Yvonne Blaschke (17) zeigt klare Kante. Nicht Jung gegen Alt, sondern alle gegen die Zerstörung der Erde, so die Fröndenberger „Fridays for Future“-Aktivistin. Ein Meinungsbeitrag.

von Yvonne Blaschke

Unna, Fröndenberg

, 26.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 7 min

Eines ist Greta Thunberg und der globalen „Fridays for Future“-Bewegung ganz sicher gelungen: Umweltthemen sind präsent, in den Medien und deshalb auch in den Köpfen der Gesellschaft. Manch einer sieht die freitäglichen Demonstrationen kritisch und in den Jugendlichen vor allem Schulschwänzer. Andere interpretieren „Fridays for Future“ als eine Art Politisierung der Jugend. Die Meinungen sind vielseitig, reichen von Anerkennung bis Verurteilung. Jedenfalls wird viel über „Fridays for Future“ diskutiert; aber nicht immer in dem Wissen darüber, was die Jugendlichen eigentlich bewegt. Deshalb haben wir die „Fridays for Future“-Aktivistin Yvonne Blaschke aus Fröndenberg gebeten, uns von ihren Ängsten und Hoffnungen, Intentionen und Motiven zu erzählen. Herausgekommen ist ein Meinungsbeitrag, zu dem auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerne Ihre Meinung schreiben dürfen.

Die Redaktion



Mein Name ist Yvonne. Ich bin Schülerin am Pestalozzi-Gymnasium in Unna, dort besuche ich die zwölfte Klasse. Bald werde ich mein Abitur machen. Normalerweise sitze ich von 8 bis 15 Uhr in der Schule. Seit einiger Zeit ist das freitags aber nicht mehr der Fall.

So oft wie möglich zu „Fridays for Future“

Es war im Frühling dieses Jahres, als ich das erste Mal auf eine „Fridays for Future“-Demo gegangen bin. Damals hatten wir an diesem Tag frei. Zu dem Zeitpunkt hätte ich auch nicht gedacht, dass ich später tatsächlich in der Schulzeit demonstrieren würde. Heute verlasse ich jedoch immer mal wieder den Schulhof, obwohl ich zu der Zeit eigentlich in meinem Physik-Kurs sitzen müsste. Ich gehe so oft zu „Fridays for Future“, wie ich es für möglich halte: In den Ferien und an freien Tagen grundsätzlich. Aber eben auch dann, wenn eigentlich Schule ist.

Fröndenberger „Fridays for Future“-Aktivistin: „Alle gegen die Zerstörung der Erde“

Am 21. Juni 2019 fand in Aachen ein internationaler Klimastreik statt, zu dem rund 40.000 Teilnehmer aus 17 Ländern angereist sind. © Mascha Wöstmann

Was wir erreichen wollen, ist eigentlich simpel. Wir wollen, dass sich die Bundesregierung stärker mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetzt. Wir wollen, dass dazu konkrete Gesetze erlassen werden. Außerdem versuchen wir, ein generelles Umdenken zu provozieren.

Grüne „Kriegsbemalung“ in der Schule

Ich kann nicht jede Woche den Unterricht verpassen. Schließlich ist es mühsam, den Stoff hinterher nachzuholen. Dafür male ich mir mittlerweile jeden Freitag, an dem ich nicht demonstrieren gehe, grüne „Kriegsbemalung“ ins Gesicht. Gemeinsam mit meinen Freunden errege ich damit Aufmerksamkeit, die, wie wir hoffen, Schüler und Lehrer zum Nachdenken anregt.

Für mich ist das Thema Umwelt sehr wichtig, denn dabei geht es um unsere Existenz. Ohne die Erde können wir nicht leben. Es gibt bereits deutliche Anzeichen dafür, dass die Lebensbedingungen auf der Erde immer härter werden. Trotzdem scheint das niemanden zu interessieren.

„Ich habe Angst vor dem Klimawandel. Ich finde, jeder sollte davor Angst haben.“

Ich habe Angst vor dem Klimawandel. Ich finde, jeder sollte davor Angst haben.

