Irritation über radikalen Grünschnitt direkt neben dem Mühlhausener Insektenparadies

dzInsektenschutz

Wo Blühstreifen angelegt oder geduldet werden, fallen sie auf. Wo sie dem Mulcher zum Opfer fallen auch: Der Umgang mit insektenfreundlichem Wildwuchs ist in Mühlhausen sehr unterschiedlich.

Mühlhausen

, 05.06.2020, 17:21 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf der einen Seite des Radwegs sprießt das Grün, und es blüht zunehmend. Auf der anderen Seite ist es tot. In Mühlhausen erlebt man derzeit sehr unterschiedliche Arten des Umgangs mit Wildpflanzen.

„Das wurde mitten in der Blühphase abgemäht“, sagt Michaela Setzer kopfschüttelnd. Die Mühlhausenerin weist auf einen Vorgang am Radweg zwischen Unna und den Ostdörfern hin, der sie irritiert.

Wegrand wuchert für Wildbienen

Der Radweg parallel zur B1 liegt zwischen der Bahnlinie im Norden und einem landwirtschaftlich genutzten Acker im Süden. Der südliche Rand ist dicht bewachsen mit unterschiedlichen, teils blühenden Pflanzen. Und genauso ist es gewollt.

„Wilde Wegränder für Wildbienen“ ist ein Schild betitelt, das aus dem wuchernden Grün ragt. Die Mühlhausener Landwirtin Katrin Westermann, die den Acker bewirtschaftet, will mit der Tafel aufklären, warum sie es wachsen lässt. Es geht um den Insektenschutz, um einen Beitrag zur biologischen Vielfalt.

Westermann hat sich an dieser Stelle mit den Stadtbetrieben Unna (SBU) abgestimmt und ist offene Türen eingelaufen. „Die Kommunikation funktioniert sehr gut“, berichtet sie.

Landwirtin Katrin Westermann erklärt mit solchen Hinweisen, warum vermeintliches Unkraut am Rand ihres Feldes wachsen darf.

Landwirtin Katrin Westermann erklärt mit solchen Hinweisen, warum vermeintliches Unkraut am Rand ihres Feldes wachsen darf. © Raulf

Auch Stadtbetriebe wollen Natur möglichst dulden

Die Stadtbetriebe verzichten darauf, das Grün am Wegrand früh zu mähen. „Wir verfahren so flächendeckend im ganzen Stadtgebiet“, sagt Ralf Calovini, SBU-Bereichsleiter Grünflächen/Straßen. Auch an Feldwegen würden seit rund drei Jahren allenfalls Sichtachsen an Kreuzungen freigeschnitten. Pflanzen sollen Insekten möglichst lange Nahrung bieten und selbst Gelegenheit bekommen, Samen zu bilden. Frühestens Mitte oder Ende Juni würden solche Wegränder zum ersten Mal gemäht, „und auch nur ein Streifen, nicht ganz“, sagt Calovini.

Er begrüßt Westermanns Initiative. „Sonst gibt es ja an Feldrändern so gut wie nichts mehr, was blüht“, sagt Calovini. Er versuche um Verständnis für diese Vorgehensweise zu werben. „Das ist nicht immer leicht.“ Für Verkehrssicherheit würde im Zweifel gesorgt. Er ist außerdem sicher, auch Wege mit üppigerem Bewuchs am Rand seien sicher befahrbar, „wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen.“ Sicherheitsbedenken würden oft nur vorgeschoben. Vielmehr gehe es Kritikern wohl darum, dass ein Grünstreifen ohne akkuraten Schnitt „unordentlich“ aussehe.

Ordentlich kurz wirken nun die trostlosen Pflanzenstoppeln am nördlichen Radwegrand. Zuständig für die Pflege ist hier die Bahn. Dem Vernehmen nach wurde ein schnell arbeitender Mähroboter eingesetzt. Fehlt hier das Bewusstsein für Insektenschutz und Artenvielfalt? Muss die Deutsche Bahn mehr auf Effizienz achten als auf Umweltschutz? Unsere Anfrage ließ die Deutsche Bahn bisher unbeantwortet.

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