überlassen. „Natürlich wird er dann ergänzt um die vielen Fotos und Informationen, die wir jetzt haben“, kündigt Beate Olmer an. Sie ist froh, diese „Wunde“ geschlossen zu haben - inklusive unerwarteter Familienzusammenführung.

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