Fremdenhass und Nationalismus: Literaturpreis aus Unna für Özlem Dündar passt in die Zeit

dzAlfred-Müller-Felsenburg-Preis

In Zeiten wieder aufflammenden Fremdenhasses ist der Alfred-Müller-Felsenburg-Literaturpreis womöglich wichtiger den je. Preisträgerin Özlem Özgül Dündar berührte ihre Zuhörer.

01.09.2019, 17:23 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur verlieh das Westfälische Literaturbüro in Unna am Sonntag an die junge Schriftstellerin Özlem Özgül Dündar. Die türkischstämmige Frau aus Solingen hatte zuvor mit ihrer literarischen Predigt in der Stadtkirche beeindruckt.

Was für ein freundlicher Rahmen in der intimen Atmosphäre des schönen Nicolaihauses, wo das Westfälische Literaturbüro in Unna, untermalt von Saxophonklängen eines Jörg Budde, den Alfred-Müller-Felsenburg-Literaturpreis an die mittlerweile 42. Preisträgerin verlieh.

Zur Sache

Der Alfred-Müller-Felsenburg-Literaturpreis

  • Der Preis für aufrechte Literatur wird seit 1988 vergeben und ist nach seinem ersten Preisträger Alfred Müller-Felsenburg benannt.
  • Das Westfälische Literaturbüro hat die Verleihung 2009 übernommen.
  • Die Preisträger drücken ihren Werken in besonderem Maße Zivilcourage oder Aufrichtigkeit aus.
  • Der Preis ist nicht mit einer Geldsumme dotiert, die Preisträger erhalten neben einer Urkunde einen „Flasche ehrlichen Landweins“.

So hell und heiter der Rahmen, so düster und schwer mutete dagegen an, worauf Wolfram Kuschke 1. Vorsitzender des Literaturbüros und Staatsminister a.D., zu Recht hinführte: Özlem Özgül Dündar stand in ihrer Heimatstadt Solingen als zehnjähriges Mädchen vor der Brandruine jenes Hauses, in dem 1993 nach einem fremdenfeindlichen Anschlag fünf Menschen ums Leben kamen.

Dündar hat in ihrem Werk auch diesen verstörenden Mordanschlag verarbeitet, in einer derart kraftvollen lyrischen Form, der die Jury letztlich überzeugte, sie mit dem Preis für aufrechte Literatur auszuzeichnen.

„Vielleicht ist das etwas, was wir noch stärker machen müssen – dieses aufrechte Gehen“, verknüpfte Wolfram Kuschke die literarische Positionierung Dündars mit der Gabe der Vergebung, die Mevlüde Genç auszeichnet, die in Solingen fünf Familienmitglieder verlor.

»Die Literatur nimmt bei Özlem Özgül Dündar ihre Aufgabe wahr hinzusehen.«
Dr. Corinna Schlicht, Literaturwissenschaftlerin

Auf die Kraft der Worte, die das Werk Dündars auszeichne, spielte auch Literaturwissenschaftlerin Dr. Corinna Schlicht von der Universität Duisburg/Essen in ihrer Laudation an.

So leiste etwa Dündars Text „Und ich brenne“ einen Beitrag dazu, ein furchtbares Ereignis aufzuarbeiten, „wo sonst Verdrängung ist“. Die Kunst Dündars sei es, nicht anklagend zu schreiben, sondern es den Lesern selbst zu überlassen, „hinsehen zu wollen“. Ihre Fiktionen und zugleich ihre präzise Sprache lüden zum Weiterdenken ein.

Zur Sache

Der Alfred-Müller-Felsenburg-Literaturpreis

  • Der Preis für aufrechte Literatur wird seit 1988 vergeben und ist nach seinem ersten Preisträger Alfred Müller-Felsenburg benannt.
  • Das Westfälische Literaturbüro hat die Verleihung 2009 übernommen.
  • Die Preisträger drücken ihren Werken in besonderem Maße Zivilcourage oder Aufrichtigkeit aus.
  • Der Preis ist nicht mit einer Geldsumme dotiert, die Preisträger erhalten neben einer Urkunde einen „Flasche ehrlichen Landweins“.

Die Toten, die nicht mehr sprechen können, erhielten in ihrem Text eine Stimme, der so im besten Sinne „Zumutung“ und ein Stück aufrechte Literatur sei. Diesem Urteil konnte sich Michael Fallenstein, Sohn des Namensgebers des Preises, anschließen. Sein verstorbener Vater als kritischer Geist wäre mit der Wahl „mehr als nur einverstanden gewesen“.

Özlem Özgül Dündar dankte derart gelobt auf bescheidene Weise: „Ich bin gerührt, dass an mich gedacht wurde.“

Zur Sache

Edelstein bei 90.000 Neuerscheinungen im Jahr

  • Thorsten Trelenberg (Schwerte) machte auf das Alleinstellungsmerkmal des Alfred-Müller-Felseburg-Preises aufmerksam. Ein Preis für aufrechte Literatur sei wohl einmalig im Land.
  • Der Vorsitzende der Jury verwies auf die jährlich 90.000 literarischen Neuerscheinungen allein im Printbereich, die zur Auswahl sehen. „Wir suchen daher immer nach einem kleine Edelstein“, so Trelenberg.
  • Landrat Michael Makiolla zeigte sich in seinem Grußwort überzeugt, dass gerade Unna ein geeigneter Ort für diesen Literaturpreis sei, nicht nur wegen des Aufnahmelagers in Massen. „Der Kreis Unna hat sich seit jeher als weltoffene Region begriffen“, so Makiolla.
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