„Unser täglich Brot“: Ärzte und Pfleger aus Unnas Krankenhäusern berichten von aggressiven Patienten

dzGewalt gegen Personal

Wenn Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden, benötigen sie Hilfe. Diese wird aber nicht immer mit Dankbarkeit entgegen genommen. Ärzte und Pflegepersonal an Unnas Krankenhäusern beklagen aggressives Verhalten der Patienten.

Unna

, 03.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn man akut ins Krankenhaus muss, ist man dankbar für die Hilfe der Ärzte und der Pfleger. So sollte es zumindest sein. Immer wieder beklagen Mitarbeiter von Krankenhäusern und Einsatzkräfte im Rettungsdienst aber Gewalt und verbale Attacken der Patienten. Auch in Unna. So sorgte zuletzt etwa der Fall des verurteilten 21-jährigen Unnaers, der alkoholisiert einen Pfleger des Katharinen-Hospitals attackierte, für Aufsehen. Ein Einzelfall oder die Tagesordnung?

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„Verbale Attacken an der Tagesordnung“

Martin Langer, Chefarzt der zentralen Notaufnahme im Evangelischen Krankenhaus Unna, weiß von Letzterem zu berichten: „Gewalt gegen das Personal begleitet mich, seit ich letztes Jahr in der zentralen Notaufnahme angefangen habe.“ Insbesondere verbale Attacken stünden auf der Tagesordnung, aber auch körperliche Auseinandersetzungen habe er schon erlebt.

Das kann auch Anja Wordel, Pflegedirektorin im Evangelischen Krankenhaus, bestätigen: „Verbale Übergriffe sind unser täglich Brot“, sagt sie. „Die Mitarbeiter wurden teilweise schon gebissen, gekniffen und zur Zielscheibe von geworfenen Gegenständen erkoren.“ So sei etwa einmal mit einem durchnässten Hemd nach einer Pflegekraft geworfen worden.

„Verbale Übergriffe sind unser täglich Brot. Die Mitarbeiter wurden teilweise schon gebissen, gekniffen und zur Zielscheibe von geworfenen Gegenständen erkoren.“
Anja Wordel, Pflegedirektorin am Evangelischen Krankenhaus

Handgemenge und Schubsereien

Ein Verhalten, das sich in den letzten Jahren vermehrt hat, meint auch Ralf Effmert, Pflegedirektor des Katharinen-Hospitals in Unna: „Vor fünf Jahren war das noch weniger“, so sein Empfinden. Er berichtet etwa von kleineren Handgemengen und Schubsereien zwischen Patient und Pfleger.

Warum das so ist, liege laut Wordel an mehreren Faktoren: Zum einen gebe es viele Berührungspunkte mit den Patienten. Auf der Station werden diese etwa zur Toilette geführt, müssen im Krankenbett gedreht oder umgezogen werden, was vielen unangenehm sei.

Zum anderen sorgen aber auch Unklarheiten bei der Behandlung, längere Wartezeiten und häufige Fragen der Angehörigen für Spannungspotenzial. Dabei handele es sich auch um banale Gründe: „Essen ist zum Beispiel ein wichtiges Thema“, sagt Wordel. „Oft heißt es, Patienten bekämen tagelang das selbe angeboten und hätten zu wenig Auswahl.“

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Aggressives Verhalten besonders in Notfallambulanz

Gerade aber bei der ambulanten Versorgung in der Notaufnahme machen Patienten ihrem Ärger oft Luft, wenn sie sich nicht schnell genug behandelt fühlen. Dabei gebe es eine klare Regelung, was die Reihenfolge angeht: „Die Patienten werden medizinisch nachvollziehbar in Dringlichkeitsstufen einkategorisiert“, sagt Effmert.

„Jemand mit einer klaffenden Wunde oder einem Herzinfarkt wird natürlich sofort behandelt, auch, wenn andere Personen bereits länger warten.“ Problem sei, dass jeder Patient, der die Notaufnahme besucht, glaubt, er sei in einer besonders dringlichen Situation. „Fühlt er sich dann aufgeschoben, wird er möglicherweise aggressiv. Menschen haben da verschiedene Hemmschwellen.“

„Jemand mit einer klaffenden Wunde oder einem Herzinfarkt wird natürlich sofort behandelt, auch, wenn andere Personen bereits länger warten.“
Ralf Effmert, Pflegedirektor am Katharinen-Hospital Unna, über die Priorisierung der Patienten in der Notaufnahme

Zu unterscheiden sei laut Chefarzt Langer dabei aber, ob es sich um krankheitsbedingte Ausbrüche, etwa von dementen Patienten, handele, oder ob diese lediglich aggressiv sind, weil sie unter Alkoholeinfluss stehen oder sich eben schlecht behandelt fühlen. „Je nachdem ist es auch leichter, mit dem Verhalten umzugehen.“

„Deeskalationstraining“ für Mitarbeiter

Dafür werden die Mitarbeiter der Unnaer Krankenhäuser in einem sogenannten „Deeskalationstraining“ geschult. Dort lernen sie, auch in hitzigen Situationen Ruhe zu bewahren und sich gegebenenfalls zurückzuziehen, wenn es mal zu gefährlich werden sollte. Außerdem kann im Ernstfall über Notfalltelefone schnell die Polizei gerufen werden.

Zu einer tatsächlichen Eskalation sei es in den Unnaer Krankenhäusern aber noch nicht gekommen. „Wir sind hier auch nicht in Berlin-Mitte oder Dortmund-Nord“, sagt Langer. Zusätzliches Sicherheitspersonal sei demnach nicht notwendig. Auch, wenn Ärzte und Pfleger zunehmend mit verbaler Gewalt und aggressivem Verhalten zu tun haben.

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