Fast zwei Stunden waren Teile von Unna am vergangenen Freitag ohne Strom. Normalerweise zählen die Stadtwerke Versorgungsausfälle in Minuten. Denn ihr Netz läuft überdurchschnittlich stabil.

Unna

, 03.09.2019, 16:48 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie verwöhnt die Deutschen sind und sein dürfen, zeigt sich bei einem Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika. Stromausfälle treffen dort jeden Haushalt im Durchschnitt vier Stunden im Jahr. In Deutschland liegt der Wert bei etwa zwölf Minuten. In Unna waren es im vergangenen Jahr 3,03 Minuten – diesen Wert muss der Kommunalversorger erfassen und der Bundesnetzagentur melden.

Er beschreibt den durchschnittlichen Versorgungsausfall pro Verbraucher im Niederspannungsnetz, also in dem Teil des Kabelsystems, das auch an den Steckdosen der privaten Haushalte endet.

Das Jahr 2019, soviel ist sicher, wird die Statistik explodieren lassen. Halb Unna war von dem Stromausfall betroffen, als am Freitagmorgen im Umspannwerk Unna an der Heisenbergstraße eine Schaltstelle brannte. Bis zur vollen Wiederherstellung der Versorgung vergingen fast zwei Stunden. Selbst erfahrene Stadtwerker konnten sich an keinen Stromausfall dieser Reichweite und Dauer erinnern. Üblicherweise, das zeigt auch die Statistik, ist das Stromnetz in Unna außerordentlich stabil.

Wer es genau nimmt, mag von „dem Stromnetz“ gar nicht sprechen, sondern eher von „den Stromnetzen“. Denn es sind mehrere Versorgungsebenen, über die jedes einzelne Elektron vom Kraftwerk bis zum Gerät des Verbrauchers gelangt.

Verzweigtes Wegenetz vom Kraftwerk bis zur Steckdose

Vergleichen lässt sich der Weg des Stroms mit einer langen Autofahrt, bei der es erst einmal über die Autobahn geht, dann über Bundes-, Landes- und Kreisstraßen und schließlich über örtliche Straßen und Wege bis in die Einfahrt der Zieladresse.

Die Autobahnen, das sind in diesem Vergleich die Leitungen des überregionalen Übertragungsnetzes, das hier in der Region von der RWE-Tochter Westnetz betrieben wird. „Abfahrten“ gibt es in Unna zwei: Das Umspannwerk Unna an der Heisenbergstraße und das Umspannwerk Alter Hellweg an der Ecke Hansastraße/Schwarzer Weg sind die Übergabestellen zwischen Westnetz und den Stadtwerken.

So funktioniert das Stromnetz der Stadtwerke in Unna

Die beiden Umspannwerke an der Heisenbergstraße (Bild) und an der Hansastraße sind die Übergabestellen zwischen dem Übertragungsnetz der RWE-Tochter „Westnetz“ und dem örtlichen Verteilnetz der Stadtwerke Unna. © Sebastian Smulka

Nach Unna kommt die Energie mit bis zu 380.000 Volt

Umspannwerke machen das, was ihre Bezeichnung ahnen lässt: Sie transformieren die Spannung, die auf den Leitungen liegt, um. Oder, um im Bild der Autofahrt zu bleiben: Sie nehmen das Tempo heraus, weil es nun von der Autobahn auf die Landstraße geht. Das Werk an der Heisenbergstraße greift eine Spannung von 380.000 Volt ab. Das nennt der Fachmann Höchstspannung.

Am Alten Hellweg geht es „nur“ um Hochspannung, also 110.000 Volt. Beide Werke regeln die Spannung auf nur noch 10.000 Volt herunter. Jeweils zwei große Transformatoren – einer im Betrieb und einer in Reserve – sind zugleich das Tor zum Mittelspannungsnetz. Für die Stadtwerke ist es das Verteilernetz des Versorgungsgebietes.

So funktioniert das Stromnetz der Stadtwerke in Unna

Eine von stadtweit neun Hauptverteilerstationen steht am Verkehrsring, Ecke Hertingerstraße, und hat vor einigen Wochen erst eine neue Technik bekommen. Autofahrer mögen sich an die einspurige Sperrung zu Ferienbeginn erinnern, die für die Bauarbeiten nötig waren. © Sebastian Smulka

Mit „10 kV“ würde aber immer noch jede Haussteckdose in Flammen aufgehen, wie Dietmar Biermann, Technischer Prokurist der Stadtwerke Unna erklärt. Neun Hauptverteilstationen leiten den Strom in dieser Netzebene zu 300 öffentlich bedeutsamen Ortsnetzstationen und 130 vergleichbaren Stationen auf den Werksgeländen von Großkunden.

Dort wird die elektrische Energie in ein verträglicheres Maß umgeformt: Die Stadtwerke sprechen nun vom Niederspannungs- oder 1-kV-Netz und meinen damit das Regelwerk, nach dem die Leitungen und Anlagen ausgelegt sind.