Viele Leute sind sich nicht darüber im Klaren, dass die Folgen der Erderwärmung nicht berechenbar sind. Dass die Polkappen schmelzen und sich die Klimazonen verschieben, ist offensichtlich. Aber niemand ist in der Lage vorherzusagen, was diese Ereignisse für Auswirkungen haben können.

Flüchtlingszahl infolge einer Klima-Krise wird 2015 übertreffen

In der Nähe des Äquators schreitet die Desertifikation voran, die Wüstenausbreitung. Allein dadurch soll das Leben von ungefähr 100 Millionen Menschen bedroht sein, denen nichts anderes übrig bleibt, als in mildere Gebiete zu ziehen. Vermutlich wird diese Flüchtlingszahl die „Krise“ ab 2015 deutlich übertreffen.

Aber der Klimawandel könnte auch direkte Folgen für Deutschland haben. Es ist anzunehmen, dass die Entstehung schwerer Stürme und Flutwellen begünstigt wird, während die Gefahr für Waldbrände steigt. Die globale Erwärmung bedroht alle Menschen und muss dringend als ernste Gefahr angesehen werden.

Fröndenberger „Fridays for Future“-Aktivistin: „Alle gegen die Zerstörung der Erde“

Auch in den Ferien versammeln sich Schüler und Studenten in Dortmund und demonstrieren für mehr Klimaschutz. © Yvonne Blaschke

Viele Menschen sehen das genauso, aber die meisten davon stehen „Fridays for Future“ trotzdem skeptisch gegenüber. Ich werde zum Beispiel oft gefragt, warum ich freitags nicht lieber in die Schule gehe und dafür dann an einem anderen Tag demonstriere. Diese Fragen kommen oft von Lehrern, die den Unterricht wichtiger finden als die Klimastreiks. Darauf antworte ich, dass ich gerade das Demonstrieren in der Schulzeit sehr wichtig finde. Ich glaube, dass niemand der „Fridays for Future“-Bewegung so viel Beachtung geschenkt hätte, wenn sich die Schüler in der Freizeit versammelt hätten. Dadurch, dass die Schüler sich der Schulpflicht entgegenstellen und sich stattdessen für die Umwelt einsetzen, ist die Politik erst auf die Demos aufmerksam geworden. Wenn man zu der Politik durchdringen will, braucht man diese Aufmerksamkeit.

Warum müssen Schüler überhaupt schwänzen?

Ich frage mich, warum es überhaupt nötig ist, dass Schüler sich zum Schwänzen der Schule entscheiden müssen. Vorher war das Thema Umwelt nur eine Nebensächlichkeit, die in der Öffentlichkeit nicht groß diskutiert wurde.

Ist es den Erwachsenen etwa egal, was mit unserer Erde passiert?

„Es geht ja auch nicht um ‚Jung gegen Alt‘ sondern um ‚alle gegen die Zerstörung der Erde‘.“

Zum Glück gibt es viele, bei denen das nicht so ist. Es gibt viele Erwachsene, die sich auf die Seite von „Fridays for Future“ stellen. Es geht ja auch nicht um „Jung gegen Alt“ sondern um „alle gegen die Zerstörung der Erde“. Deswegen ist es wichtig, dass alle Generationen mitziehen. Ausreden wie „Wenn ich noch so jung wäre wie du, würde ich das auch machen“ gibt es nicht. Es bieten sich unzählige Möglichkeiten, sich für die Umwelt einzusetzen. Bei keiner spielt das Alter eine Rolle.

Warum ist für mich aber gerade „Fridays for Future“ wichtig, obwohl die Bewegung selbst nichts Spezifisches für den Umweltschutz tut? Einerseits hat „Fridays for Future“ es geschafft, bis zur Politik durchzudringen. So gut wie jeder hat schon etwas davon gehört, die Schülerstreiks sind Thema in vielen Medien.

Diese Medienpräsenz ist unumgänglich, wenn man die Öffentlichkeit wirklich wachrütteln will. Natürlich muss man auch anders aktiv werden, aber um wirklich etwas zu bewirken, braucht man erst einmal eine große Menge an Menschen.

