Kerstin Heidler wechselt nicht nur nach Dortmund – sie geht vor allem auch aus Unna fort. © Privat
Politik

Heidlers Wechsel aus Unna nach Dortmund ist auch ein Befreiungsschlag

Kerstin Heidlers Abschied aus dem Rathaus kommt plötzlich, ist aber nicht unerklärlich. Die Beigeordnete nutzt die Gunst der Stunde, um selbst zu handeln, bevor sie behandelt wird. Eine Analyse.

Auf die Frage nach dem „Warum“ ihres Wechsels nach Dortmund gibt die scheidende Beigeordnete Kerstin Heidler selbst ein paar Antworten. Sie spricht von einer großen Herausforderung und der Chance, „einen Anteil an der Weiterentwicklung der größten Stadt im Ruhrgebiet mit ihrer Auswirkung in die ganze Region zu leisten“.

Nicht ohne Stolz merkt sie an, dass man von Dortmund aus an sie herangetreten sei. „Ich freue mich, dass meine Arbeit offensichtlich auch über die Kreisstadt Unna hinaus Anerkennung erfahren hat“, erklärt Heidler in einer schriftlichen Stellungnahme. Sie blickt zurück auf eigene Leistungen, dankt den „Kolleginnen und Kollegen in meinen Fachverwaltungen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den vergangenen fünf Jahren“.

Heidler wurde der Abschied nicht schwer gemacht

Wer sich – typisch westfälisch – damit zufrieden gibt, dass man den Menschen ja nur vor den Kopf schauen könne, den mag dies überzeugen. Wer aber zwischen den Zeilen liest, den macht diese Stellungnahme vielleicht nachdenklich: Üblicherweise danken Wahlbeamte bei ihrem Ausscheiden auch den Kollegen im Verwaltungsvorstand und den Mitgliedern des Stadtrates. Heidler tut dies nicht.

Ob der Schritt von der Beigeordnetenposition in einer Kreisstadt zur Chefin des Oberbürgermeister-Büros in der Großstadt wirklich ein Karrieresprung ist, mag Sache des persönlichen Empfindens sein.

Und Heidlers Formulierung, dass ihre Arbeit „auch“ über die Stadtgrenzen hinaus Anerkennung erfahren habe, unterstreicht letztlich nur, wie sehr man ihr diese Anerkennung in Unna versagt hat. Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal bietet Heidler nun eine Stelle mit gutem Ansehen und eine berufliche Absicherung, die in Unna zunehmend fraglich geworden ist.

Als die Stadt Unna 2016 beschloss, die seit Jahren vakante Planstelle einer oder eines vierten Beigeordneten zu reaktivieren, rückte Kerstin Heidler als erste Frau überhaupt in die „Mannschaft“ ein. In der Außendarstellung der Verwaltung erhielt die Juristin zunächst große Vorschusslorbeeren. Was allerdings auch belegt ist: Die erste Frau in der Herrenriege bekam auch erkennbar weniger Geld als ihre männlichen Kollegen, wurde die neue Planstelle doch zunächst eine Besoldungsordnung tiefer angesetzt. A16 statt B3 oder 4, das konnte aufs Jahr gerechnet sogar einen fünfstelligen Unterschied ausmachen.

Kein Rückhalt über die SPD hinaus

Aber auch auf inhaltlicher Ebene schien Heidlers Rückhalt im Rathaus bisweilen begrenzt. Zumindest war es ihr nicht gelungen, auch die anderen Parteien hinter sich zu bringen. Das ließ sie April 2019 zum Spielball werden in einer Machtdemonstration im Stadtrat, deren tiefere Bedeutung sich erst heute voll erschließt. Nach dem Ausscheiden des Ersten Beigeordneten Karl-Gustav Mölle musste der Rat einem Mitglied des Verwaltungsvorstandes die Aufgabe der Abwesenheitsvertretung für Bürgermeister Werner Kolter übertragen. Die Verwaltung schlug Kerstin Heidler vor, CDU-Fraktionschef Rudolf Fröhlich forderte zur allgemeinen Überraschung eine geheime Abstimmung und ließ damit erkennen, dass irgendetwas im Vorfeld ausgeheckt worden war. Heidler fiel in der Wahl durch, bevor im zweiten Versuch der spätere Bürgermeister Dirk Wigant genommen wurde.

Die Machtdemonstration, mit der die CDU zum ersten Mal ihren späteren Bürgermeisterkandidaten in Szene setzen konnte, war zugleich die Geburtsstunde des schwarz-grünen Bündnisses, über das nach der Wahl für alle sichtbar im Schaufenster des grünen Parteibüros weiterverhandelt wurde.

Die offizielle Begründung der Grünen damals, warum sie sich für so ein Schauspiel hergeben, war schwammig. Eine gültige Zusammenfassung lautet wohl: „Weil es geht.“ Dass man damit aber nicht nur der SPD eine Ohrfeige verpasst hat, sondern auch Kerstin Heidler K.o. geschlagen, schien weder für die CDU noch für die Grünen ein Problem darzustellen.

Eine Wiederwahl 2024 wäre eher unsicher

Heidlers Problem heute ist, dass ausgerechnet diese beiden Parteien in Unna auch nach der Wahl eng zusammenarbeiten, während ihre SPD zur Opposition zählt. Ohne eigene Mehrheit und ohne Akzeptanz der neuen Schwergewichte im Stadtrat aber sehen die Aussichten auf eine zweite Amtszeit ab 2024 eher ungewiss aus.

Heidler nutzt nun die Chance, auf eine halbwegs gleichwertige Stellung zu gelangen in einer Stadt, in der die SPD noch eine Rolle spielt. Sie nutzt die Gunst der Stunde, um selbst zu handeln, bevor sie sich eine unangenehme Behandlung bieten lassen muss.

Was bleibt nun von fünf Jahren, in denen Kerstin Heidler in Unna Beigeordnete für Schule, Jugend und Familie, Sport, Kultur und Weiterbildung war? Sie selbst formuliert es in ihrer offiziellen Stellungnahme: „Insbesondere im Bereich Schule konnte ich Projekte mitgestalten, die Unna als leistungsstarke Schulstadt in besonderer Weise gerecht werden und für zukünftige Generationen modernes Lernen in einem attraktiven Lernumfeld ermöglichen werden. Darauf bin ich auch persönlich stolz. Mit der Kulturentwicklungsplanung haben wir gemeinsam mit den Kulturschaffenden neue Eckpunkte für die zukünftige Aufstellung der Kultur in Unna geschaffen.“

Über den Autor
Redaktion Unna
Verwurzelt und gewachsen in der Hellwegbörde. Ab 1976 Kindheit am Hellweg in Rünthe. Seit 2003 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Hat in Unna schon Kasernen bewacht und grüne Lastwagen gelenkt. Aktuell beäugt er das politische Geschehen dort und fährt lieber Fahrrad, natürlich auch auf dem Hellweg.
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Sebastian Smulka
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