Hechte, Karpfen, Rotaugen, Bitterlinge: Sie alle mussten am Samstag umziehen. Der Sauerstoffgehalt im ersten Bornekamp-Teich reicht für sie nicht mehr aus. Ein Umzug mit Überraschungen.

Unna

, 13.07.2019, 13:36 Uhr / Lesedauer: 3 min

Michael Prill schüttelt den Kopf, immer wieder. „Das ist nicht normal, was hier alles drin ist.“ Bereits zwei Stunden, nachdem der Kreisfischereiberater damit begonnen hat, die Fische aus dem ersten Bornekamp-Teich „abzufischen“, hat er acht große Hechte im Kescher gehabt. „Das sind viel zu viele. Und da sind noch einige mehr, die wir noch nicht erwischt haben.“

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"Abfischen" im Bornekamp: Die Fische ziehen um

Zusammen mit dem Hegefischerverein Lippe aus Bönen und den Stadtbetrieben Unna organisierte Michael Prill am Samstag einen der wohl ungewöhnlichsten Umzüge, die der Bornekamp seit langem gesehen hat: Die Fische im ersten Teich mussten raus; zu drastisch ist der Sauerstoffgehalt im Teich gesunken, als dass die Fische hier sicher überleben könnten.

Nur ein Wasserlauf speist den Bornekamp-Teich derzeit mit Wasser

Der stetig sinkende Wasserpegel im ersten Teich, dessen Folie brüchig und rissig ist, hat sich auch durch die gefühlt starken Regenfälle am Donnerstag und Freitag nicht verändert.

„Wir haben derzeit nur einen Wasserlauf, der den Teich noch speist“, erklärt Ralf Kittel von den Stadtbetrieben Unna, „das ist das Wasser der alten Jakobs- und Heinrichsquelle. Wenn die Folie dicht wäre, kann das reichen.“ Aber die Folie ist eben nicht dicht und der Teich verliert Wasser. Damit sinkt auch der Anteil des Sauerstoffs, den die Fische sich aus dem Wasser filtern.

Umzug ist die einzige Überlebenschance für die Fische
Kurz erklärt


So funktioniert Elektrofischen

  • Wasser und Strom - dass das gefährlich ist, lernt jedes Kind. Doch beim Elektrofischen kommen weder die Fische noch der Fischer zu Schaden.
  • Mit Hilfe eines Elektrofanggerätes (Kescher) erzeugt der Fischer einen Gleichstrom oder Impulsstrom, der zwischen Boot und Kescher durch das Wasser geleitet wird.
  • Michael Prill hat sein Boot als Minuspol eingesetzt, sein Kescher war der Pluspol. Die Fische, die sich in dem Bereich zwischen Kescher und Boot befinden, werden durch den Stromimpuls betäubt und können eingefangen werden.
  • Nach zehn bis 15 Minuten in einem Becken mit sauerstoffreichem Wasser werden sie wieder „wach“ - und sind ohne Schäden umgezogen.
  • In Deutschland ist das Elektrofischen nur unter besonderen Voraussetzungen möglich. Dazu zählen die Prüfung als Elektrofischer, eine Genehmigung der Fischereibehörden und die Beachtung der Vorschriften.

Nachdem Feuerwehr und Gelsenwasser den Teich zuletzt mit Frischwasser auffüllten, trafen die Stadtbetriebe und der Kreisfischereiberater Michael Prill in der vergangenen Woche die Entscheidung, dass nur ein Umzug in ein gesünderes Gewässer den Fischen eine echte Überlebenschance bietet.

Für die Mitglieder des Hegefischervereins Lippe stand damit fest: Der Samstag wird zum Umzugstag. Schon seit längerem stehen sie mit den Stadtbetrieben in Kontakt. „Spätestens bei der Sanierung des Teiches müssen die Fische ja umziehen und da hatten wir uns schon angeboten“, sagt der erste Vorsitzende Jörg Tenkhoff. In einem Feuerwehrlöschteich in Bönen, den der Verein gepachtet hat, sollen die Fische aus dem Bornekamp ein neues Zuhause finden.

Mit einem speziellen Boot zum Elektrofischen holte Michael Prill die Fische aus dem Bornekamp-Teich. Und was und vor allem, wie viel er aus dem Bornekamp-Teich holte, überraschte selbst ihn als erfahrenen „Fischfachmann“. „Es ist kein Wunder, dass die Fische nicht genügend Sauerstoff haben. Hier leben viel zu viele Fische auf kleinstem Raum“, sagt Prill.

