Ein Apfel am Tag hält gesund - das ist längst Allgemeinwissen. Doch was passiert, wenn die Äpfel unter dem Klimawandel leiden? Wolfgang Behmenburg aus Unna-Stockum forscht intensiv an Lösungen.

Stockum

, 28.08.2019, 13:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich ist es ganz einfach: „Ein Apfel muss schmecken, gute Inhaltsstoffe haben und man muss was mit ihm machen können.“ Das sagt Wolfgang Behmenburg, Inhaber des Stockumer Hofmarktes. Er macht zur Zeit vor allem eines: Apfelsaft. Pur, mit Quitte versetzt oder einem Schuss Birne gibt es den Apfelsaft jetzt auf seinem Hof zu kaufen. Doch Behmenburg macht nicht nur Apfelsaft - er macht sich vor allem viele Gedanken über den Apfel der Zukunft. Denn der muss ganz schön viel aushalten können, davon ist der Landwirt überzeugt.

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Fast drei Wochen früher als erwartet läuft in diesen Tagen auf dem Stockumer Hofmarkt die Apfelverarbeitung an. Kistenweise werden die Äpfel angeliefert - teilweise von Behmenburgs eigenen Obstwiesen, teilweise von anderen Biobauern, aber auch von Privatleuten. Wolfgang Behmenburg hat viel zu tun. „Die Ernte ist wegen der Trockenheit deutlich früher als sonst“, sagt er.

Warum alte Apfelsorten in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger werden

Dass Apfelsaft ganz ohne Zusatzstoffe und aus frischen Äpfeln teurer ist als Massenware aus dem Supermarkt, wissen die Kunden von Wolfgang Behmenburg. In Fünf-Liter-Schläuchen bietet er seine Apfelsäfte auf dem Stockumer Hofmarkt an. © Anna Gemünd

Die Trockenheit - eine Folge der Klimaveränderung. Wolfgang Behmenburg spricht bewusst von „Veränderung“, nicht „Klimawandel“. „Der Begriff Klimawandel bedeutet für mich, dass wir wüssten, was kommt. Das tun wir aber doch nicht. Fakt ist nur: Das Klima verändert sich.“ Und darauf möchte der Apfelliebhaber reagieren. Seit einigen Jahren forscht er regelrecht, welche alten Apfelsorten unter veränderten Klimabedingungen eine Zukunft haben.

„Der Begriff Klimawandel bedeutet für mich, dass wir wüssten, was kommt. Das tun wir aber doch nicht. Fakt ist nur: Das Klima verändert sich.“
Wolfgang Behmenburg

600 Apfelbäume hat er dazu angepflanzt, 50 verschiedene Sorten wachsen auf seinen Obstwiesen. „Ich wollte auf keinen Fall den klassischen Plantagenobst-Erwerbsanbau“, sagt Behmenburg. „Ganz bewusst liegt mein Fokus auf den alten Sorten, denn sie werden immer wichtiger.“ Mit seinem Versuch, alte Apfelsorten zu erhalten, will Wolfgang Behmenburg auch herausfinden, ob die alten Sorten vielleicht besser mit den veränderten Klimabedingungen zurechtkommen.

„Momentan haben wir das Problem, dass unserem Boden die Feuchtigkeit fehlt. Der klassische Boskopp, den viele kennen, kommt mit diesen Bedingungen überhaupt nicht gut klar“, weiß Behmenburg. „Wir werden also auf Sorten umschwenken müssen, die diese Hitze vertragen.“

Einfach die Apfelsorten anbauen, die in südlicheren Ländern seit Jahrzehnten wachsen, sei keine gute Option. Denn: Diese Äpfel vertrügen zwar die Hitze besser, seien aber auch ganz andere Böden gewohnt. „Wir haben hier eine ganz andere Bodenbeschaffenheit als im Süden. Außerdem haben wir andere Winter, die meistens härter sind. Und die südlichen Apfelsorten haben einen ganz anderen inneren Rhythmus, wann sie beispielsweise zu blühen beginnen.

