Bei der „Stadtbesetzung“ gab es in dieser Woche viele Gelegenheiten, dem Motto gemäß „Altes mit neuen Augen zu sehen“. Ein Termin musste ausfallen, weil keine Gäste kamen.

von Sebastian Pähler

Unna

, 07.12.2019, 15:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Altes mit neuen Augen zu sehen“, in diesem Zeichen stand auch die Anlaufstelle, eine ehemalige Apotheke in der Nießenstraße 2, die seit Sonntag selbst Kulturort war. So waren hier etwa Menschen gefragt, persönliche Erinnerungen an besondere Orte vor der Kamera zu schildern.

Dauerhaft war hier auch eine Ausstellung der Künstler Andrea Agner und Ghassan Haj-Ibrahim sowie des achtjährigen Nachwuchskünstlers Jeong-Ho Yoo zu sehen.

Hörspielcasting mit Raimon Weber

Ein bisschen vom ganz großen Hollywood-Feeling kam am Montag auf, als Krimiautor und Hörspielproduzent Raimon Weber zum Sprecher-Casting einlud. Worum es in dem Hörspiel geht, wollte er noch nicht verraten, doch an einer Sache ließ er keinen Zweifel: „Es ist noch top-secret, aber es wird groß, es wird böse und wir treffen auf all die großen Stimmen der Hollywood-Stars – von Morgan Freeman über Scarlett Johansson bis hin zu Bugs Bunny.“

Gutes Angebot, mangelnde Resonanz: So lief die erste Stadtbesetzung

Bei dem Casting-Dialog zwischen Bewerbern wie Ramon Klein (l.) und Sprecher Chris Köhler (m.) mischte sich Produzent Raimon Weber (r.) als mörderischer Störenfried ein © Sebastian Pähler

Doch nicht nur die fernen Stars sollen in seiner nächsten Produktion zu Wort kommen, sondern auch einige Sprecher aus der Region. So sind auch Sprecher und Schauspieler etwa aus Bochum und Dortmund und auch aus dem Unnaer Theater Narrenschiff eingebunden.

Interessierte Bürger sollten nun auch die Chance haben, sich in Nebenrollen in die Produktion einzubringen und dieser Einladung folgten viele. So war der Kunstraum Unna in kürzester Zeit gefüllt mit zahlreichen Teilnehmern und ihren Begleitern, die beim Casting ihre Hörspielstimme vorstellen wollten. Über 30 Interessenten sprachen schließlich für die Rollen vor.

Gutes Angebot, mangelnde Resonanz: So lief die erste Stadtbesetzung

Großes Interesse bestand am Hörspiel-Casting mit Raimon Weber. Über 30 Interessenten und ihre Begleiter versammelten sich im Kunstraum Unna, um sich auf eine der angebotenen Rollen zu bewerben. © Sebastian Pähler

Diese hatten teilweise einen weiten Weg auf sich genommen. So kamen Teilnehmer aus Bochum, Essen und sogar Berlin. Aber auch viele Unnaer Bürger hatten Lust, sich das einfach Projekt anzusehen und etwas dazu beizutragen. „Ich finde das einfach unheimlich toll, was man mit seiner Stimme machen kann, auch in anderen auslösen kann“, berichtete etwa Stephanie Endlich aus Kamen.

Konzert zum Mitmachen mit Kim Friehs

Am Dienstag lud Kim Friehs, bekannt als Sänger der Band „Max im Parkhaus“, zu einem Wohnzimmerkonzert ein. Das fand natürlich nicht in seinem eigenen Wohnzimmer, sondern im Nicolaihaus statt. Trotzdem war es für die Besucher, als seien sie bei dem Sänger Zuhause eingeladen, denn er wollte bei seinem Beitrag zur „Stadtbesetzung“ gar nicht allein im Rampenlicht stehen. „Was ich auf jeden Fall nicht wollte, ist, dass alle still sitzen und zugucken.“ Stattdessen forderte er die Gäste auf, mitzusingen und, wenn sie mochten, sich auch miteinander zu unterhalten.

