Ende 2019 soll es so weit sein: Dann können die Bewohner der Pflegewohnanlage „Haus am Hellweg“ einziehen. Das imposante Gebäude mitten in Hemmerde ist alles, nur kein gewöhnliches Altenheim.

Hemmerde

, 18.03.2019, 11:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine „Shopping-Mall“ nach amerikanischem Vorbild? Ein moderner Veranstaltungssaal? Wer das Herzstück des gigantischen Rohbaus mitten in Hemmerde betritt, dem dürfte vieles einfallen, was hier gerade entsteht - aber ein Pflegeheim? Das riesige Glasdach in der Mitte des Gebäudes, das einen rechteckigen Innenhof überspannt und ein Gefühl von Weite vermittelt, hat nicht viel mit dem zu tun, was man heutzutage als Alten- und Pflegeheim-Optik kennt. Und genau das ist das Geheimnis der Wohnanlage „Haus am Hellweg“.

Hemmerde bekommt das wohl modernste Pflegeheim der Region

Der Innenhof bildet das Herzstück des Atriumhauses. Das Glasdach lässt viel Licht hinein und ermöglicht auch bei Regen ein Sitzen „im Grünen“, denn der Innenhof soll bepflanzt werden. © Anna Gemünd

Vom „schönsten Atriumhaus Deutschlands“spricht Georg Kotmann von dem Verein „Bürgerhilfe“, der hinter dem ehrgeizigen Bauprojekt in Unnas östlichstem Ortsteil steckt. Elf dieser „Atriumhäuser“ betreibt die Bürgerhilfe in Deutschland; sie alle eint, dass ihren jeweiligen Mittelpunkt ein begrünter und überdachter Freiraum bildet. Dahinter steckt die Idee, den Bewohnern der jeweiligen Pflegehäuser eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen: Draußen zu sitzen, selbst wenn der Himmel grau ist, umgeben zu sein von grünen Pflanzen - das ist ein deutlicher Kontrast zu dem oft grauen und dunklen Alltag in herkömmlichen Alten- und Pflegeheimen. „Wir wollen unseren Bewohnern auch am Lebensabend die Lebensqualität erhalten, die sie schätzen. Dazu zählen eine ganz individuelle Pflegebetreuung und eben auch diese grünen Freiräume in unseren Atriumhäusern“, erklärt Kotmann.

Hemmerde bekommt das wohl modernste Pflegeheim der Region

Schon jetzt lässt sich erahnen, dass der Aufenthaltsraum dank der deckenhohen Fenster lichtdurchflutet sein wird. © Anna Gemünd

Dass das zwölfte und mit 70 Einzelzimmern mit jeweils eigenen Badezimmern größte Atriumhaus des Bürgerhilfe-Vereins ausgerechnet in Hemmerde entsteht, mag auf den ersten Blick verwundern. „Hemmerde ist eigentlich zu klein für ein Altenheim dieser Größe“, gibt Georg Kotmann zu, „aber auf den zweiten Blick sieht man, wie groß das Einzugsgebiet der Bewohner hier ist.“ Die Nähe zu Werl, Fröndenberg, ja auch den südlichen Bereichen von Hamm und Bönen macht das Dorf Hemmerde für den Pflegeheim-Betreiber interessant. Zumal Hemmerde nicht ohne Grund schon seit Jahren als der ländliche Ortsteil Unnas gilt, der mit Abstand die beste Infrastruktur vorweist: Ärzte, Banken, eine Grundschule, zwei Kindergärten, dazu ein Supermarkt und Bäcker behaupten sich geradezu gegen den Trend der anderswo zu beobachtenden „Landflucht“ in dem Ostdorf an der B1. Ein Atriumhaus als moderne Pflegewohnanlage ergänze diese glückliche Situation perfekt und könne Hemmerde zu einem „Leuchtturm in der ländlichen Umgebung“ machen, ist Kotmann überzeugt.

„Sind die Kinder aus dem Haus und man selbst irgendwann nicht mehr so mobil, dann bleibt einem meist nichts anderes übrig, als in die Stadt zu ziehen.“
Klaus Tibbe, Ortsvorsteher von Hemmerde

Hemmerdes Ortsvorsteher sieht das etwas nüchterner. Klaus Tibbe ist schlicht und einfach sehr froh, dass „sein“ Ort nun auch die Möglichkeit bietet, im Alter „auf dem Dorf“ wohnen zu können. „Viele ältere Menschen haben doch genau dieses Problem: Sind die Kinder aus dem Haus und man selbst irgendwann nicht mehr so mobil, dann bleibt einem meist nichts anderes übrig, als in die Stadt zu ziehen“, schildert Tibbe die Situation auf den Dörfern.