Natürlich gibt es auch innerhalb der „Fridays for Future“-Bewegung keine einstimmige Lösung für die momentanen Probleme. Jeder hat andere Ansätze, wie man auf den Klimawandel reagieren sollte. Manche bestehen darauf, dass man Veganer werden muss, um der Umwelt wirklich etwas Gutes zu tun. Andere glauben weniger radikal, dass auch kleine Veränderungen etwas bewirken können, wenn nur genügend Menschen dabei sind.

„Ich finde aber, dass wir als Schüler überhaupt nicht dazu verpflichtet sind, zu wissen, was zu tun ist.“

Ich finde aber, dass wir als Schüler überhaupt nicht dazu verpflichtet sind, zu wissen, was zu tun ist. Deswegen wenden wir uns schließlich an die Politik. Das funktioniert mit einer großen Bewegung wie „Fridays for Future“ auch recht gut. Deswegen sind die wöchentlichen Demonstrationen für mich auch vor allem die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind eine stetige Erinnerung daran, dass das Thema Umwelt in den Köpfen der Menschen präsenter ist als je zuvor. Sie sind eine Warnung davor, dass es zu spät sein könnte, wenn nicht jetzt sofort etwas getan wird.

Das ist der Grund, warum ich regelmäßig an den Demos teilnehme.

Wir sind nicht nur Schulschwänzer

Bei jeder Demo werden immer eine oder mehrere Reden gehalten. Darin geht es um Umweltbewusstsein oder den Klimawandel. Wir als Aktivisten werden oft daran erinnert, dass wir weiter auf die Straße gehen müssen. Sonst ist das Thema genauso schnell wieder vom Tisch, wie es plötzlich aufgetaucht ist. Ich finde es außerdem besonders wichtig, auch in den Ferien weiterzumachen. So können wir den Menschen zeigen, dass wir eben nicht nur Schulschwänzer sind. Denn das scheinen immer noch viele Leute zu glauben.

Auf einer Demo hat ein Pfarrer von der Evangelischen Kirchengemeinde gesprochen. Daran kann ich mich noch gut erinnern, denn ich war froh, dass auch die Kirche sich zu diesen Themen äußert. Der Pfarrer sagte, dass sich die Christen auch hinter die „Fridays for Future“-Bewegung stellen sollten. Sie seien durch die Nächstenliebe dazu verpflichtet, den nachkommenden Generationen ein Leben zu ermöglichen, das lebenswert ist. Ein lebenswertes Leben hat jeder verdient, wie ich finde. Ich würde mich auch freuen, wenn solche Dinge im Gottesdienst angesprochen werden würden. Dort erreicht man ganz andere Zielgruppen und vielleicht auch solche, die dem Thema bisher noch nicht so viel Gehör geschenkt haben.

Fröndenberger „Fridays for Future“-Aktivistin: „Alle gegen die Zerstörung der Erde“

Am Freitag fand in Dortmund ein Kleidertausch statt. Aktivisten trafen sich nach der Demo, um zu klein gewordene Pullis, T-Shirts und Hosen untereinander zu tauschen. So sollte unnötiger Müll vermieden und eine Möglichkeit geboten werden, nachhaltiger zu leben. © Yvonne Blaschke

Ein anderes Mal hat eine Schülerin über den Klimawandel gesprochen. Sie hat zunächst zögerlich angefangen, wurde nach dem ersten zustimmenden Klatschen aber sicherer. Sie richtete sich direkt an Erwachsene, Eltern und Großeltern, die Fridays for Future kritisch gegenüberstehen. Sie stellte ihnen Fragen, zum Beispiel, ob ihnen die Zukunft ihrer Kinder egal wäre. Das Mädchen war jünger als ich, aber ihre Rede war packend und sorgte für eine betroffene Stimmung.

„Ich schäme mich dafür, dass ich auch zu den Verantwortlichen gehöre.“

Für mich ist es immer ein wenig traurig, jüngeren Leuten und vor allem Kindern bei Themen wie den Gefahren des Klimawandels zuzuhören. Manchmal sind sogar Zehnjährige dabei. Ich muss dann immer daran denken, dass einige von ihnen vielleicht jung genug sind, um so etwas mitzuerleben. Ich schäme mich dafür, dass ich auch zu den Verantwortlichen gehöre.

