Olaf Weißenborn (l.) von der Suchthilfe im Kreis Unna weiß, wie sich Sucht und Einsamkeit in der Corona-Zeit wechselseitig bedingt haben. © Felix Püschner
Sucht und Einsamkeit

Für Suchtkranke war die Corona-Pandemie eine besonders schwere Zeit

Unter Einsamkeit haben in der Corona-Zeit viele Menschen gelitten. Besonders schlimm war der Lockdown für Suchtkranke, denen sozialer Halt und Hilfsangebote fehlten.

Die Einschränkungen die wir alle im Zuge der Corona-Pandemie erfahren und mitgetragen haben, führten bei vielen, gerade alleinstehenden Menschen zu Einsamkeit. Vor allem zu Beginn des Lockdowns, als noch stärkere Kontaktbeschränkungen galten, war es für viele schwierig, ihre sozialen Kontakte zu pflegen.

Besonders schwer war diese Zeit für suchterkrankte Menschen, die ohnehin schon einsam waren. Wir haben mit Olaf Weißenborn von der Suchthilfe im Kreis Unna über seine Erfahrungen mit den Erkrankten während der Pandemie gesprochen.

Herr Weißenborn, Sie sind Suchttherapeut bei der Drogenberatungsstelle in Lünen, wie genau sieht Ihre Arbeit mit den Erkrankten normalerweise aus?

Meistens melden sich die Klienten bei uns, weil sie eine Beratung in Anspruch nehmen wollen, das kann freiwillig sein, manche kommen aber auch mit einer gerichtlichen Auflage oder vom Straßenverkehrsamt, weil sie ihren Führerschein verloren haben. Es gibt auch Fälle, in denen Eltern, Angehörige oder Lehrer uns aufsuchen und darin beraten werden wollen, wie sie mit einem Suchtfall in ihrem Umfeld umgehen können.
Wir vermitteln die Klienten dann zu einem passenden Angebot wie z.B. Selbsthilfegruppen, oder arbeiten therapeutisch mit ihnen. Wir haben bei uns Suchttherapeuten, Psychoanalytiker und Familientherapeuten. Außerdem bieten wir psychosoziale Betreuung an, etwa im Rahmen von Substitutionsbehandlung, also wenn Menschen z.B. Methadon bekommen, dann können sie diese betreut in unseren Räumlichkeiten empfangen.

Wie gut das gemeinsame Arbeiten möglich ist, hängt häufig von der Art der Sucht ab. Bei legalen Substanzen wie Alkohol geht das meistens noch besser. Im Bereich illegaler Drogen sind die Menschen stärker von Straffälligkeit betroffen und sind oft auch entwurzelter.

Macht es in diesem Zusammenhang Ihrer Meinung nach Sinn, die Beschaffung der Substanzen zu legalisieren, um die Betroffenen aus der Kriminalisierung und damit aus der Marginalisierung zu holen?

Ich glaube das ist grundsätzlich ein sehr komplexes Thema. Die Illegalität bringt viele Problem mit sich. Menschen werden straffällig, werden stigmatisiert und gerade im Kontext von Cannabis ist das eine sehr kontroverse Debatte. Wir glauben, dass Menschen mit Suchterkrankung in erster Linie krank sind. Dem muss man begegnen und Strafverfolgung ist da in der Regel nicht das hilfreichste Mittel. Es gibt aber auch Situationen da sind die rechtlichen Konsequenzen für manche Menschen eine Notbremse. Manche Heroinabhängige sagen z.B.: „Wenn ich da keinen Strafbefehl bekommen hätte, dann wäre ich wahrscheinlich gestorben, weil ich so sehr in meiner Sucht gefangen war.“

Wir wollen ja vor allem über Sucht und Einsamkeit sprechen, wie sehen Sie da die Zusammenhänge?