Gutes Angebot, mangelnde Resonanz: So lief die erste Stadtbesetzung

Eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre kam beim Mitmachkonzert mit Kim Friehs auf. © Sebastian Pähler

Beispielsweise schlug er vor, dass die Zuhörer sich – während er Mariah Careys „I Want To Know What Love Is“ spielte und sang – mit jemandem aus dem Publikum unterhalten, den sie noch nicht kannten. „Für mich als Begleitmusiker ist es manchmal ganz komisch, wenn es ganz still ist“, gestand er ein. Ein bisschen soziales Rauschen ist ihm bei seien Auftritten schon ganz lieb; und das verschaffte ihm das kleine, aber sehr gemischte Publikum auch.

Von Phil Collins bis Ed Sheeran hatte Friehs Lieder vorbereitet und auch „Herz über Kopf“ von Joris, das er bei der Castingshow „Voice of Germany“ einem Millionenpublikum präsentierte, fehlte nicht.

Urbanes Upcycling

Am Mittwoch war der Fokus der Stadtbesetzung auf die Jugendkunstschule (JKS) gerichtet. Hier brachte Kunstdozentin Julia Weber-Seysen kleine Unnaer an die Kultur heran. Hier entstanden Traumstädte aus Abfall.

Luft raus am Freitag

Am Freitag war die Luft offenbar ein bisschen raus. Dabei gab es gute Veranstaltungen. So konnten Interessierte im Zentrum für Information und Bildung etwa erfahren, wie Filmmusik entsteht. Daniel Schinzig, Fachleiter Musik an der JKS, produzierte hier einen Stop-Motion-Film, den er anschließend auch vertonte. Teilnehmer hätten die Möglichkeit gehabt, sich in jeder Phase daran zu beteiligen. Doch hatte Schinzig zwar Besucher, die ihm hier und da über die Schulter schauten. Das eigentlich angesprochene, jugendliche Publikum blieb allerdings aus.

Gutes Angebot, mangelnde Resonanz: So lief die erste Stadtbesetzung

Wie man einen Stop-Motion-Film dreht und vertont konnten Teilnehmer bei dem Workshop von Daniel Schinzig (l.) erfahren. Armin Eichenmüller (r.) vom Kulturbereich der Stadt Unna schaute auch vorbei und setzte bei der Gelegenheit auch ein paar Knetmännchen in Szene. © Sebastian Pähler

Noch schlimmer erging es den Poetry Slammern, die am Abend eigentlich im Nicolaihaus Unna witzige und nachdenkliche Texte vortragen wollten. Simeon Buß, der am Dienstag, 10. Dezember, auch wieder in der Lindenbrauerei den Poetry Slam „Unna Hört!“ moderieren wird, hatte extra eine bunte Truppe von Slammern eingeladen. Die Poeten Christopher Krause, Sinan Johann Kutscher, Sven Hensell und Markus Wolf waren etwa aus Bochum oder Werdohl angereist, doch leider fehlte das Publikum. So wurde die Veranstaltung schließlich abgeblasen.

Gutes Angebot, mangelnde Resonanz: So lief die erste Stadtbesetzung

Christopher Krause, Simeon Buß, Sinan Johann Kutscher, Sven Hensel und Markus Wolf hätten gerne das Publikum mit ihren Texten zum Lachen und Nachdenken gebracht, aber niemand kam zum Poetry Slam im Nikolaihaus. © Sebastian Pähler

Filmreifer Abschluss

Beim Abschluss am Samstag wurden unter anderem die zuvor gedrehten Interviews über besondere Orte gezeigt.

Alles in allem war die Stadtbesetzung 2019 durchwachsen. Die Aktionen waren schön und durchaus interessant, doch es fehlte oft an Resonanz. Ob es am Weihnachtstrubel oder mangelnder Öffentlichkeitsarbeit gelegen hat, lässt sich schwer sagen. So oder so wird es aber auch 2020 eine Stadtbesetzung geben, bei der die Veranstalter dann noch einmal nachbessern können.

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