Hengsens langer Weg zur Gemeinschaftsschule

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60 Jahre alt ist die Paul-Gerhardt-Schule. Auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule mussten in den Jahren nach dem Weltkrieg einige Hürden genommen werden – politischer und religiöser Natur.

von Lena Zschirpe

Holzwickede

, 27.10.2018, 18:51 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zum 60-jährigen Jubiläum der Paul-Gerhardt-Schule referierte Wilhelm Hochgräber in den vergangenen Wochen mit insgesamt zwei Vorträgen zu Schulen in Holzwickede und der näheren Umgebung.

Im ersten der zwei Vorträge wurde die 1908 eröffnete Kellerschule beleuchtet – bis zu ihrer Schließung im Jahr 1941. Nun widmete sich Hochgräber dem inoffiziellen Nachfolger der Kellerschule: Der Paul-Gerhardt-Grundschule, die in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag feiert.

Wie auch für die Kellerschule sei auch für die Hengser Grundschule die Entstehung des Volksschulwesens in Deutschland essenziell gewesen – auch wenn sich damals das Zeitalter der Volksschulen dem Ende entgegen neigte.

Dass die Schulpflicht eingeführt und das Schuldgeld mit der Zeit abgeschafft wurde, sei für staatliche Gemeinschaftsschulen, so wie es die Paul-Gerhardt-Schule auch heute ist, nicht unerheblich.

Nach dem Richtfest Ende August eröffnete die Schule am 10. Oktober 1958 – bis dahin war es für das Schulwesen in Holzwickede allerdings ein holpriger Weg. 1938 wurden die Klassen der Kellerschule, der Marienschule und der alten evangelischen Schule in Opherdicke auf Anweisung der Nationalsozialisten erstmals zu einer Schule zusammengelegt.

Der Unterricht fand seitdem in den Räumen der evangelischen Schule Opherdicke, der neuen „Gemeinschaftsschule“ statt. Die Anzahl der Lehrer blieb damals unverändert, aus den drei Klassen seien wegen hohem Andrang aber nach und nach insgesamt fünf Klassen geworden.

„Da jüdischen Kindern die Teilnahme am Unterricht nicht gestattet war, lässt sich aus heutiger Sicht aber nicht mehr von einer Gemeinschaftsschule sprechen“, sagte Hochgräber. Stattdessen sei die Bezeichnung einer paritätischen Schule korrekt. „Es gab in Unna beispielsweise ein jüdisches Mädchen, für das man mittlerweile auch einen Stolperstein eingelassen hat. Das Kind musste jeden Tag nach Dortmund zur Schule fahren.“

Die ersten Pläne für eine neue evangelische Schule sowie ein Modell für das Schulgebäude in Hengsen seien bereits 1941 aufgestellt und bewilligt worden. Damals wurde noch optimistisch und von einem Blitzkrieg ausgehend damit geworben, dass die Schule an der Unnaer Straße gebaut werde, sobald der Krieg beendet beziehungsweise gewonnen sein würde.

Nachdem dieser verloren war, wurde das Projekt aber nicht umgesetzt. 1945 wurde die paritätische Schule nach dem Einmarsch der amerikanischen Soldaten geschlossen und erst nach fünf Monaten wieder eröffnet.

Die Eltern der schulpflichtigen Kinder konnten vor der Wiedereröffnung entscheiden, ob sie eine Gemeinschaftsschule behalten, oder zurück zum konfessionell getrenntem System kehren wollten. Da der Einfluss der Kirche und der religiösen Vertreter gerade nach dem Krieg enorm war, entschied die Mehrheit sich für Konfessionsschulen.

Also wurde die Marienschule wieder für die katholischen Kinder geöffnet, die Kellerschule blieb jedoch geschlossen. Als später die Ideen für eine neue evangelische Schule für Hengsen wieder aufgerollt wurden, beauftragte man Architekt Paul Rabe, der bereits 1941 das erste Modell entwarf.

Ein Streit um den Namen der Schule zog sich dann auch noch nach der Eröffnung in die Länge. Der damalige Pfarrer beharrte auf dem lutheranischen Kirchenliedautoren Paul Gerhardt als Namensgeber. Sein Argument: Die Lieder Gerhardts waren zu dieser Zeit bereits auch in der katholischen Kirche etabliert und einten daher die Konfessionen. Der Name war so auch für eine zukünftige Gemeinschaftsschule denkbar. Zunächst wurde die Paul-Gerhardt-Schule aber als neue evangelische Volksschule eröffnet und erhielt erst bei der Umstrukturierung zur Gemeinschaftsschule im Jahr 1968 ihren bis heute bekannten Namen.

Referent Hochgräber besuchte die Paul-Gerhardt-Schule selbst zweieinhalb Jahre lang im selben Gebäude, in dessen Pausenhalle nun seine Vorträge stattfanden.

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