Warum alte Apfelsorten in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger werden

Wolfgang Behmenburg zapft einen seiner selbst hergestellten Apfelsäfte - ganz ohne Zusatzstoffe. Höchstens ein bisschen Quitte oder Birne mischt er manchmal mit hinein, wenn gewünscht. © Anna Gemünd

Äpfel können Sonnenbrand bekommen - vor allem die roten Sorten
Alles rund um den Apfel


Apfelzeit in der Hofmosterei Behmenburg

  • Am kommenden Montag, 2. September, öffnet Wolfgang Behmenburg seine Apfelsammelstelle auf dem Hofmarkt Stockum. Die Annahmezeiten: Montag von 9 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Mittwoch von 9 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr und Samstag von 9 bis 15 Uhr. Das Obst darf nicht angefault sein.
  • Wolfgang Behmenburg möchte in seiner Apfelscheune künftig auch eine Anlaufstelle für alle Apfelfreunde bieten, die sich untereinander austauschen möchten. Den Auftakt macht ein Vortrag in der Behmenburger Apfelscheune am Samstag, 31. August um 12 Uhr. In dem Vortrag geht es um Wissenswertes rund um den Apfel, um alte und neue Sorten, um Pflanzung und Pflege, um Reife und Güte sowie Gesundheit und Allergien.
  • Während der Apfelsaison bekommt zudem jeder Radfahrer auf dem Stockumer Hofmarkt ein Gläschen Apfelsaft im Behmenburger Bauernladen zur freien Verpflegung.

Vielleicht eine Lösung: Grüne Äpfel statt roter Äpfel. „Ein grüner Apfel heizt sich nicht so auf wie ein roter“, weiß der Experte. Ein Sonnenbrand, den viele der klassischen roten Äpfel in diesem Jahr abbekommen habe, sei bei grünen Äpfeln daher ein geringeres Problem. Ja, Äpfel können einen Sonnenbrand bekommen. „Da haben Sie dann unter der Schale Temperaturen bis zu 60 Grad.“

Das Problem: Die meisten Menschen bevorzugen rote Äpfel. „Diese ganzen neuen Sorten sind aber nur auf Masse und Aussehen gezüchtet: Möglichst makellos, glänzend und am besten alle gleich groß“, sagt Wolfgang Behmenburg.

Er wirbt für ein anderes Verständnis von Qualität: „Man muss Qualität immer mit der Geschichte des Produktes verbinden. Wie wachsen die Äpfel, wie werden sie versorgt, wie gehen sie mit Stress um - all das muss ich berücksichtigen.“

Wenn in diesen Tagen auf seinem Hof Menschen ihre Äpfel aus dem heimischen Garten vorbeibringen, damit er daraus Apfelsaft macht, hofft er, dass sie auf eine gute Qualität geachtet haben - und vor allem, dass die Äpfel auch wirklich reif sind. „Ein vom Baum gefallener Apfel bedeutet nicht, dass er reif ist. Momentan werfen viele Bäume ihre Früchte ab, weil sie Trockenstress haben.“ Durch den Abwurf der noch nicht reifen Äpfel reduziert der Baum seinen Energiebedarf. „Die Kerne im Apfel müssen braun sein, nur dann ist er reif“, erklärt Wolfgang Behmenburg. Unreife Äpfel nimmt er zur Verarbeitung nicht an. „Daraus kann niemals ein guter Apfelsaft werden.“

Warum alte Apfelsorten in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger werden

Mit der neuen kleinen Apfelpresse kann Wolfgang Behmenburg für Privatleute bis zu 100 Kilogramm Äpfel auf einmal verarbeiten. © Anna Gemünd

Und guten Apfelsaft, den stellt er am liebsten her. Wer möchte, kann auch dabei zusehen, wie aus den Äpfeln aus dem eigenen Garten frischer Apfelsaft ohne jegliche Zusatzstoffe wird. In seiner neuen, kleinen Saftpresse finden bis zu 100 Kilogramm Äpfel Platz. Die weitaus größere Presse direkt daneben nutzt Wolfgang Behmenburg für die Äpfel, die er auf seinen eigenen Wiesen erntet oder die ihm befreundete Biobauern vorbeibringen.

Kistenweise in Schläuchen wird der Saft dann im Hofladen verkauft. Auch Traubensaft stellt Wolfgang Behmenburg mittlerweile her. „Viele Menschen bringen mir jetzt auch Trauben, daraus lässt sich auch sehr guter Saft machen.“ Doch sein Favorit bleibt der Apfel, am liebsten der Finkenwerder Herbstprinz. „Der schmeckt mir einfach und daraus kann man viel machen.“ Und darauf kommt es schließlich an beim Apfel.

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