Da gibt es auf jeden Fall einen starken Zusammenhang. Wir machen die Erfahrung, dass die Sucht häufig ein Symptom von psychischen Erkrankungen ist. Ich meine da weniger die Jugendlichen die mal Cannabis konsumieren oder junge Leute die sich zum Feiern am Wochenende etwas einwerfen.
Viele unserer Klienten haben eine Depression oder andere Erkrankung wie ein Borderline-Syndrom. Manche haben sexuellen Missbrauch, oder eine Misshandlung erlebt. Diesen Menschen fällt es schwerer, Vertrauen zu fassen und viele leben stärker zurückgezogen.
Andersherum wirkt sich die Sucht aber auch negativ auf die sozialen Kontakte aus, sodass man irgendwann eigentlich nur noch die Drogenkontakte hat. Viele haben wenig an stabilem und gesundem Umfeld.

Hat sich diese Situation durch die Pandemie noch einmal verändert, haben sich die Fälle verschärft?

Verschärft würde ich nicht sagen. Unsere Klienten waren von der Pandemie in jedem Fall besonders betroffen. Viele Angebote wie die Selbsthilfegruppen oder die Beratungsgespräche in unseren Räumlichkeiten konnten so nicht mehr stattfinden. Selbst die Tafel hatte zwischenzeitlich geschlossen. Das Jobcenter war nur noch online erreichbar und viele der schwereren Fälle haben gar nicht die technische Ausstattung, um Vorgänge online abzuwickeln.
Um den Hygieneauflagen gerecht zu werden, konnten außerdem nur noch die Hälfte unserer sonst möglichen Therapieplätze vergeben werden. Insgesamt gab es also einige Beschränkungen.
Unsere Klienten haben auf diese Situation dann sehr unterschiedlich reagiert. Manche haben sich stärker zurückgezogen, sind also noch mehr in die Einsamkeit gegangen, manche haben sich aber auch vermehrt draußen getroffen und sind dadurch mit den Regeln in Konflikt geraten.
Also für uns ist nochmal deutlich geworden, wie wichtig die Versorgungsstrukturen, die die Leute dann doch irgendwie auffangen, eigentlich sind.


Die Pandemie erstreckt sich ja nun schon über einen langen Zeitraum, Sie konnten also auf die Situation reagieren. Gibt es neue Strategien, die Sie entwickelt haben, um den neuen Anforderungen zu begegnen?

Auf der einen Seite mussten wir natürlich, wie andere Einrichtungen auch, erstmal Hygienekonzepte entwickeln.
Da weniger Klienten zu uns in die Beratungsstelle kommen konnten, haben wir vermehrt auf telefonischen Kontakt gesetzt oder haben uns draußen getroffen und haben dann quasi Beratungsspaziergänge, z.B. an der Lippe entlang, gemacht.
Durch die Schließung der Tafel haben außerdem wir Notwendigkeit gesehen, eine regelmäßige Essensausgabe am Kontaktcafé in Unna an den Start zu bringen.
Wir hatten außerdem durch die Zusammenarbeit mit Ärzten die Möglichkeit viele Klienten zu einer Impfung zu vermitteln. Da war auch erstaunlich, wie viele sich bereit erklärt haben, sich impfen zu lassen.

So langsam kehrt ja wieder Normalität ein, kehren Sie auch zu ihren ursprünglichen Strategien zurück, oder gibt es etwas, dass Sie aus der Pandemie gelernt haben?

Was wir aus der Pandemie mitgenommen haben, ist, dass wir stärker auf die Klienten zugehen. Zum Beispiel rufen wir zwischendurch einfach mal an, um zu fragen, wie es geht, weil sich doch herausgestellt hat, wie wichtig der Kontakt zu uns für Viele ist. Außerdem haben wir uns digitalisiert, sodass wir mit Manchen auch über Videokonferenz reden können.

Was mich beeindruckt hat, war, dass viele unserer Klienten Rücksichtnahme gezeigt haben und sich an Einschränkungen gehalten haben oder sich haben impfen lassen. Mein Gefühl war, dass sie in dieser Situation richtig Verantwortung übernommen haben.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Mahad Theurer, geboren 1989 in Witten, studiert Musikjournalismus an der TU Dortmund, davon abgesehen stark sportbegeistert und wohnt als Schalke-Fan manchmal einfach in der falschen Stadt. Aber Ruhrgebietscharme, den es zu beschreiben gilt, hat auch Dortmund reichlich.
Zur Autorenseite
Avatar

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.