Mit Fotostrecke: Nach über 75 Jahren wird Unnas jüdischer Friedhof wieder genutzt

dzJüdische Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde „haKochaw“ ist endgültig in Unna angekommen: Der jüdische Friedhof am Beethovenring kann ab sofort wieder für Beerdigungen genutzt werden. Für die Gemeinde ist das ein Meilenstein.

Unna

, 27.10.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ankommen. Sich sicher fühlen. Zuhause sein. Dass die jüdische Gemeinde „haKochaw“ dies in Unna kann, ist ein Geschenk für die Stadt. Jetzt ist dieses Bekenntnis zu Unna noch sichtbarer geworden: Nach der Einweihung der Synagoge in Massen-Nord hat die Gemeinde seit diesem Dienstag auch wieder einen eigenen Friedhof. Es ist sozusagen der letzte Baustein, der noch gefehlt hat, damit sich die jüdische Gemeinde in Unna wirklich zuhause fühlt.

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„Eine jüdische Gemeinde muss einen Friedhof haben; das ist in der Thora fest verankert“, erklärt die Rabbinerin Natalia Verzhbovska. „Der Respekt vor den Verstorbenen spielt eine sehr große Rolle.“ Mit der Wieder-Einweihung des Friedhofes am Beethovenring werde die Gemeinde „vollständig“, sagt die Rabbinerin. Die erste Bestattung auf dem Friedhof am Beethovenring fand am 29. April 1854 statt. Pfarrer i.R. Jürgen Düsberg erinnerte im Rahmen der kleinen Eröffnungsfeier daran, dass damals Helena Culp die ewige Ruhe fand.

Jahrelange Gespräche haben gefruchtet

Dass der Friedhof ab sofort wieder für Beerdigungen genutzt werden kann, ist das Ergebnis jahrelanger Gespräche, die die jüdische Gemeinde bereits seit ihrer Gründung im Jahr 2003 geführt hat. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe ist Eigentümer des Friedhofes, und mit dem Verband intensivierte die Gemeinde ab 2013 den Schriftverkehr über eine erneute Nutzung des Friedhofes, auf dem – abgesehen von einer Ausnahme im Jahr 1956 – seit über 80 Jahren keine Beerdigungen mehr stattfanden.

„Die Gemeindemitglieder in Unna möchten nicht irgendwo beerdigt werden, sondern Zuhause in Unna.“
Rabbinerin Natalia Verzhbovska

Gemeindemitglieder konnten sich auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Dortmund bestatten lassen, doch der Wunsch nach einem eigenen Friedhof war groß. „Die Gemeindemitglieder in Unna möchten nicht irgendwo beerdigt werden, sondern Zuhause in Unna“, beschreibt Rabbinerin Natalia Verzhbovska die Gefühlslage in der Gemeinde „haKochaw“.

Der scheidende Bürgermeister Werner Kolter kann das gut nachvollziehen. Er freut sich, dass die Wiedereröffnung des Jüdischen Friedhofes eine seiner letzten Amtshandlungen als Bürgermeister war. Es sei ihm „Freude und Ehre zugleich“, die Glückwunsche von Rat und Verwaltung überbringen zu dürfen. Kolters Nachfolger Dirk Wigant war bei der Eröffnungsfeier mit etwa zwei Dutzend Teilnehmern ebenso zu Gast wie die stellvertretende Landrätin Elke Middendorf und der kommende Landrat Mario Löhr.

Vor der Nutzung mussten Bodenproben genommen werden

Einen Friedhof wieder zu nutzen, der seit Jahrzehnten ungenutzt war, das ist gar nicht so einfach – und das liegt auch an den jüdischen Beerdigungstraditionen. „Wir haben durch die Bezirksregierung Arnsberg Bodenproben nehmen lassen“, erklärt die Vorsitzende der Gemeinde, Alexandra Khariakova. „Dadurch konnten wir klären, ob wir die tiefe Bestattung durchführen können, ohne irgendwas zu beeinflussen.“ Die „tiefe Bestattung“ erlaubt im Judentum die Beerdigung zweier Verstorbener übereinander.

