Vor 20 Jahren drehte sich der Zapfhahn zum letzten Mal hoch: Mit der Gaststätte Ruck verlor Königsborn ein Traditionshaus. Noch heute sind die Erinnerungen an die Kneipe aber gut sichtbar.

Königsborn

, 15.10.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Verlässt man die Unnaer Innenstadt durch das Königsborner Tor, fällt das erste Haus an der Friedrich-Ebert-Straße mit der Hausnummer 1 sofort ins Auge. Und das liegt nicht nur an der interessanten Architektur dieses Eckhauses, sondern auch an der an der Hauswand angebrachten Reklame einer Sauerländer Brauerei. Und das, obwohl von einer Gaststätte in besagtem Haus keine Spur zu erkennen ist.

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Das „Warsteiner“-Schild ist ein Überbleibsel der ehemaligen traditionsreichen Gaststätte Ruck, die ein Stück Unnaer und Königsborner Geschichte widerspiegelt. Es ist aber auch ein Beispiel für das schon Jahre zuvor eingesetzte Kneipensterben, das bis heute andauert und das zuletzt mit der Schließung des „Picasso“ an der Wasserstraße eine traurige Fortsetzung erfuhr.

Ein Pferd im Schankraum und Eisenringe fürs Vieh: Das war die Gaststätte Ruck

Noch immer hängt das Brauerei-Schild an der ehemaligen Gaststätte Ruck. 1999 stellte die Kneipe ihren Betrieb ein. © Anna Gemünd

1882 verkündete Heinrich Ruck mit einer Anzeige im Hellweger Anzeiger, dass er sich erlaube „dem geehrten Publikum von Unna und Umgegend mitzuteilen, am Sonntag, den 26. Februar 1882, in seinem neu erbauten Hause in der Allee nach Königsborn eine Gastwirtschaft zu eröffnen. Indem er für gute Speisen und Getränke bestens Sorge tragen werde, bittet er um gefälligen zahlreichen Zuspruch.“

Reklame hängt noch


Eigentümer entscheidet

  • „Das einzig Wahre“ – Dieser Schriftzug der Warsteiner Brauerei ist noch heute deutlich auf der Leuchtreklame am ehemaligen Gaststättengebäude zu sehen.
  • Ob und wie lange eine solche Reklame für die Brauerei an einem ehemaligen Gaststäätten-Gebäude hängen bleibt, liegt bei dem jeweiligen Gebäude-Eigentümer.
  • „Wir haben seit 1999 keine Veträge mehr mit der Gaststättte Ruck“, sagt Sinje Vogelsang, Pressesprecherin der Warsteiner Brauerei, auf Anfrage unserer Zeitung, „was mit der Reklame passiert, entscheidet der Eigentümer.“

Mit Maria und Heinrich Ruck begann damit die Ära einer Institution, die drei Generationen lang währte. 117 Jahre lang wurde in dem Eckhaus an der Friedrich-Ebert-Straße Bier ausgeschenkt, bis am 17. April 1999 Gründer-Enkel Willi und seine Gattin Ursula das letzte Pils zapften.

Profitiert hatte die Gastwirtschaft seit der Gründung viele Jahre vom einstigen Bad Königsborn; zahlreiche Kurgäste übernachteten bei Ruck, denn über der Gastwirtschaft gab es einige Gästezimmer. Hinzu kam, dass bei Ruck bis ins Jahr 1912 die Endstation der Straßenbahn „UKW-Unna-Kamen-Werne“ lag. Erst mit der Fertigstellung der Unterführung unter der Eisenbahnlinie an der Roonstraße (die heutige Kantstraße) wurde die Tour über die Bahnhofstraße, den Marktplatz und die Hertingerstraße bis zum Neumarkt geführt.

Diese Verbindung gab es bis Anfang der 1920er-Jahre. 1939 wurde die Strecke Unna-Kamen aufgegeben und „Kraftomnibusse“ ersetzten die Straßenbahn. Noch bis 1950 fuhr die Bahn von Kamen bis Werne, bevor auch dieser Streckenabschnitt von Bussen befahren wurde.

