Im Umgang mit der Trinkerszene am Rathaus setzt die Stadt auf Gespräche. Sie sind offenbar durchaus möglich. Abzuwarten bleibt noch, was sie bringen.

Unna

, 28.07.2020, 16:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Keule auszupacken, lehnt Unna ab. Einen Platz zu räumen, nur weil sich Menschen dort treffen und Alkohol trinken, dafür gebe es keine rechtliche Grundlage. Und auch Vorschläge, diese durch eine eigene Satzung zu schaffen, halten die Juristen in der Stadtverwaltung für heikel.

Anlass für diese Klarstellung ist der Streit um den richtigen Umgang mit der Trinkerszene am Rathaus beziehungsweise der Katharinenkirche. Dabei waren es durchaus drastische Schilderungen, die Ortsvorsteherin Ingrid Kroll zuletzt in einem Brief und mit einer Wortmeldung im Hauptausschuss an die Stadtverwaltung herangetragen hat.

Schon früh am Morgen fließt der Alkohol

Schon morgens treffe sich regelmäßig eine Gruppe von Leuten dort, um gemeinsam zu trinken. Ist ein gewisser Pegel erst erreicht, werde es unschön: Da würde gegrölt, würden Passanten angepöbelt, die Grünanlagen als Toiletten genutzt und die Straßenlaternen als Klettergerät. Bis zu 18 Mitglieder rechnet Kroll der Szene zu, die sie als Aushilfe in einem nah gelegenen Gastronomiebetrieb gut im Blick hat.

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So alarmierend Krolls Darstellung auch klingt, so schwer tut sich die Stadt damit, Ordnung zu schaffen. Bei Straftaten könne die Stadt eingreifen beziehungsweise die Polizei dafür einschalten, erklärt Stadtsprecher Christoph Ueberfeld. Die Begegnung von Menschen in der Öffentlichkeit und auch den Alkoholkonsum müsse eine Stadt aber erst einmal hinnehmen. Die Lage am Rathaus bewege sich irgendwo zwischen diesen Extremen.

Dortmund hat einen Anti-Trinker-Paragrafen

Die Außenwirkung der Szene ist schlimm genug, dass Bürger und letztlich auch die Verwaltung einen grundsätzlichen Handlungsbedarf erkennen, aber eben nicht schlimm genug, als dass die einfachen Instrumente greifen würden. Ein politischer Antrag, Unnas „Ortsrecht“ zu erweitern und zu verschärfen, um Grundlagen für ein leichteres Räumen solcher Trinkertreffs zu schaffen, soll der zuständige Fachausschuss für Feuerschutz, Sicherheit und Ordnung diskutieren. Dabei macht die Verwaltung jetzt schon kein Geheimnis daraus, dass sie den Politikern eine Ablehnung des Antrags nahelegen wird.

Der Vorschlag von „Wir für Unna“ stützt sich auf ein Beispiel aus Dortmund. Dort enthält das Ortsrecht eine Regelung zum Schutz der Straßen und Anlagen, die „wiederkehrende ortsfeste Ansammlungen von Personen“ untersagt, wenn von diesen regelmäßige Störungen ausgehen. Doch Unna hält dies für zu pauschal – und somit für nicht rechtens.

„Es gibt Städte, die solche Regelungen in ihre Satzungen aufgenommen haben. Aber überall dort, wo jemand Klage dagegen eingereicht hat, hat das Verwaltungsgericht sie wieder gekippt“, erklärt Stadtsprecher Christoph Ueberfeld. Und wissentlich Regeln einzuführen, die im Zweifel gar nicht als rechtmäßig eingestuft würden, lehne die Stadt Unna ab.

Statt der Keule ergreift Unna das Wort

Stattdessen versucht sie es mit kooperativ-kommunikativen Ansätzen. Problem dabei: Nicht einmal im allgemeinen sozialen Dienst der Stadt gibt es derzeit Personal, das für die aufsuchende Sozialarbeit mit massiv suchtgefährdeten Erwachsenen ausgebildet ist. Und wo das Ordnungsamt die Ansprache der Szenemitglieder übernimmt, erhält das Gespräch schnell einen anderen Rahmen.

Gemessen daran allerdings scheinen die Trinker überraschend aufgeschlossen zu sein, wie Ueberfeld die Erfahrungen des Ordnungsdienstes zusammenfasst. „Die waren sogar ziemlich höflich und freundlich. Einmal hat unser Ordnungsdienst zu laute Musik aus einer tragbaren Anlage angesprochen. Sie wurde sofort abgestellt und danach nicht mehr mitgebracht.“

Trinkertreffs gibt es in Unna mehrere

Ob die Kooperationsbereitschaft so weit gehen würde, dass sich die Szene auch an eine andere, vielleicht weniger einsehbare Stelle der Innenstadt bitten ließe, ist unklar. Zwar gibt es in Unna noch weitere Trinkertreffpunkte, die der normale Unnaer kennt und einfach meidet, aber zwischen den Gruppen hier und dort scheint nicht immer die Chemie zu stimmen.

Die beste Lösung für alle würde vielleicht darin bestehen, dass sich niemand mehr erst die Flasche in den Mund steckt. Sie mag schwer erreichbar scheinen. Und doch ist es ein Ansatz, den die Stadt nun verfolgen will. Einige der Szenemitglieder sind auch in sozialen Einrichtungen in Unna bekannt, die sich etwa für Wohnungslose oder Suchtkranke einsetzen. Mit diesen Partnern suche die Stadt nun das Gespräch – und dabei Partner, die den Besuchern des Katharinenplatzes nun andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung aufzeigen können.

Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen. Manch ein Problem indes hat sich in der Vergangenheit auch schon selbst gelöst oder wenigstens verlagert. Manchmal reichten Kleinigkeiten, um dies zu bewirken – sei es das Auslichten einer Grünanlage, die einen Treffpunkt plötzlich auf ungemütliche Art „offen“ gemacht hat, oder etwa die Geschäftsaufgabe des Kiosks, der zuvor als Versorgungsstation gedient hat.

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