Dieser Mann schneidet nicht bloß Haare. Er verkörpert Perfektion im Handwerk, gleichzeitig Hilfe für Menschen in Not. Unnas schillernde Friseur-Legende Jo Bösken feiert runden Geburtstag - ist aber noch nicht alt.

Unna

, 28.03.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die meisten Menschen, die 75 werden, blicken bereits auf zehn oder mehr Jahre als Rentner zurück. Jo Bösken nicht. Aufhören? Nein, dafür steckt in der Unnaer Friseur-Legende zu viel Energie. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt er. Am heutigen Samstag feiert Bösken seinen 75. Geburtstag. Genauer gesagt feiert er ihn nicht. Wegen Corona muss er wie seine Berufskollegen seinen Laden schließen, und er musste seine Feier abblasen. Aber zumindest werden sich heute viele Menschen mit ihm freuen.

Jo Bösken legte seine Meisterprüfung 1968 ab. Er bildete zahlreiche Friseure aus, von denen wiederum 20 selbst Meister wurden.

Jo Bösken legte seine Meisterprüfung 1968 ab. Er bildete zahlreiche Friseure aus, von denen wiederum 20 selbst Meister wurden. © Marcel Drawe

Es könnten zum Beispiel die 20 Friseurmeister sein, die im Laufe der Jahre aus seinem Betrieb hervorgegangen sind. Ausbildung hatte für Jo Bösken immer einen hohen Stellenwert. „Ich habe mich immer gefreut, wenn ich engagierte junge Leute hatte, denen ich etwas beibringen konnte.“ Dass diese Nachwuchskräfte auch zuhören und Arbeit sehen, war ihm stets wichtig. „Wenn einer nicht mitspielt, dann geht es eben nicht.“ Der Unnaer erwartet Engagement. „Man braucht doch Herzblut.“

1959 Lehre begonnen

Er selbst hat dieses Herzblut nicht nur in seinem Laden an den Tag gelegt, den er erst an der Friedrich-Ebert-Straße betrieb, bevor er zur Wiesenstraße wechselte. Der gebürtige Opherdicker hatte 1959 seine Friseurausbildung begonnen. Und seit 1962 nahm er dann Teil an Wettbewerben im Preisfrisieren. Der mehrfache deutsche Meistertitel gehört zu seinen großen Erfolgen, erstmals errungen 1986. Bösken trainierte wiederum selbst Friseure, die an Wettbewerben teilnahmen. „Und die sind alle Deutsche Meister geworden.“

Menschen gut die Haare schneiden, das ist ein Handwerk mit Tradition, von der diese alten Werkzeuge erzählen.

Menschen gut die Haare schneiden, das ist ein Handwerk mit Tradition, von der diese alten Werkzeuge erzählen. © Marcel Drawe

Trends der Frisurenmode hat Friseurmeister Bösken einige kommen, gehen und wiederkommen sehen. Die Seiten so extrem kurz zu schneiden etwa, „das gab es schon. Das nannten wir früher Deutsch-Kurzhaar“, sagt er. Und er ergänzt: „Bei Kindern würde ich so etwas nie machen.“ Er habe die Erfahrung gemacht, dass meistens die Kinder gar nicht so kurze Haare wünschten, sondern die Eltern. „Lasst doch die Kinder Kinder sein.“

Grüne Haare? Nicht mit Jo Bösken

Ansonsten habe er immer auch Techniken entwickelt, um Modetrends umzusetzen. Alles aber macht er auch nicht mit. Grüne Haare? „Diese Extremhaarfarben sind nicht meine Welt. Ich finde, es muss Können dahinterstecken. Perfektion.“

Viele Friseure wüssten auch immer noch nicht, mit welchen chemischen Stoffen in Haarfärbemitteln sie hantieren. Bösken indes hat sich auch damit professionell auseinandergesetzt. Anfang der 1990er-Jahre war er Bundesfachdezernent des CAT Clubs für Kunst und Technik. Er engagierte sich dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über gesundheitliche Auswirkungen bestimmter Chemikalien veröffentlicht wurden. Und er klärt seine Kunden grundsätzlich darüber auf.