Deutlich sichtbar werde dies an den zahlreichen Rotaugen, die er aus dem Wasser fischt: „Die sind bei weitem nicht so groß, wie sie eigentlich sein müssten. Das ist ein Zeichen dafür, dass es viel zu viele sind. Und dass, obwohl hier mindestens ein Dutzend großer Hechte lebt, die sie eigentlich fressen.“

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Umsiedlung der Fische im ersten Bornekampteich

Weil der Wasserstand des ersten Bornekampteichs dramatisch gesunken ist, müssen die dort lebenden Fische umziehen. Mitte Juli werden sie "abgefischt" und in einen alten Feuerlöschteich in Bönen umgesiedelt.
13.07.2019
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Mit einem speziellen Elektrofischboot holen Michael Prill und Martin Kosiol die Fische aus dem Wasser© Anna Gemünd
Sie werden in Keschern gefangen© Anna Gemünd
Regelmäßig bringen Prill und Kosiol die gefangenen Fische ans Ufer, wo sie direkt in Becken mit sauerstoffreichem Wasser gesetzt werden.© Anna Gemünd
Über ein Dutzend Hechte dieser Größe gingen den Fischern ins Netz. Ungewöhnlich für so ein kleines Gewässer, findet Peter Koch vom Hegefischerverein Lippe aus Bönen.© Anna Gemünd
Auch der große Hecht wird umgesiedelt - mit Fingerspitzengefühl.© Anna Gemünd
Die gefangenen Fische werden ans Ufer gebracht und in Becken mit Wasser gesetzt.© Anna Gemünd
Michael Prill mit einem der großen Hechte, die der Kreisfischereiberater des Kreises Unna an diesem tag aus dem Bornekampteich holt.© Anna Gemünd
Rotaugen, Bitterlinge, Grundlinge und Stichlinge - die Mischung ist bunt. Sie alle ziehen nun um nach Bönen.© Anna Gemünd
Nach zehn bis 15 Minuten erholen sich die durch den Stromimpuls betäubten Fische wieder.© Anna Gemünd
Einer, der hier eigentlich nicht hingehört: Der Blaubandbärbling ist eine Fischart aus der Familie der Karpfenfische. Er stammt ursprünglich aus Asien und ist ein beliebter Aquariumsfisch. Dieser hier wurde aber offenbar im Bornekampteich ausgesetzt.© Anna Gemünd
In einem großen Tank treten die Fische ihren Umzug an. Gefüllt wird er mit Frischwasser aus einem Hydranten, das zusätzlich mit Sauerstoff angereichert wird.© Anna Gemünd
Bereit für den Umzug: Die Fischer werden in den Tank gesetzt und sind dann reisebereit.© Anna Gemünd

Dringender Appell: Bitte keine Enten füttern!

Der Bornekamp-Teich sei aufgrund seiner geringen Größe und Wassertiefe kein Gewässer für Fische. „Das hier ist ein Ententeich, kein Fischteich“, sagt Prill deutlich. Und das größte Problem: Die Menschen füttern die Enten, für sie mitgebrachtes Brot kann dem Teich zusätzlich Sauerstoff entziehen, wenn es am Boden des Gewässers verfault. Die wichtigste Botschaft des Fischereiberaters an diesem Tag: „Bitte füttert keine Enten! Das kann man nicht oft genug sagen.“

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Im Spezialtank: Fische im Bornekamp ziehen um

Die über ein Dutzend Hechte und die kleineren Fische, die Prill und seine Kollegen am Samstag aus dem Bornekamp-Teich gerettet haben, haben nun gute Chancen, in dem deutlich größeren Teich in Bönen zu überleben. Doch das Problem im ersten Bornekamp-Teich dürfte bestehen bleiben: Wirklich „leergefischt“ ist der Teich auch nach der Aktion am Samstag nicht. „Wir können gar nicht alle Fische erwischen“, sagt Prill, „aber die, die dringeblieben sind, haben jetzt mehr Sauerstoff für sich.“

„Das hier ist ein Ententeich, kein Fischteich.“
Michael Prill, Kreisfischereiberater, über den ersten Teich im Bornekamp

Doch der Kreisfischereiberater weiß auch: es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Fischbestand wieder auf eine so große Anzahl Tiere angewachsen ist. „2013 haben wir hier zum letzten Mal abgefischt und damals haben wir 77 Hechte rausgeholt, von denen allein 30 über 60 Zentimeter groß waren“, erinnert sich Prill. Rund 500 Kilogramm Fisch holte er damals aus dem Teich.

Wirklich lösen lassen wird sich das Problem wohl erst, wenn der marode Teich neu gebaut wird. Geplant ist das für 2020 - ohne Fische.

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