Nicht für uns, sondern für unsere Heimat

Für mich ist es wichtig, durch die Innenstadt zu ziehen und die Leute auf uns aufmerksam zu machen. Meine Freundin, mit der ich oft auf die Demos gehe, und ich haben uns dafür entschieden, Schilder zu basteln. Die nehmen wir dann mit und machen mit Sprüchen wie „What I stand for is what I stand on“ darauf aufmerksam, dass wir nicht für uns auf die Straße gehen, sondern für unsere Heimat: Die Erde.

Wenn sich dann Leute dazu entscheiden, sich uns anzuschließen und mitzulaufen, ist das für mich wie eine Bestätigung, das Richtige zu tun. Es zeigt mir, dass wir mit unseren Bedenken nicht alleine sind.

Meiner Meinung nach hat „Fridays for Future“ schon eine Menge erreicht. Nicht mehr nur Schüler gehen auf die Straße, sondern auch Wissenschaftler, die sich als „Scientists for Future“ dazugesellen. Eine weitere, große Gruppe sind die „Parents for Future“, zu denen Erwachsene gehören, die den nachfolgenden Generationen zu einer besseren Zukunft auf der Erde verhelfen möchten. Allein die Beteiligung dieser Menschen macht für mich deutlich, dass eine Vielzahl an Menschen dem Umweltschutz große Bedeutung beimisst, weshalb ich auch finde, dass sich in der Politik endlich etwas ändern sollte.

Fröndenberger „Fridays for Future“-Aktivistin: „Alle gegen die Zerstörung der Erde“

Auch durch Kreide-Botschaften versuchen die Demonstranten, auf sich aufmerksam zu machen. © Yvonne Blaschke

Ein besonderes Highlight der Demo ist für meine Freundin und mich immer, wenn sich am Ende alle versammeln und gemeinsam ein Lied singen: „Do it now“. Dieses Lied basiert auf „Bella Ciao“ und besitzt dessen Melodie, der Text wurde aber umgeschrieben und auf das Thema Umweltschutz zugeschnitten. Meiner Meinung nach vermittelt das Singen eine Art von Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch zu der ganz besonderen Atmosphäre von den Demos beiträgt. Das scheinen die anderen Teilnehmer auch so zu sehen, es herrscht nämlich oft eine große Bereitschaft zum Singen. Wahrscheinlich klingt das Ergebnis eher schlecht als recht, aber die Hauptsache ist, dass alle Spaß dabei haben.

Einmal habe ich nach einer Demo im Zug noch eine Frau getroffen, die auf mein Schild aufmerksam geworden ist. Sie hörte mir interessiert zu, als ich ihr von der Demo erzählte, und bekräftigte hinterher, dass sie es gut fände, wie wir bei „Fridays for Future“ unsere Meinung vertreten und dafür auf die Straße gehen.

„Jeder sollte ein Recht auf Leben haben, auch die, die nach uns kommen.“

Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die unser Engagement und das aller Demonstranten loben. Ich finde es in unserer heutigen Gesellschaft wichtig, sich mit dem Umweltschutz zu beschäftigen. Jeder sollte ein Recht auf Leben haben, auch die, die nach uns kommen. Wir, die Menschen, die heute auf diesem Planeten leben, sind dafür verantwortlich, was mit unserer Welt geschieht. Ein jeder trägt einen kleinen Teil zu der Zukunft unserer Erde bei. Deshalb sollte jeder sein Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten anpassen. Egal, wie klein die Veränderung erscheinen mag, sie ist wichtig. Niemand sollte sich dadurch entmutigen lassen, dass andere sowieso nichts tun. Zusammen werden viele kleine Schritte zu einem großen Sprung. Es muss ein Umdenken stattfinden.

Dafür gehe ich freitags nach Dortmund.

Sagen Sie uns Ihre Meinung. Was halten Sie von der „Fridays for Future“-Bewegung? Finden Sie den Schulstreik fürs Klima richtig oder falsch, hilfreich oder nicht – und vor allem, warum? Wie sollte Gesellschaft und Politik auf die „Fridays for Future“-Bewegung reagieren? Schreiben Sie uns eine Mail an redaktion@hellwegeranzeiger.de oder postalisch an Hellweger Anzeiger, Lokalredaktion, Wasserstraße 20, 59423 Unna.
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