„Eine Ruhezeit von 25 bis 40 Jahren, wie es sie auf den meisten städtischen Friedhöfen gibt, gibt es bei uns nicht.“
Rabbinerin Natalia Verzhbovska

Eine neue Satzung, eine Gebührenordnung und ein Belegungsplan – in Zusammenarbeit mit der städtischen Friedhofsverwaltung erarbeitete die jüdische Gemeinde all die Dokumente, die für den Betrieb eines Friedhofes notwendig sind. „Wir wurden dabei wirklich wunderbar unterstützt“, sagt Alexandra Khariakova.

Sie machte bei der Eröffnung klar, wie dankbar sie allen Beteiligten ist. Der Friedhof sei jetzt nicht mehr nur Gedenkstätte, sondern ein „Ort des Lebens“ für die jüdische Gemeinde.

Im Judentum gilt die Ewige Totenruhe

Die Möglichkeit, einen Teil eines städtischen Friedhofes zu nutzen, bekam die jüdische Gemeinde übrigens auch. Doch dagegen spricht die Ewige Totenruhe, die das Judentum vorsieht. „Eine Ruhezeit von 25 bis 40 Jahren, wie es sie auf den meisten städtischen Friedhöfen gibt, gibt es bei uns nicht“, erklärt Rabbinerin Natalia Verzhbovska. Das Grab eines jüdischen Verstorbenen ist für immer seine Ruhestätte und kann nicht wieder belegt werden. Damit ist auch klar: Wenn der Friedhof voll belegt ist, muss sich die Gemeinde nach einem neuen Ort für einen Friedhof umsehen.

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Doch das hat noch Zeit; denn mit der neuen Satzung und der Wieder-Einweihung stehen jetzt erstmal 125 Plätze zur Verfügung. Doch viel wichtiger: Die jüdische Gemeinde ist endgültig in Unna angekommen. Denn durch den Friedhof werde die Verwurzelung in der Stadt gestärkt, sagt Rabbinerin Natalia Verzhbovska: „Dieser Friedhof stellt eine Verbindung für Generationen her. Durch ihn wird auch die nächste und die übernächste Generation unserer Gemeinde nach Unna kommen, egal, wo in der Welt sie vielleicht landen. Unna wird für sie ein Anlaufpunkt in ihrer jüdischen Geschichte sein.“ Denn, so sagt man im Judentum, es sind die Wurzeln unter der Erde, die uns Halt geben. Und diese Wurzeln liegen jetzt in Unna.

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Jüdischer Friedhof wieder eröffnet

Die jüdische Gemeinde "haKochaw" kann nun auch wieder Bestattungen nach jüdischen Riten in Unna durchführen. Am 27. Oktober 2020 wurde der jüdische Friedhof am Beethovenring wieder für jüdische Bestattungen freigegeben.
27.10.2020
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Der jüdische Friedhof wurde am 27. Oktober 2020 wieder für Bestattungen freigegeben. Darüber freut sich die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Alexandra Khariakowa.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof wurde am 27. Oktober 2020 wieder für Bestattungen freigegeben.© Udo Hennes
Rabbinerin Natalia Verzhbovska sprach im Rahmen der kleinen Feierstunde ein Gebet.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof wurde am 27. Oktober 2020 wieder für Bestattungen freigegeben.© Udo Hennes
Besuch am Grab von Helena Culp. Sie war die erste Frau, die im Jahr 1854 auf dem Friedhof bestattet wurde.© Udo Hennes
Besuch am Grab von Helena Culp. Sie war die erste Frau, die im Jahr 1854 auf dem Friedhof bestattet wurde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde.© Udo Hennes
Der jüdische Friedhof in Unna ist ein "Ort des Lebens" für die Gemeinde "haKochaw", was Stern bedeutet.© Udo Hennes

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