Die Situation der Flüchtlinge in Unna hat sich verändert: Längst kommen nicht mehr so viele wie noch 2015 - und gleichzeitig sind viele in eigene Wohnungen gezogen. Das verändert auch die Arbeit der ehrenamtlichen Betreuer. Sie starten nun ein neues Projekt - nicht nur für, sondern vor allem mit den Geflüchteten.

Unna

, 11.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Abeer Kajjam bringt es auf den Punkt: „Ich möchte gerne viel mehr Deutsch sprechen, aber dazu brauche ich auch Deutsche, mit denen ich mich unterhalten kann.“ Für die 47-jährige Syrerin ist genau das etwas, was sie sich von der Initiative „WeltOffen“ erhofft: Kontakte zu „alteingesessenen“ Unnaern, um miteinander ins Gespräch zu kommen - und so „ganz nebenbei“ die Sprache ihrer neuen Heimat zu verbessern.

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Die Situation von Abeer Kajjam zeigt anschaulich, wie sehr sich die Situation der in Unna lebenden Geflüchteten seit 2015/16 verändert hat: Vor zwei Jahren kam die studierte Ingenieurin nach Unna, lebt mittlerweile längst eigenständig und bereitet sich auf die C1-Sprachprüfung in Deutsch vor. Sie hofft, dann auch beruflich in Deutschland Fuß fassen zu können. Statt Tipps zum Umgang mit dem Jobcenter, mit Behörden und Anträgen braucht sie jetzt vor allem eines: Sprachpraxis. Und die kommt am besten über Kontakte zu Unnaer Bürgern zustande.

So will die Initiative „WeltOffen“ Flüchtlinge und Unnaer besser vernetzen

„Fahrräder für Flüchtlinge“ - diese Aktion gibt es schon lange in Unna. Auf Angebote wie dieses hinzuweisen, auch das versteht „WeltOffen“ als eine ihrer Aufgaben. © Udo Hennes

Flüchtlinge sind jetzt Teil des Betreuungsteams

Geflüchtete und alteingesessene Unnaer zusammenbringen - das ist das Ziel der neuen Initiative „WeltOffen“, die aus dem Kreis der ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer der Caritas hervorgegangen ist. Abeer Kajjam gehört zu dem Team - denn genau das ist es, was jetzt anders ist als bei der bisherigen Arbeit in der Flüchtlingshilfe: Die Geflüchteten selbst sind Teil des Teams und bringen ihre Erfahrungen mit ein.

„Was wir immer öfter von den Geflüchteten hören, ist: Wir bekommen einfach keinen Kontakt zu den Alteingesessenen.“
Kirsten Jeck, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin

„Es kommen nicht mehr viele neue Flüchtlinge. Und die, die schon da sind, leben teilweise seit zwei Jahren schon in Privatwohnungen. Da versuchen wir natürlich auch, den Kontakt zu halten. Aber was wir immer öfter von den Geflüchteten hören, ist: Wir bekommen einfach keinen Kontakt zu den Alteingesessenen“, schildert Kirsten Jeck die Situation der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, die zu der Idee von „WeltOffen“ geführt hat.

Gegenseitige Vorurteile abbauen und einen Treffpunkt im Zentrum von Unna schaffen - das ist das Ziel von „WeltOffen“. „Das Interesse der Geflüchteten, sich daran zu beteiligen, ist riesig“, sagt Jeck, „sie haben unglaublich viele Ideen, was man an einem solchen Treffpunkt alles anbieten kann.“

Einen Nähkurs, den ein syrischer Schneider gibt, Infoveranstaltungen über Handyverträge oder einfach die Möglichkeit, sich ungewzungen auszutauschen - all das möchte „WeltOffen“ ermöglichen - idealerweise in einem Ladenlokal in der Innenstadt. „Wir müssen so sichtbar wie möglich sein“, sagt Maria Bastian, ebenfalls ehrenamtliche Flüchtlingshelferin.

So will die Initiative „WeltOffen“ Flüchtlinge und Unnaer besser vernetzen

Ein eigenes Logo hat die Initiative „WeltOffen“ bereits - das schafft Identität. © Initiative "Weltoffen""

Denn ein weiteres Angebot für Flüchtlinge, genau das soll „WeltOffen“ eben nicht sein. „Wir wollen den Austausch von Unnaern und Geflüchteten fördern. Es soll sich bei uns vermischen: Ein Vortrag über Handyverträge oder Versicherungen - das interessiert viele Menschen, egal, ob sie geflüchtet oder Alt-Bürger sind, egal, wie alt sie sind“, betont Bastian.

Ebenfalls wichtig für die Organisatoren: Sie verstehen sich als ergänzendes Angebot zu den vielen bereits vorhandenen Projekten. „Dieser Treffpunkt kann und wird auch viel für andere Angebote werben. Wir verstehen uns als Netzwerker und Vermittler“, sagt Bastian. Der Zugang zum Sportverein oder Nähkurs der VHS fällt leichter, wenn ich weiß, welche Menschen dahinterstehen - so die Idee hinter dem Treffpunkt.

„Kontakte gehen über Gesichter. Wenn ich ein Angebot, das mich interessiert, mit einer konkreten Person verbinden kann, weil ich sie kennengelernt habe, dann bin ich eher bereit, dorthin zu gehen.“
Elias Nassour

Denn Elias Nassour weiß aus eigener Erfahrung: „Kontakte gehen über Gesichter. Wenn ich ein Angebot, das mich interessiert, mit einer konkreten Person verbinden kann, weil ich sie kennengelernt habe, dann bin ich eher bereit, dorthin zu gehen“, sagt der Libanese mit syrischen Wurzeln.

Er ist überzeugt: „Unna braucht dieses Projekt. Viele Geflüchtete wissen nicht, was es hier alles gibt.“ Und noch etwas ist ihm wichtig: „Es ist keine Einbahnstraße. Es geht auch darum, Unna etwas zu geben.“ Viele Geflüchtete könnten in Vorträgen oder einfach nur Gesprächen in dem „WeltOffen“-Treffpunkt von ihren Heimatländern erzählen und so das Bild der Unnaer von Ländern wie dem Libanon, Syrien oder Afghanistan verändern. „Das kennen die meisten Menschen hier doch nur aus dem Fernsehen und verbinden es mit Krieg. Aber unsere Heimatländer sind mehr als das. Es gibt eine Geschichte, eine Kultur, die wir mitgebracht haben und die wir gerne teilen möchten“, sagt Nassour.

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