Für seine Kinder wagt Rodin Khalaf in Unna den beruflichen Neustart

dzFlucht aus Syrien

Nähmaschinen, Garnrollen, Kleidung auf Bügeln und Stoffbahnen: Wer in den Laden an der Gerhart-Hauptmann-Straße 21 schaut, sieht sofort, was hier passiert: Hier wird genäht. Und gelächelt.

Unna

, 19.11.2018, 14:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Tür steht offen: Wer Rodin Khalafs Ladenlokal an der Gerhart-Hauptmann-Straße betritt, muss selten die Ladentür selbst öffnen. Einladend wirkt der kleine Laden; drei Nähmaschinen, ein Bügeleisen und bunte Garnrollen an der Wand vermitteln eine gemütliche, betriebsame Atmosphäre. Hier näht Rodin Khalafat seit einem Jahr Reißverschlüsse fest, kürzt Hosen und macht Hemden enger oder weiter. Für den gelernten Schneider ein Kinderspiel – und gleichzeitig ein Neuanfang.

15 Jahre lang war der Name Rodin Khalaf in Syrien ein Begriff, ein Synonym für maßgeschneiderte, hochwertige Kleidung. „Die Leute sind bis zu 300 Kilometer gefahren, um zu uns zu kommen“, berichtet Khalaf stolz. In seiner Heimatstadt südlich von Damaskus beschäftigte er zwischenzeitlich bis zu fünf Mitarbeiter.

Den Beruf vom Onkel gelernt

Nähen und schneidern – das hat Rodin Khalaf von Kind an fasziniert. „Mein Onkel war Schneider. Als Kind war ich immer bei ihm im Geschäft. Erst durfte ich nur putzen“, erinnert sich Khalaf mit einem Lächeln. Doch schnell ließ ihn sein Onkel auch erste Stoffe schneiden, wenig später auch nähen.

Zuhören, genau hinsehen, erste Kleidungsstücke selbst nähen: So lernte Rodin Khalaf den Beruf des Schneiders. „Eine eigene Ausbildung wie hier in Deutschland gibt es dafür nicht“, erklärt Rodin Khalaf, „man lernt von den Älteren.“ Und er lernte offenbar gut: Nachdem er einige Jahre in einer Textilfabrik in Damaskus gearbeitet hatte, eröffnete Rodin Khalaf seine eigene Schneiderei in seinem Heimatort.

Schicke Kleider, ein maßgeschneidertes Sakko – für Rodin Khalaf kein Problem. „Daran habe ich Spaß“, sagt er. Seine gute Arbeit sprach sich herum, bald konnte er Mitarbeiter einstellen und bekam immer mehr Aufträge. Und doch entschied er sich mit Ende 30, all das aufzugeben und komplett neu anzufangen – in Deutschland.

„Ich möchte, dass meine Kinder ohne Krieg aufwachsen.“
Rodin Khalaf

„Ich möchte, dass meine Kinder ohne Krieg aufwachsen. Kein Strom, kein fließendes Wasser und keine medizinische Versorgung – das ist für Kinder nicht gut“, sagt Rodin Khalaf. Der Bürgerkrieg in seiner Heimat ließ ihn 2015 nach Deutschland aufbrechen, zunächst alleine, ohne seine Frau und vier Kinder.

„Das war hart“, sagt er kurz. Doch für ihn stand fest: „Für die Kinder muss es ein besseres Leben geben als in einem Land voller Krieg.“ Mehrere Angehörige seiner Familie lebten bereits in Deutschland, als er 2015 nach Frankfurt kam. Ein Jahr lebte er zunächst im kleinen Örtchen Blessenbach in Hessen, bevor er nach Holzwickede zog.

„Mein Cousin lebte bereits dort und sagte, dass dies ein guter Ort für Kinder ist“, erzählt Rodin Khalaf, wie er in den Kreis Unna kam. Seine Familie war mittlerweile nachgekommen. Jetzt, fast vier Jahre, nachdem sie ihre Heimat Syrien verlassen haben, sind sie so langsam angekommen.

„Meine Töchter gehen beide auf das Gymnasium“, erzählt Rodin Khalaf sichtlich stolz, „sie sprechen perfekt Deutsch.“ Auch die beiden Söhne, sieben und fünf Jahre alt, verständigen sich fließend in der neuen Sprache. „Für sie ist das ganz einfach. Wenn man als Erwachsener alles neu lernen muss, ist das viel schwieriger“, sagt Rodin Khalaf.

„Hier leben sie, hier sind ihre Freunde, hier geht es ihnen gut. So soll es sein.“
Rodin Khalaf über seine Kinder

Nur seine älteste Tochter hat noch Erinnerungen an Syrien. Dass sie das Land als ihre Heimat sieht, bezweifelt Rodin Khalaf aber. „Sie sind in Deutschland Zuhause. Hier leben sie, hier sind ihre Freunde, hier geht es ihnen gut. So soll es sein“, sagt Rodin Khalaf. Den Schritt nach Deutschland bereut er nicht. „Ich habe das für meine Kinder getan und es hat geklappt. Aber Syrien bleibt immer meine Heimat.“

Eine eigene Existenz aufbauen – das ist das große Ziel des 42-Jährigen. Mit seiner Schneiderei an der Gerhart-Hauptmann-Straße ist er dabei auf einem guten Weg, auch wenn seine Arbeit hier nicht viel mit dem zu tun hat, was er in Syrien gemacht hat.

Maßgeschneiderte Kleidung wird in Deutschland selten bestellt

„Die Deutschen kommen mit Änderungswünschen, aber etwas schneidern lassen wollen sie fast nie“, erklärt Khalaf den großen Unterschied zur Arbeit eines Schneiders in Syrien. Maßgeschneiderte Kleidung vom Schneider sei in Deutschland offenbar nicht üblich. Erst ein Abendkleid und ein Herren-Sakko hat Rodin Khalaf bisher in Unna genäht. „Das ist ein bisschen schade“, findet er, denn gerade das Maßschneidern mache ihm als Schneider natürlich die größte Freude.

Doch beklagen will er sich nicht, denn sein Geschäft laufe immer besser, wie er erzählt. „Es reicht noch nicht, um die ganze Familie zu ernähren, aber es wird mehr.“ Für die Zukunft hat er nur zwei Wünsche: „Der Krieg in Syrien soll aufhören.“ Und: „Ich möchte meine Familie alleine versorgen können, ohne Hilfe vom Staat.“ Deutschland habe viel für ihn getan, betont er immer wieder. „Ich arbeite gerne hier und wünsche mir, dass es so weitergeht.“

Die Tür steht offen.

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