Corona heißt zwar Durchhalten, aber ganz sicher nicht beim Thema häusliche Gewalt. Das betonen Polizei und das Frauenforum im Kreis Unna ganz deutlich. © dpa
Gewalt gegen Frauen

Häusliche Gewalt und Corona: „Da rollt eine Fall-Welle auf uns zu.“

Die Zahlen aus dem ersten Corona-Jahr sind nicht sonderlich höher als 2019. Beratungsstellen und Polizei befürchten, dass gerade im Lockdown beileibe nicht alle Fälle gemeldet werden.

Schaut man sich die blanken Zahlen an, scheint das zurückliegende Corona-Jahr keine besonderen Auswirkungen auf die Entwicklung der Statistik der Frauen- und Mädchenberatungsstelle gehabt zu haben.

Dass das aber nur der Anschein ist, weiß Birgit Unger. Die Geschäftsführerin des Frauenforums im Kreis Unna erklärt: „Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, jetzt wieder an die Öffentlichkeit heranzutreten, um einerseits daran zu erinnern, dass es hier gut aufgestellte Hilfen gibt und das Thema auch ganz bewusst in der Zeit des Lockdown wieder in den Fokus rücken muss.“ Über das vergangene Jahr sind in der Frauen- und Mädchenberatungsstelle 452 Beratungsfälle verzeichnet worden, das sind drei Fälle weniger als 2019 und sogar 111 weniger als noch 2018.

Als die Maßnahmen gelockert wurden, suchten mehr Frauen Hilfe

„Die Zeiten der Lockdowns haben sich hier sehr deutlich bemerkbar gemacht. Über den vergangenen Sommer, als die Maßnahmen wieder gelockert wurden, haben wir auch eine starke Zunahme der gemeldeten Fälle festgestellt. Als dann zu Weihnachten die strengen Corona-Beschränkungen kamen, hat das wieder nachgelassen“, berichtet Birgit Unger.

Es hat sich die Theorie entwickelt, dass betroffene Frauen in der Zeit, in der sie das Gefühl haben, wegen Corona sowieso nicht raus zu können, auch weniger Beratung aufsuchen und die Fälle auch bei der Polizei weniger häufig anzeigen. Ganz wichtig sei aber in diesem Zusammenhang, dass deutlich wird, dass man zwar in Corona-Zeiten einiges ertragen müsse, häusliche oder sexualisierte Gewalt gehört da aber auch gar keinen Fall dazu. „Ich glaube, da rollt eine Welle auf uns zu, wenn der aktuelle Lockdown wieder vorüber ist“, befürchtet Unger.

Diese Vermutung teilen auch Ariane Raichle und Frauke Huwald von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle. Es sei zur Zeit eben nicht so leicht möglich, sich einer häuslichen Gewaltsituation zu entziehen, etwa schnell bei einer Freundin unterzukommen, oder für ein paar Tage ins Hotel zu ziehen. „Es darf bei den betroffenen Frauen nicht der Eindruck entstehen, dass sie die Situation aushalten müssen, nur weil Corona ist. Dafür sind wir da.“

Auch sollten Betroffene gar nicht selbst die Flucht antreten müssen, dazu gibt es schließlich das Mittel der polizeilichen Wegweisung, bei dem der Partner für zehn Tage die Wohnung nicht betreten darf. Dieses Mittel aus dem Gewaltschutzgesetz wurde 2020 insgesamt 73 Mal angeordnet (2019: 107). Wird die Polizei diesbezüglich tätig, informiert sie die Frauenberatungsstelle darüber und von dort aus können dann gezielt Gesprächs- und Beratungsangebote an die Betroffenen erfolgen.

Hilfe und Kontakt

Auch online und per Telefon

  • Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle ist zu erreichen unter Tel. (02303) 822 02. Montag und Mittwoch von 11 bis 12 Uhr und Dienstag und Donnerstag von 15 bis 16 Uhr.
  • Eine Chatberatungist unter https://frauenforum-unna.beranet.info (Chatberatung) zu finden.
  • Dort findet sich auch die Möglichkeit, einen Erstkontakt via Email aufzunehmen.
  • Das Frauenhaus ist unter Tel. (02303) 778 91 50 erreichbar.

Dass die vermeintliche Ruhe im Corona-Jahr eine trügerische ist, zeigt auch die Zahl der telefonischen Beratungen, die im vergangenen Jahr um die Hälfte gestiegen ist. Ganz deutliche Worte findet auch Michelle Taubert. Die Leiterin des Frauenhauses sagt: „Wenn Sie nicht wissen, wohin – genau dafür sind wir da.“ Betroffene Frauen müssen vor dem Wort „Frauenhaus“ keine Angst haben, im Gegenteil. Es ist ein schöner und behüteter Ort, an dem sie und ihre Kinder zur Ruhe kommen können.

Ein Blick auf die Kriminalitätsstatistik des Landes NRW 2020 zeigt eine Zunahme im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Vergleich zum Vorjahr um gut 30 Prozent. Auch wenn sich die Entwicklung in der Form hier nicht darstellt, vermutet Landrat Mario Löhr, dass es hier einen deutlich höheren Dunkelwert gibt. „Es handelt sich dabei ohnehin nur um die gemeldeten Zahlen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass gerade in Zeiten von Corona, vielleicht gar nicht alle Taten angezeigt werden.“ Das käme dann eventuell im Nachhinein wenn der Lockdown vorbei ist. Und da würde dann eine ganz enorme Welle auf die Polizei und die Beratungsstellen zurollen.

Über den Autor
1982 in Dortmund geboren. Abi in Holzwickede, Journalistik-Studium wieder in Dortmund. Seit 2013 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Freut sich über die spannende Herausforderung, den Wandel eines Traditionsverlags hin zu einem modernen, familiengeführten Multimedia-Unternehmen zu begleiten.
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Christoph Schmidt

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