Umfrage zur Coronakrise

Hoffnung, Stärke, Resignation: So geht es der Wirtschaft im Kreis Unna

Über die wirtschaftlichen Folgen von Pandemie und Lockdown ist viel spekuliert worden. Unsere Redaktion hat die Firmen selbst befragt. Nun liegen die Ergebnisse vor. Und sie überraschen.
Eine einsame Passantin auf der Massener Straße: Der Lockdown hinterlässt in Unnas Fußgängerzone deutliche Spuren. Das wird vor allem abends sichtbar. © Dirk Becker

Ein „Wie geht es Ihnen?“ als Gesprächseinstieg bekommen Journalisten in der Ausbildung abgewöhnt. Die Antwort ist entweder eine Floskel oder weitschweifig. Für Belanglosigkeiten aber sollten Medien keinen Raum bieten. Und wenn sie es ernst meinen mit dieser Frage, dann fragen sie viel konkreter.

Wie es der Wirtschaft im Kreis Unna nun „geht“ im Angesicht von Lockdown und Coronaregeln, das hat unsere Redaktion für eine Umfrage in 20 Einzelfragen gefasst. 159 Unternehmer aus dem Kreis Unna haben sich beteiligt. Ihre Antworten sind oft uneinheitlich, manchmal überraschend.

Fast jeder dritte Unternehmer spürt vom Lockdown gar nichts

Die Reichweite des aktuellen Lockdowns zu bewerten etwa, ist so einfach wie die Frage, ob das Glas denn nun halb voll oder halb leer ist: Von ihm direkt betroffen sind demnach 41,1 Prozent der Befragten, die ihre Betriebe ruhen lassen müssen. 29,1 Prozent spüren indirekte Auswirkungen des Lockdowns, 29,8 Prozent allerdings überhaupt keine.

Ähnlich uneinheitlich fallen die Antworten auf die Frage aus, welche Auswirkung die Coronakrise auch abseits des Lockdowns für die Unternehmen hat: Jeder zweite Betrieb hat demnach weniger Kunden beziehungsweise Aufträge, und fast genauso viele Unternehmer verzeichnen demnach Rückgänge beim Umsatz. Fast jeder dritte Betrieb muss sogar auf Kurzarbeit zurückgreifen, um seine Kosten zu senken. 17,1 Prozent der Teilnehmer fürchten sogar eine Insolvenz. Aber: 20,1 Prozent der Unternehmer gaben an, überhaupt keine Auswirkungen zu spüren.

Staatshilfe für fast jeden zweiten Betrieb

46,2 Prozent der befragten Betriebe haben Staatshilfe beantragt. Aber nicht jeder hat sie bekommen. Unzufrieden äußerten sich die Betriebe oft über die Bearbeitungsdauer – und über den Umstand, dass die Hilfen zurückgezahlt werden müssen.

Dass das Thema der Bearbeitungsdauer ein echtes Problem war, hatte zuletzt auch die Sparkasse Unna-Kamen in ihrer Bilanzpressekonferenz beschrieben. Allerdings präzisierte es die Bank: Lange gedauert habe es vor allem, bis aus der vollmundigen Regierungserklärung zu den Staatshilfen konkrete Richtlinien gemacht wurden. Danach seien die Anträge dann aber oft in erstaunlich kurzer Zeit bearbeitet worden.

145 Millionen Euro in „Corona-Darlehen“

Die Jahresbilanzen der beiden „Ortsbanken“ in Unna und Umgebung geben überdies eine Vorstellung davon, wie viel Geld als Coronahilfe in die regionale Wirtschaft geflossen ist: Die Volksbank Unna hat im vergangenen Jahr 80 Millionen Euro von der KfW vermittelt und damit 250 Unternehmen erreicht, wie Bankdirektor Peter Zahmel erklärt. Sparkassen-Vorstand Klaus Moßmeier nannte eine Gesamtsumme von 65 Millionen Euro, die sich aus KfW-Mitteln, aber auch aus eigenfinanzierten Darlehen in Höhe von 38 Millionen Euro zusammensetzen. Insgesamt habe die Sparkasse Unna-Kamen im vergangenen Jahr 143 Corona-Darlehen ausgegeben. Überdies sei für 300 Kreditkonten eine Ratenpause vereinbart worden. Darunter fallen aber sowohl Firmen- als auch Privatkunden.

Wie weit beziehungsweise lange diese Hilfen reichen, auch dies wird offenbar unterschiedlich bewertet. Die Frage, ob sie auch einen Lockdown bis Ende März durchhalten würden, beantworteten 59,5 Prozent der Umfrageteilnehmer mit einem klaren Ja, 18,4 mit einem Vielleicht. 17,7 Prozent meldeten entweder erhebliche Zweifel an oder ihr bevorstehendes Ende.

Verständnis für den Lockdown ist begrenzt

Die Frage, ob sie den derzeitigen Lockdown als angemessen empfinden, beantwortete gut jeder dritte Betrieb angesichts der gesundheitlichen Bedrohung durch die Pandemie mit Ja. Die übrigen empfanden ihn als zu lang, zu scharf oder als falsch konzipiert.

Starke Schwankungen zwischen Hoffen und Hoffnungslosigkeit zeigen sich schließlich auch beim Blick in die Zukunft. So wollten wir von den Unternehmen auch wissen, wann sie damit rechnen, wieder Umsätze auf Vorkrisenniveau zu erreichen. Diejenigen, die gar nicht erst Einbußen hinzunehmen hatten, waren an der Stelle natürlich in einer Sonderrolle. Von den übrigen rechnet nur jeder 20. damit, dass sein Geschäft noch in diesem Jahr wieder in den Normalbetrieb gelangt. Immerhin 38,4 Prozent erwarteten eine Rückkehr zum gewohnten Umsatzniveau für 2022, für 14,6 Prozent dürfte es im Jahr darauf gelingen. Aber jedes fünfte Unternehmen meldete auch Zweifel an, ob es jemals wieder werden könne wie früher.

Viele Waren bleiben durch Absperrbänder für Kunden unerreichbar. Nur Geschäftskunden dürfen hier einkaufen. Alle andere müssen die Ware online bestellen und dann abholen. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Schwierig zu beantworten war dementsprechend auch die offene Frage, welche Chancen aus der Krise entstehen könnten. Am häufigsten genannt wurde die Digitalisierung von Arbeitsformen und Vertriebswegen. Der gut dosierte Einsatz von Home Office könne durchaus auch zur Mitarbeiterzufriedenheit beitragen und Krankentage reduzieren. Stationäre Einzelhändler haben das Online-Gewerbe oder Hybridformen beherrschen gelernt. Zugleich äußerten sie aber die Hoffnung, dass Handel, Dienstleister und Kultur eine höhere Wertschätzung erfahren könnten, wenn sie die Menschen wieder begrüßen dürfen.

Große Sorgen machen sich allerdings breit vor einem wirtschaftlichen Konzentrationsprozess. Was Optimisten als „Marktbereinigung“ beschreiben, sei eine Verlagerung von Marktmacht zu den ohnehin großen Anbietern. Kleinere hingegen drohen auf der Strecke zu bleiben. Das koste Vielfalt und gehe zulasten von Unternehmern und Kunden. Denn: Wettbewerb belebe das Geschäft.

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