Feierabend-Bier in der Schänke

Die Gaststätte Ruck profitierte damals aber nicht nur von den Fahrgästen, die die Haltestelle der Straßenbahn direkt vor der Tür nutzten. Rangierer und Lagerarbeiter vom benachbarten Bahnhof gehörten ebenso zur Kundschaft wie Nachbarn und Gäste aus der Unnaer Innenstadt. Mitarbeiter der Mühle Bremme oder Arbeiter der unweit an der Hammer Straße gelegenen Farbrik Westebbe & Weispfennig kamen ebenfalls auf ein „Feierabend-Bier“ in die Schänke.

Ein Pferd im Schankraum und Eisenringe fürs Vieh: Das war die Gaststätte Ruck

Die Gaststätte Ruck an der Friedrich-Ebert-Straße war ein traditionsreiches Haus, ehe sie 1999 schloss. © Archiv Patzkowsky

Im Jahre 1919 übernahm Sohn Wilhelm die Gastwirtschaft. Die Übergabe an seinen Sohn Willi erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch eigentlich waren es immer die Frauen, die sich um die Geschicke der Gastwirtschaft kümmerten. Die Ehemänner waren für den Viehhandel zuständig und tagsüber selten in der Kneipe. Die Halteringe für das Vieh sind noch heute an der Begrenzungsmauer neben der Gaststätte zu erkennen. Ein anderes Tier sorgte im Gastraum zu Zeiten des letzten Betreibers einmal für Furore: Ein Pferd wurde in der Wirtsstube zum Verkauf vorgeführt.

Ein Pferd im Schankraum und Eisenringe fürs Vieh: Das war die Gaststätte Ruck

Am Gebäude der ehemaligen Gaststätte Ruck sind noch die Ringe zu sehen, an denen das Vieh angebunden werden konnte. © Wolfgang Patzkowsky

Gastierte ein Zirkus in Unna, waren Schausteller und Akteure gerne in der Gaststätte zu Gast. Da machten „Artisten den Tresen zur Manege“, wie Willi Ruck damals erzählte. Alter und Gesundheit von Willi Ruck waren denn auch entscheidend, dass man ab 1997 nur noch am Wochenende zum Frühschoppen und wochentags von 16.30 Uhr bis 21 Uhr den Zapfhahn betätigte. Bis zu ihrem Tod war die Mutter von Willi Ruck, Maria, die „gute Seele“ des Betriebs. Sie kümmerte sich um das Frühstück der Übernachtungsgäste und kam auch des Abends auf ein „Pröhlken“ gerne in die Schankstube, um mit den Gästen von den Stammtischen, den Mitgliedern des Sparclubs oder den Skatbrüdern über vergangene Zeiten zu plaudern.

Ein Pferd im Schankraum und Eisenringe fürs Vieh: Das war die Gaststätte Ruck

Ein historischer Schatz: Der Rechnungsvordruck zeigt Unna noch mit der alten Postleitzahl 475. © Archiv Patzkowsky

Maria Ruck, Schwiegertochter des Gründers, wollte das 100-jährige Jubiläum im Jahre 1982 in aller Stille feiern, doch der Unnaer Reiterverein machte mit einer Kutsche, gezogen von zwei weißen Pferden direkt vor der Gaststätte Halt, um seinem Vereinsmitglied Willi Ruck und seiner Familie zum Jubiläum zu gratulieren und sorgte damit für einiges Aufsehen bei der Bevölkerung.

Nach Schließung der Schänke im Jahr 1999 wurden die „Fremdenzimmer“, wie die Bezeichnung damals noch lautete, noch zwei Jahre zur Verfügung gehalten, dann war auch damit Schluss.

Betritt man die Räumlichkeiten, in der sich einst die Gaststätte befand, die mittlerweile zu einer Wohnung umgebaut wurde, fällt sofort die Eckbank auf, davor der alte Stammtisch. Es ist Mobiliar aus einer Zeit, in der Gäste und Wirte noch eine große Familie waren.

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