Prominente Köpfe verschönert

Jo Bösken frisiert die Köpfe der Mensche in Unna, verschönerte aber auch die der „ganz Großen“. Einige Spieler von Borussia Dortmund vertrauten ihm ihre Haarpracht an, und einige Stars aus dem Showgeschäft auch. „Bata Ilic, Michael Holm, Tony Christie, Udo Jürgens - die habe ich alle in der Maske gehabt.“ Es war die Zeit, als Bösken für RTL arbeitete, als er mit den Stars feierte und selbst auch bekannt wurde. „Ich bin da gut aufgenommen worden“, erinnert er sich. Dass er selbst Musiker ist, habe ihm einige Brücken gebaut. Noch heute hat er viele Kontakte, Kunden nicht nur aus Unna, sondern aus einem weiten Umkreis. Die weiteste Anreise hat eine Dame aus München.

Musik im Blut

Mit Musik übrigens wollte Bösken ursprünglich sogar sein Geld verdienen, Klavier und Schlagzeug hat er gelernt. Aber als er dann doch seine Ausbildung als Friseur aufnahm, machte ihm dieses Handwerk zu viel Spaß, um einen anderen Weg einzuschlagen. Musiker indes blieb er trotzdem, unterhielt Menschen bei verschiedenen Gelegenheiten. „Heute spiele ich noch Keyboard, und nur noch für mich“, berichtet er.

Engagement für die Schwachen

Herzblut, das bedeutet für Jo Bösken auch, ein Herz für Menschen zu haben, denen es schlechter geht. Durch die Pflegerin seiner Mutter, die dann auch seine Frau wurde, kam er in Kontakt mit deren Heimatland Rumänien. Vor Ort erlebte er, wie Menschen dort in den Dörfern lebten. „Ich habe das Leid gesehen. Das war schlimm“, erinnert er sich.

Dieses Bild steht für vielfältiges soziales Engagement: Bösken initiierte Hilfsprojekte für Menschen in Rumänien.

Dieses Bild steht für vielfältiges soziales Engagement: Bösken initiierte Hilfsprojekte für Menschen in Rumänien. © Archiv

Es entwickelten sich groß angelegte Hilfsprojekte für schwer Kranke, die in Rumänien kaum eine Überlebenschance gehabt hätten. Bösken holte zunächst zwei Kinder, die in München von Spezialisten operiert wurde. „Aus den zweien sind dann zehn geworden. Und alle sind gesund.“

Für einen leukämiekranken Jungen trieb Bösken mit einer Spendenaktion 140.000 Euro auf, um eine Behandlung in Deutschland zu bezahlen. „Leider ist dieser Junge dann doch gestorben.“ Die Erinnerung an diesen lieben Vierjährigen macht Jo Bösken noch immer traurig. Aber er machte weiter mit seinen Hilfsprojekten, lieferte Medizin, Möbel, Lebensmittel und andere Dinge nach Rumänien. „Und viele Musikinstrumente.“ Auch in diesem armen Land sollen Kinder wie er Freude an Musik haben können.

Das Friseurgeschäft an der Wiesenstraße muss derzeit wegen der Corona-Krise geschlossen bleiben. Ansonsten zieht es Kunden aus einem Umkreis an, der bis München reicht.

Das Friseurgeschäft an der Wiesenstraße muss derzeit wegen der Corona-Krise geschlossen bleiben. Ansonsten zieht es Kunden aus einem Umkreis an, der bis München reicht. © Marcel Drawe

Und jetzt ist Jo Bösken 75, hätte noch einiges mehr aus seinem Leben zu erzählen und denkt an eines aber nicht: Kürzertreten, sich zur Ruhe setzen. „Ich habe keine Angst vor dem Sterben“, sagt er. „Aber viele stumpfen ab und ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, wenn sie in Rente gehen.“ Er brauche den Publikumsverkehr. „Ich arbeite, bis ich nicht mehr kann.“

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