Jüdische Gemeinde Unna bestürzt über Anschlag in Halle, aber froh über guten Draht zu Polizei

dzPolizeischutz

Die Nachricht vom Anschlag in Halle hat auch in Unnas jüdischer Gemeinde für Entsetzen gesorgt. Froh ist man in der Synagoge über einen guten Draht zur Polizei – und traurig, dass der Schutz so nötig ist.

Massen

, 10.10.2019, 12:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Halle an der Saale hat ein schwer bewaffneter Mann am Mittwoch zwei Menschen getötet und weitere verletzt. Er versuchte, eine Synagoge zu stürmen. „Wir sind alle bestürzt und fassungslos, dass heute so etwas passieren kann“, sagte Alexandra Khariakova im Gespräch mit unserer Redaktion am Tag nach den Vorfällen in Sachsen-Anhalt.

Terror am Tag der Versöhnung

Auch die jüdische Gemeinde in Unna, deren Vorsitzende Khariakova ist, feierte am Mittwoch das Fest Jom Kippur – wie die Menschen in Halle, wo offenbar eine stabile Synagogentür den Täter daran hinderte, dass er noch mehr Unheil anrichten konnte. „An diesem Tag beten wir um Versöhnung“, so Khariakova. „Aber dieser Mensch kam nicht zum Beten zur Synagoge, sondern um zu töten“, sagte sie.

Unsicherheit in einer „verrückten Welt“

Wie sicher fühlen sich jüdische Menschen in Unna? „Hätten Sie mir am Dienstag diese Frage gestellt, hätte ich gesagt ,sehr sicher‘“, antwortet Khariakova. „Wie sicher fühlt man sich in einer verrückten Welt?“ Sie erinnert daran, dass der offenbar antisemitische Attentäter nicht nur jüdische Menschen attackierte, sondern dass seiner Gewaltspirale auch andere zum Opfer fielen.

„Dieser Antisemitismus, diese Aggressivität, das betrifft uns alle.“ Und das wird wohl auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft so wahrgenommen. Sie habe am Mittwoch sehr viele Anrufe oder E-Mails von Menschen bekommen, die ihr Solidarität zum Ausdruck brachten.

Mahnwache

Der Freundeskreis lädt ein

Der Freundeskreis für die Jüdische Gemeinde im Kreis Unna lädt für Montag, 14. Oktober, zu einer Mahnwache ein. Treffpunkt ist vor der Synagoge um 19.30 Uhr. „Wir laden die Einwohnerinnen und Einwohner Unnas herzlich ein, mit dem Freundeskreis ein Zeichen gegen Antisemitismus und Faschismus zu setzen“, heißt es in einer Mitteilung des Vereins.

Umgehend Polizeischutz

Die jüdische Gemeinde in Unna habe am Mittwoch umgehend Polizeischutz bekommen, berichtet Khariakova. Die Kreispolizeibehörde befolgte eine entsprechende Anordnung des Innenministeriums. „Bewaffnete Polizisten vor der Tür, das ist sicher kein schönes Bild. Aber es ist wichtig für das Sicherheitsgefühl“, kommentiert Khariakova.

Jüdische Gemeinde Unna bestürzt über Anschlag in Halle, aber froh über guten Draht zu Polizei

Wenn es um den Schutz der Unnaer Synagoge geht, setzt die Kreispolizeibehörde nicht bloß die Anordnungen des Innenministers um. Man pflegt persönliche Kontakte, wie dieses Bild von der Einweihung des jüdischen Gotteshauses zeigt. Die Gemeindevorsitzende Alexandra Khariakova fühlt sich wohl, umringt von Landrat Michael Makiolla und den Führungskräften der Polizei. © Udo Hennes

Persönliche Kontakte

Sie ist froh über einen „guten Draht“, den es immer zwischen der Kreispolizeibehörde und ihrer Gemeinde gegeben habe. Der Polizeichef, Landrat Michael Makiolla, habe sie am Mittwoch vor ihrem Gottesdienst besucht.