Tatsächlich liegt die Spannung bereits hier deutlich unter der Grenze von tausend Volt. Doch eine Verteilungsstufe kommt noch: 800 Ortsverteiler – das sind die kleinen grauen Kästen, auf denen nicht Post oder Telekom steht – schicken den Strom auf die letzten Meter zu den Hausanschlüssen.

So funktioniert das Stromnetz der Stadtwerke in Unna

Das hier ist eine von 300 Ortsnetzstationen, landläufig auch Stromstation genannt. Am Morgentor mussten die Stadtwerke die Station im vergangenen Jahr sehr eilig neu setzen, weil die vorhandene in einem Hohlraum des alten Unnas zu versinken drohte. © Borys Sarad

866 Kilometer Kabelmaterial verteilen in Unna den Strom

Im Mittelspannungsnetz sind in Unna 376 Kilometer Erdkabel verlegt. Das Niederspannungsnetz besteht aus 463 Kilometern Erdkabel und 27 Kilometern Freileitung. 36.000 Zähler geben eine Vorstellung davon, wie viele Haushalte und Firmen über das Netz der Stadtwerke versorgt werden.

Kommt es zu einem Schaden, entstehe dieser zu 99 Prozent nicht in einer der Anlagen, sondern auf freier Strecke, erklärt Stadtwerke-Technikchef Dietmar Biermann. Hauptursache für die Defekte in Kabeln oder Verbindungsmuffen sind Schäden, die über Jahre hinweg durch den Wechsel von Frost und Tauwetter oder durch das Einwachsen von Baumwurzeln entstehen. Gelangt dann Wasser an die Leitung, kommt es zum Erdschluss. Manchmal zerreißt natürlich auch ein Baggerfahrer versehentlich eine Leitung. Wenigstens ist die genaue Schadensstelle dann leicht zu finden.

So funktioniert das Stromnetz der Stadtwerke in Unna

Stromausfälle entstehen in Unna meistens auf „freier Strecke“ durch Leitungsschäden. Wenn nicht gerade einem Baggerfahrer ein Malheur passiert ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Verbindungsmuffe wie diese oder auch eine Leitungsummantelung undicht geworden war. Eindringendes Wasser sorgt dann für einen Erdschluss. © Hennes

Ansonsten gibt es zwei Möglichkeiten, über die Stadtwerke einen Stromausfall vor Ort festzustellen. Im Mittelspannungsnetz würden Messgeräte eine plötzliche Veränderung der Last auf der Leitung feststellen und der Leitwarte der Stadtwerke an der Heinrich-Hertz-Straße melden. Dort ist dann ersichtlich, dass irgendwo hinter der gemessenen Auffälligkeit etwas passiert sein muss.

Kabelschäden auf den letzten Metern bis zum Haus melden in der Regel die Kunden über die Störungsrufnummer. In diesem Fall fährt ein Team der Netztechniker heraus und schaut als erstes im nächsten Ortsverteiler nach, welche Sicherung rausgeflogen ist. Das hilft zugleich, den Schaden genauer zu orten.

So funktioniert das Stromnetz der Stadtwerke in Unna

Auf zur letzten Meile: Von 800 Ortsverteilern gehen in Unna die Leitungsabschnitte ab, die einzelne Straßenzüge mit den entsprechenden Hausanschlüssen speisen. © Udo Hennes

Die Stromversorgung hat für viele Fälle eine Reserve

Damit der Strom wieder fließen kann, muss nicht erst das beschädigte Kabel repariert werden. Die Leitungen sind in den meisten Teilen der Stadt so verlegt, dass sie einen Ring ergeben, der zwar geöffnet ist, aber eben im Bedarf auch geschlossen werden kann. Strom kommt dann sozusagen von der anderen Seite zum Verbraucher, während der beschädigte Leitungsabschnitt vom Netz genommen ist und geflicket werden kann.

Diese Doppelstruktur findet sich im Versorgungsnetz auf verschiedenen Ebenen: Zwei Umspannwerke dienen zum einen der besseren Gebietsabdeckung, weil sie eine lange Leitung mit etwaigen Energieverlusten verhindern, können sich aber bei Bedarf auch gegenseitig „vertreten“.

Ebenso ist zu erklären, dass die Stadtwerke in beiden Umspannwerken je zwei Transformatoren haben. Und auch die Ringstruktur der Leitungen zielt auf die Versorgungssicherheit.

Fachleute Sprechen vom „N-minus-eins-Kriterium“, was soviel bedeutet, dass die Stadtwerke immer Ersatz zur Hand haben sollten, wenn es irgendwo im Netz Probleme gibt. Ist dieser Ersatz in Anspruch genommen, wie es am Freitag nach dem Brand an der Heisenbergstraße nötig wurde, ist „N-1“ nicht mehr gegeben.

In der Bildwelt der Autoreise bedeutet es: Nach einer Reifenpanne ist das Reserverad montiert worden. Die Fahrt kann weitergehen. Aber passieren sollte nun nichts mehr – und es wäre klug, gleich beim nächsten Reifenservice die richtige Reparatur vornehmen zu lassen.

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