Die Lage des Pflegewohnheims, das durch einen weiteren Neubau um Plätze für Demenzkranke im betreuten Wohnen noch erweitert wird, ist ohne Zweifel günstig: Nur wenige Meter sind es zu Fuß bis zum Dorfplatz, an dem sich der Supermarkt und die Banken befinden und der durch eine Umgestaltung noch mehr zum Mittelpunkt des dörflichen Lebens werden soll.

Der Verein „Bürgerhilfe“

Pflegewohnanlagen mit besonderer Architektur

  • Der Verein „Bürgerhilfe“ wurde 1978 gegründet und konzentrierte sich auf den Betrieb von Pflegewohnheimen.
  • Der Verein ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und konzentriert sich bei der Standortwahl seiner Pflegeheime bewusst auf den ländlichen Raum.
  • Aktuell betreibt die „Bürgerhilfe“ 17 Pflege-Einrichtungen, von denen elf Atriumhäuser mit begrünten und überdachten Freiräumen sind.
  • Der Schwerpunkt des Vereins konzentriert sich auf das nordwestliche Niedersachsen. Hemmerde wird das zweite Pflegehaus in Nordrhein-Westfalen; in Ochtrup gibt es bereits ein Atriumhaus der Bürgerhilfe.

Kosten richten sich nach dem jeweiligen Pflegegrad

Ein begrünter und überdachter Innenhof, individuelle Pflege rund um die Uhr und der Anschluss an das Dorfleben - das hat natürlich seinen Preis. Die Kaufpreise für die zwischen 48 und 78 Quadratmeter großen Einzelzimmer fangen bei knapp 157.000 Euro an. Die Pflegeentgelte für Bewohner, die nicht kaufen, sondern zur Miete wohnen, richten sich nach dem jeweiligen Pflegegrad. Die Kosten hierfür liegen bei dem vergleichbaren Atriumhaus im nordrhein-westfälischen Ochtrup bei 1996 Euro (Eigenanteil Bewohner bei Pflegegrad 5) bis 2392 Euro (Eigenanteil Bewohner bei Pflegegrad 1).

In Hemmerde sind 68 der verfügbaren 70 Einzelzimmer bereits verkauft. Aktuell sucht die Bürgerhilfe diejenigen, die das Konzept des Atriumhauses mit Leben füllen sollen: Stellenanzeigen für Pflege- und Betreuungspersonal gehen in Kürze raus. Eine der wichtigsten Stellen ist allerdings schon besetzt - mit einer Frau aus Westhemmerde. Sabrina Schlüter leitet den Sozialdienst des Hauses und wird auch die stellvertretende Einrichtungsleitung übernehmen. „Das war für mich ein absoluter Glücksgriff“, freut sich die junge Frau, „ich habe gesehen, dass hier im Dorf etwas Großes gebaut wird und als ich erfuhr, dass es ein Altenheim wird, war mir klar: Da muss ich hin.“

Schon während ihres Studiums der Sozialen Arbeit war Schlüter klar, dass ihre Leidenschaft in der Betreuung von Senioren liegt. „Ich habe während der Unizeit jedes Wochenende im Altenheim gearbeitet“, erzählt sie. Dass die Berufsaussichten in der Altenbetreuung gut sind, war der Westhemmerderin klar, doch dass sie tatsächlich vor der eigenen Haustür würde arbeiten können - das kann Sabrina Schlüter noch immer nicht so ganz fassen.

„Es wird sehr viel Spaß machen, hier zu arbeiten, davon bin ich überzeugt.“
Sabrina Schlüter, Leiterin des Sozialen Dienstes im „Haus am Hellweg“

Für die Bürgerhilfe war die „Frau aus dem Dorf“ die Idealbesetzung für die Leitung des Betreuungsdienstes; schließlich ist sie in Hemmerde bestens vernetzt, hat Kontakte zu den Landfrauen, der Kfd und eben in jenes Netzwerk, das es so nur auf dem Dorf gibt. „Dieses Haus sieht schon jetzt so schön aus. Es wird sehr viel Spaß machen, hier zu arbeiten, davon bin ich überzeugt“, freut sich Sabrina Schlüter auf den Start Ende 2019. Dann hat Hemmerde möglicherweise das schönste Atriumhaus Deutschlands.

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