Probleme mit teils aufdringlichen Trinkern im Rathausumfeld bringen die Geschäftsleute auf die Barrikaden. Die Stadt soll endlich einschreiten, damit Kunden nicht mehr angepöbelt werden.

Unna

, 16.09.2020, 17:11 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am nördlichen Ende der Bahnhofstraße fühlen sich viele Menschen nicht mehr wohl. Trinker pöbeln Passanten mit übelster Gossensprache an und urinieren vor den Augen der Öffentlichkeit. Für die umliegenden Geschäfte werden die Zustände zum Problem. Die Stadtverwaltung soll endlich einschreiten.

Modehaus-Chef: Situation „nicht tragbar“

„Das ist nicht mehr tragbar und nicht akzeptabel“, sagt Friedrich-Wilhelm Göbel. Er ist Generalbevollmächtigter der Sinn-Gruppe. Diese hatte vor einem halben Jahr erst ihre neue Filiale in Unna eröffnet. Der Start unter Corona-Bedingungen ist ohnehin schon schwer gewesen.

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Die Verantwortlichen sehen das Geschäft nun obendrein in einem schwierigen Umfeld, und Göbel macht seinen Unmut öffentlich. Er berichtet von Kundinnen, die aus der Bushaltestelle gegenüber heraus angepöbelt worden seien. Der Vorfall war offenbar einer von vielen traurigen Höhepunkten, verursacht durch ein vermehrtes Auftreten der Trinkerszene. Dieser Klientel wird auch ein Vorfall mit Flaschen zugeordnet, die auf den Verkehrsring geworfen wurden.

Je nach Pegel laut und aufdringlich

Täglich – mal in kleinerer, mal in größerer Gruppe – besetzen Menschen Plätze rund um das Rathaus und trinken. Je nach Pegel werden sie laut und aufdringlich. Sinn-Chef Göbel zeigt sich verständnislos, dass solche Zustände in einer sonst so gepflegten Innenstadt zugelassen werden. „Die Bahnhofstraße ist doch die Vorzeigestraße von Unna.“

Für Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, ist es kaum vorstellbar, aber dieses gläserne Wartehäuschen wird sogar tagsüber als Toilette genutzt.

Für Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, ist es kaum vorstellbar, aber dieses gläserne Wartehäuschen wird sogar tagsüber als Toilette genutzt. © Udo Hennes

„Konsequenteres Handeln“ in anderen Städten

Die Trinkerszene an sich sei kein Unna-spezifisches Problem, so Göbel. Auch in anderen Städten, in denen Sinn Modehäuser unterhält, gebe es dieses Phänomen. „Ich will auch nicht über diese Menschen richten“, sagt er. „Sie sind, verschuldet oder unverschuldet, vielleicht in Not geraten.“ Es müsse aber dafür gesorgt werden, dass der übrige Teil der Bevölkerung sich noch wohlfühlt in der Stadt. Und in anderen Städten sei ein „konsequenteres Handeln“ erkennbar, so Göbel.

Saufen neben dem Kinderflohmarkt

Schräg gegenüber ist Uwe Petersmann der gleichen Meinung. Der Inhaber der Pralinothek habe schon vor Monaten über den City-Werbering an die Stadt herantragen lassen, dass hier gehandelt werden müsse. Er hoffe, dass sich nun bald erkennbar etwas bewegt. Vor und neben seinem Geschäft sind die Sitzgelegenheiten, die teils von Szenemitgliedern besetzt werden. Wie der Chef des Modehauses hat auch Petersmann Sorge, dass die Situation Bürger – und damit Kunden – abschreckt, diesen Teil der Stadt zu besuchen. Der Gipfel sei für ihn ein Vorfall 2019 gewesen: „Es war Kindertrödelmarkt in der Fußgängerzone, und direkt daneben wurde getrunken.“

Den Brunnen und das Bushäuschen benutzen Trinker als Bad und Toilette. Die Szene ist aufdringlich geworden. Nun fordern Geschäftsleute im Umfeld des Rathauses, dass jemand aus dem Rathaus etwas Wirkungsvolles unternimmt.

Den Brunnen und das Bushäuschen benutzen Trinker als Bad und Toilette. Die Szene ist aufdringlich geworden. Nun fordern Geschäftsleute im Umfeld des Rathauses, dass jemand aus dem Rathaus etwas Wirkungsvolles unternimmt. © Udo Hennes

Kind verletzt sich an Scherben im Brunnen

Was man im Alimentari an Geschichten hört, ist noch heftiger. Ein Kind habe sich im Brunnen in der Platzmitte an einer Scherbe den Fuß aufgeschnitten, berichten Inhaber Valerio Panareo und Ingrid Kroll. Die Ortsvorsteherin von Unna-Oberstadt und kürzlich gewählte Ratsvertreterin für „Wir für Unna“ hilft in der Gaststätte aus und hatte schon vor Monaten eine Problemlösung angemahnt.

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Die gleichen Trinker, die Scherben im Brunnen hinterlassen, würden sich auch darin waschen oder andere unappetitliche Dinge veranstalten. Einige würden derzeit auf der kleinen Rasenfläche auf dem Tunnelplateau übernachten, von dem aus die Flaschen auf die Fahrbahn gefallen waren.

Nach der Hochzeit Obszönitäten

Kroll berichtet von verschiedenen Begegnungen mit Beleidigungen und Bedrohungen ihr und anderen gegenüber. Eine Hochzeitsgesellschaft sei nach dem Auszug aus der Katharinenkirche mit Obszönitäten angegangen worden. Grünanlagen würden ebenso als Toiletten missbraucht wie das gläserne Buswartehäuschen. Setzen sich „normale“ Passanten auf eine Bank an der Kirche, würden sie nicht selten bedrängt, bis sie gehen.

Der Alimentari-Chef versucht vergeblich, seinen Gästen die Anblicke zu ersparen, etwa indem er sein Auto in die Sichtachse stellt. Auch die Aufheiterung seiner Gäste mit Humor ist nicht immer erfolgreich. „Gäste stehen auf und gehen, weil sie Angst haben“, sagt Kroll.

In 22 Jahren Gastronomie nicht erlebt

Das Alimentari am Rathaus gibt es seit 22 Jahren. „So haben wir das noch nie erlebt“, sagt der Chef. Seit vielen Jahren treffen sich Frauen und Männer – offensichtlich ohne Tagesstruktur, aber mit Abhängigkeitsproblemen – etwas abseits der Innenstadt im Stadtgarten. Diese Trinker aber räumen dem Vernehmen nach sogar auf. Und Kroll berichtet, sie habe einige schon als hilfsbereit und freundlich erlebt. Sie spricht sich für Toleranz gegenüber Menschen am Rande der Gesellschaft auf, die kaum jemandem zur Last fallen. Gegen die aggressive Szene am Rathaus aber „muss man doch einschreiten können“.

Ordnungsamt will stärkere Präsenz zeigen

Im Rathaus sind die Zustände bekannt. Die Stadt Unna hatte vor einigen Wochen erst erklärt, die Probleme zunächst auf sanftem Weg, vor allem mit Gesprächen lösen zu wollen. Nun sucht man wohl Wege, die problematische Klientel vom Platz zwischen Rathaus, Kirche und Einkaufstraße zu vergrämen. Vielleicht können die Trinker, die durch Störungen rechtschaffene Passanten vertreiben, nun ihrerseits so intensiv gestört werden, dass sie sich woanders aufhalten. „Wir werden eine noch stärkere Präsenz zeigen“, sagt Stadtsprecher Ueberfeld nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt.

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