Flucht aus der DDR: Wie ein Unnaer seine Jugendliebe in den Westen schleusen wollte

dz30 Jahre Mauerfall

Es war kurz nach dem Mauerbau: Jürgen Vollradt aus Unna baute ein Versteck in seinen Mercedes ein, um eine junge Frau aus Dresden in den Westen zu schleusen. Es war schon alles durchgeplant.

Unna

, 09.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Lange hat der Unnaer Jürgen Vollradt die Geschichte einer Liebe für sich behalten, doch am Jahrestag der Maueröffnung am 9. November hat er sie erzählt, weil sie auch eine Geschichte über das geteilte Deutschland ist.

Es war dreieinhalb Monate nach dem Mauerbau 1961. Jürgen Vollradt, damals 28, feierte in Dresden die Hochzeit eines Freundes. Auch der bekannte Naturwissenschaftler Manfred von Ardenne war unter den Gästen, doch es war ein anderer Gast, der Vollradts Aufmerksamkeit auf sich lenkte: Lisa (Name geändert), die Schwester des Bräutigams. „Sie war meine Tischdame“, sagt er.

In Dresden war Vollradt schon in den fünfziger Jahren häufig als Student gewesen. Als Mitglied im gesamtdeutschen Arbeitskreis seiner Technischen Hochschule Darmstadt setzte er sich für den Jugendaustausch mit der DDR ein. „Wir räumten damals mit dem Irrglauben auf, dass die westdeutsche Jugend nicht den Einladungen von Ulbrichts FDJ folgen durfte, weil die im dialektischen Materialismus geschulten FDJ-ler angeblich uns Westlern überlegen seien“, erzählt Vollradt, heute als CDU-Lokalpolitiker bekannt.

Flucht aus der DDR: Wie ein Unnaer seine Jugendliebe in den Westen schleusen wollte

Jürgen Vollradt im Jahr 2008 mit einem Karton voller Erinnerungen an die 50er und 60er Jahre. 1965 bereitete er die Flucht einer DDR-Bürgerin, die in Dresden wohnte, vor und baute ein Geheimversteck in einen Mercedes ein. © Udo Hennes

Zur Person

Jürgen Vollradt

  • Dr. Jürgen Vollradt wurde 1933 in Essen/Ruhr geboren und lebt in Unna. Bis zu seiner Pensionierung 1998 arbeitete er in der Stromwirtschaft/Kernenergie. Er heiratete 1967 die Thüringerin Heidrun Vollradt.
  • Als Fluchtauto präparierte Vollradt 1964 einen Mercedes, Baujahr 1938. Typ- und Modellbezeichnung sind ihm nicht mehr bekannt. Es könnte sich um einen Wagen der Baureihe W142, Modell 320, gehandelt haben.
  • Seine Jugendliebe Lisa (Name geändert) lebt noch heute (2019) in Dresden. Sie arbeitete in der Zeit nach der Wiedervereinigung als Referentin im Wissenschaftsministerium, als Kurt Biedenkopf Ministerpräsident von Sachsen war.

Unvergesslich blieb für ihn der Besuch in der Semper-Oper, wo die Besucher und wenige Gäste aus dem Westen angespannt den Chor der Gefangenen aus Fidelio hörten, während in der ersten Reihe die Stasi saß. „Oh welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben! Oh Freiheit, kehrst Du zurück? Sprecht leise! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick“.

Nach Freiheit im geteilten Deutschland sehnten sich auch Jürgen und Lisa. Sie, die Slawistik in Leipzig studierte, konnte den Verehrer nur an besonderen Punkten hinter dem Eisernen Vorhangs treffen, mal in Ost-Berlin, mal auf der Leipziger Messe oder in Prag. „Jahre gingen dahin, ich machte meinen Doktor, und ich habe überlegt: Wie kriege ich die Lisa in den Westen?“

Also kaufte er 1964 ein Mercedes-Cabriolet, ein stattliches Auto, Baujahr 1938, mit geschwungenen Kotflügeln und einem unscheinbaren Kofferraumdeckel, auf dem noch zwei Ersatzreifen montiert waren. „Man hätte an dem Auto keinen Kofferraum vermutet, und wenn man ihn öffnete war er riesig“, erzählt er. „Ich habe dann einen doppelten Boden eingebaut. In dem 30 Zentimeter großen Zwischenraum hatte ein Mensch Platz.“

Ein geheimer Fluchtplan. Ein Versteck für Lisa.

Flucht aus der DDR: Wie ein Unnaer seine Jugendliebe in den Westen schleusen wollte

Jürgen Vollradt präparierte einen Mercedes, Baujahr 1938, mit einem geheimen Versteck. Es könnte sich um ein Modell der Reihe 320 gehandelt haben – ähnlich wie hier im Auto- und Technik-Museum Sinsheim. © Wikimedia Commons

Schleuserfahrt sollte in einem Wald bei Prag starten

Der präparierte Wagen bestand seine erste Testfahrt. Von einem Freund ließ sich Vollradt, ein 1,80-Meter-Mann, im Sommer 1964 eine Stunde durch Frankfurt fahren. Aus dem Versteck konnte er über einen Schalter Lichtzeichen zum Armaturenbrett durchgeben.

Lisa sollte in Prag in das Auto eines Freundes einsteigen, der mit ihr in einen abgelegenen Wald an der Grenze fahren sollte. Dort sollte die DDR-Bürgerin in Vollradts Fluchtwagen umsteigen. „Im Dezember 1964 habe ich eine Leerfahrt von Nürnberg nach Prag und zurück gemacht. Es hat trotz scharfer Grenzkontrollen alles geklappt.“

Jetzt musste sich Lisa entscheiden. Gemeinsam hatten sie alles durchgeplant. „Ich hatte schon alles vorbereitet und heimlich einen Verlobungsring abgemessen“, sagt Vollradt.

Flucht aus der DDR: Wie ein Unnaer seine Jugendliebe in den Westen schleusen wollte

Geteiltes Deutschland: Dieses DDR-Propaganda-Plakat fotografierte Jürgen Vollradt in den 50er Jahren in Dresden. © privat

Doch für den jungen Mann aus dem Westen endete das Abenteuer mit einer herben Enttäuschung. Im Sommer 1965 eröffnete Lisa ihm in Ost-Berlin, dass sie auch auf Drängen ihrer Familie wegen des hohen Fluchtrisikos in der DDR bleiben werde. „Daraufhin bin ich so aufgewühlt gen Westen gefahren, dass ich noch in Ost-Berlin in eine Verkehrkontrolle geriet und Strafe für zu schnelles Fahren bezahlen musste.“

Mercedes an Frau aus Koblenz verkauft

Mit dem Mercedes konnte Vollradt nichts mehr anfangen, so dass er ihn an eine Frau aus Koblenz verkaufte. Möglich ist, dass sie mit dem Wagen jenes Happyend erlebte, das Vollradt versagt blieb. „Die Käuferin wollte ihren Freund aus Ost-Berlin über Jugoslawien in den Westen schmuggeln. Ich habe leider nie erfahren, ob es geklappt hat.“

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Hellweger Anzeigers und erschien zuerst am 11. November 2008.
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