„Wie sicher fühlt man sich in einer verrückten Welt?“
Alexandra Khariakova

„Das gehört sich so“, bestätigte Makiolla im Gespräch mit unserer Redaktion. Er habe der Gemeinde signalisieren wollen, dass der deutsche Staat sich um ihre Sicherheit kümmert. Mit seinem Besuch habe er aber auch den Beamten den Rücken stärken wollen. „Objektschutz ist eine ganz schön belastende Tätigkeit“, sagt Makiolla.

Außerdem sei es ihm wichtig, den „guten Draht“ zu pflegen. „Wenn neue Führungskräfte bei der Polizei anfangen, sorge ich dafür, dass sie mit der Situation der Synagoge vertraut sind.“ Über kurze Dienstwege sei die Polizeiführung in Unna für die Verantwortlichen der Gemeinde immer erreichbar.

Der persönliche Kontakt wird offenbar von beiden Seiten gut gepflegt. Khariakova berichtet, dass ihre Gemeinde die vor der Synagoge postierten Beamten am Mittwoch zum Essen hineinbitten wollte. Die Polizisten hätten die Einladung aber pflichtbewusst abgelehnt. „Wir haben ihnen dann Essen zum Polizeiauto gebracht.“

Synagoge gerade erst umgebaut

Auch sonst gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Sicherheitsbehörde. Gibt es besondere Veranstaltungen, meldet Khariakova sich vorab bei der Polizei. Welche Sicherheitsvorkehrungen genau dann ergriffen werden, das wollen beide Seiten nicht öffentlich machen. Bei der vor einigen Wochen erst gefeierten Einweihung der umgebauten Synagoge waren die Sicherheitsvorkehrungen spürbar. Das Umfeld des jüdischen Gotteshauses in Massen-Nord war abgeriegelt. Besucher kamen an mehreren Beamten vorbei, die Wache hielten.

Jetzt lesen

Technische „Grundsicherung“

Akute Fälle von antisemitischen Anfeindungen habe es in Unna bisher Gott sei Dank nicht gegeben, sagt Khariakova. Aber Vorfälle in anderen Orten gab es durchaus. Vor diesem Hintergrund wurde auch Unnas Synagoge umgebaut. Sie ist nicht nur optisch und energetisch auf dem neuesten Stand, sondern auch eine Festung. Ein neuer Stahlzaun schützt das Gotteshaus ebenso wie eine Schleuse mit Ausweiskontrolle. Die neuen Fenster sind farbenfroh und symbolträchtig. Und sie bestehen aus Sicherheitsglas. Als eine Art Grundsicherung bezeichnet Makiolla diese Vorkehrungen, auch für die Phasen, in denen eben keine Polizei vor Ort ist. In das Gebäude sei erheblich investiert worden, auch aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen. „Jetzt zeigt sich, dass das leider alles sinnvoll ist“, sagt Khariakova.

Einladung

Das Leben geht weiter: Willkommen zum Sukkot

  • Antisemitismus und Gewalt in der Welt setzt die jüdische Gemeinde in Unna Lebensfreude und ungebrochene Weltoffenheit entgegen. „Wir möchten unser Leben weiterführen“, sagt die Gemeindevorsitzende Alexandra Khariakova. Zu diesem Leben gehörten und gehören Gemeindefeste, zu denen alle Interessierten eingeladen sind.
  • Die nächste Gelegenheit bietet das Sukkot-Fest am Sonntag, 20. Oktober. Das Laubhüttenfest ist gleichzeit Wallfahrts- und Erntedankfest. Es beginnt an der Buderusstraße um 14 Uhr. Nach der festlichen Zeremonie unter der Leitung von Rabbinerin Natalia Verzhbovska im Garten der Synagoge gibt es ein Konzert: Die Gruppe „Asamblea Mediterranea“ lädt ein zu einer Reise in die Welt der aschkenazischen und sephardischen Musikkultur.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Gesundheit

Mit tropischen Pflanzen zu mehr Erfolg im Bett: Unnaer Mediziner gibt ungewöhnliche Sex-Tipps

Hellweger Anzeiger Mit vielen Fotos

Umweltschutz macht keine Ferien: Wie Grundschüler den bewussten Umgang mit Papier lernen

Hellweger Anzeiger Neben dem Kamen-Karree

Das passiert neben Ikea und L‘Osteria: Namhafte Firmen in der Warteschlange

Meistgelesen