Mit Video: Fleisch ohne Umweg über die Tönnies-Fabrik und „echte“ Milch direkt aus Mühlhausen

dzMilchhof Mühlhausen

Kühe zum Anfassen und Schweine im Stroh: Der Milchhof Mühlhausen bringt Kunden nah heran an Fleisch- und Milchprodukte. Der Familienbetrieb zeigt Herz für Tiere - wie unser Video zeigt.

Mühlhausen

, 17.07.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wo soll man denn noch guten Gewissens Lebensmittel kaufen? In den Köpfen vieler Verbraucher geistert diese Frage herum, und wenn Skandale öffentlich werden, dann wird sie laut gestellt. Hofmärkte können eine Antwort sein. Viele Kunden schätzen es, zu sehen, wie Tiere leben, während sie Milch liefern oder bevor sie selbst zu Lebensmitteln werden. Am Milchhof Mühlhausen geht das.

Klein und Groß können Tiere auf dem Hof tatsächlich anfassen. Die Familie Lategahn beantwortet Fragen zur Haltung, Schlachtung und Verarbeitung.

Klein und Groß können Tiere auf dem Hof tatsächlich anfassen. Die Familie Lategahn beantwortet Fragen zur Haltung, Schlachtung und Verarbeitung. © Udo Hennes

„Ich würde mir wünschen, dass alle Kinder Hauswirtschaft lernen“, sagt Simone Lategahn. Die 26-Jährige gehört zu der Familie, die seit Generationen ihren Hof in Mühlhausen bewirtschaftet. Sie hat Landwirtschaft studiert und war unter anderem in der Bildungsarbeit für einen Landjugendverband tätig. Daher weiß sie: „Viele Menschen wissen heute gar nicht mehr, wo die Produkte herkommen.“

Video
Simone Lategahn über den Milchhof Mühlhausen

Mangel an Wissen und Wertschätzung

Welcher Aufwand steckt dahinter, Milch zu produzieren und Produkte wie Joghurt oder Buttermilch daraus herzustellen? Wie wird aus einem Ferkel ein gesundes Schwein, das letztlich in Form von Schnitzeln und Aufschnitt auf dem Teller landet? Mit dem Wissen um diese Vorgänge gehe bei vielen Menschen auch die Wertschätzung für Produkte verloren. „Das macht mir schon Sorgen“, sagt die junge Frau. Sie arbeitet derzeit im elterlichen Betrieb mit, überlegt aber noch, ob das ihre Zukunft wird.

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Gleichzeitig erlebt Simone Lategahn mit Begeisterung, wie der Betrieb ihrer Familie vielen Kunden und Besuchern - gerade aus der Stadt - Landwirtschaft und ihre Produkte nahebringt. Schweine leben nicht zu Hunderten abgeschottet in riesigen Stallanlagen, sondern auf Stroh in einer Gruppe von nur 60 Tieren. Sie sehen Tageslicht und sind auch den Kontakt zu Menschen gewohnt. Das gleiche gilt für Kälber, Kühe und Bullen, die man bei Lategahn sehen, anfassen und riechen kann. „Wir beantworten gern alle Fragen, und die Leute nehmen auch etwas mit.“

Am Milchhof können auch Kinder wie Luis und Lelia spielen, während ihre Eltern einkaufen Kaffee trinken oder den Mittagstisch testen.

Am Milchhof können auch Kinder wie Luis und Lelia spielen, während ihre Eltern einkaufen Kaffee trinken oder den Mittagstisch testen. © Udo Hennes

Kurze Wege zum Schlachter

Der Betrieb ist ein Bauernhof und kein reiner Streichelzoo. Jedes Tierleben endet einmal. Doch auch hier vermitteln Lategahns ein gutes Gefühl: Die Tiere sind vor ihrem Tod nicht stundenlang auf Autobahnen unterwegs in riesige Schlachtfabriken. Sie fahren vielmehr von Mühlhausen aus ein paar Minuten zum Unnaer Schlachthof Jedowski. „Sie haben keinen Stress“, sagt Lategahn. Zurück im Betrieb in Mühlhausen, werden die geschlachteten Tiere zerlegt und von den Lategahn-Metzgern weiterverarbeitet.

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Kunden schätzen, dass sie dieses Fleisch guten Gewissens essen können und einen Unterschied auch schmecken, wie Lategahns aus Rückmeldungen wissen. Die Produkte vom Hofmarkt kosten etwas mehr, viele schätzen aber auch die Qualität, die eine andere sei als bei Fleisch vom Discounter.

Hofmarkt

Der Milchhof und seine Öffnungszeiten

  • Milchhof Mühlhausen, Heerener Straße 54, Unna-Mühlhausen
  • Hofladen geöffnet montags bis freitags, 9 bis 18.30 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr
  • Hofcafé geöffnet montags bis samstags 9 bis 18 Uhr, sonntags 11 bis 18 Uhr (samstags und sonntags kein Mittagstisch)

Milch, die nach Milch schmeckt

Auch die Milch schmeckt tatsächlich anders. Hofmärkte dürfen auch Rohmilch verkaufen, die nach dem Melken bloß gefiltert und gekühlt wurde. Pasteurisierte Milch gibt es im Markt natürlich auch. Lategahns können das Verfahren selbst durchführen, bei dem die Milch durch kurzes Erhitzen länger haltbar gemacht wird. Grundsätzlich aber versuchen sie, ihre Produkte so wenig wie möglich zu behandeln.

Neben Milch gibt es im Hofmarkt eine breite Palette an Milchprodukten aus der Hofmolkerei, darunter Joghurt, Pudding oder Milchreis. Die zweite tragende Säule der Direktvermarktung bilden Fleisch und Wurst, „zum Großteil von unseren eigenen Tieren“, sagt Lategahn. Dass der Hof teils zukauft, etwa Lamm oder Geflügel, auch darüber wird der Kunde aufgeklärt.

Giulia (16 Monate alt) bestaunt schlafende Schweine. In einem offenen Stall im Stroh: So leben nur wenige Mastschweine in Deutschland. Die aufwendige Tierhaltung ist eine der Besonderheiten bei Lategahn.

Giulia (16 Monate alt) bestaunt schlafende Schweine. In einem offenen Stall im Stroh: So leben nur wenige Mastschweine in Deutschland. Die aufwendige Tierhaltung ist eine der Besonderheiten bei Lategahn. © Udo Hennes

Wenig Abfall dank Hausmannskost
„Es wäre schön, wenn die Menschen sich auch langfristig fragen würden, wie Lebensmittel produziert werden und was dahinter steckt.“
Simone Lategahn

Wo vieles frisch ist, muss nicht unbedingt viel in den Müll wandern. Dabei hilft der Mittagstisch. Wurstenden beispielsweise, die sich als Aufschnitt nicht verkaufen lassen, werden zur Fleischeinlage im hausgemachten Eintopf. Frischmilch, die nicht rechtzeitig verkauft wird, kommt zum Beispiel in Form von länger haltbarem Milchreis ins Kühlregal. „Bei uns wird wenig weggeworfen“, sagt Simone Lategahn.

Der Tönnies-Corona-Skandal hat manchen Verbraucher aktuell abgeschreckt von der Fleischindustrie und Billig-Lebensmitteln. „Wir merken das am Zulauf“, erklärt Simone Lategahn. Sie zeigt sich allerdings skeptisch, ob das auch so bleibt oder eher ein kurzfristiger Effekt ist, der wieder abebbt. „Es wäre schön, wenn die Menschen sich auch langfristig fragen würden, wie Lebensmittel produziert werden und was dahinter steckt.“

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