Schnell genug stark genug am Einsatzort zu sein, das zählt zu den wichtigsten Zielen im Feuerwehrwesen. In Unna treten dabei überraschende Probleme auf. Die Stadt versucht, gegenzusteuern.

Unna

, 24.09.2019, 20:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den schlimmsten Szenarios der Feuerwehr ist ein Leben in Gefahr. Wie lange jemand in einem verrauchten Haus liegen kann, ohne dass die Wiederbelebung aussichtslos ist, ist bekannt. Und davon leitet sich dann ab, wie schnell und mit wievielen Einsatzkräften die Feuerwehr am Ort des Geschehens sein muss, um Opfer retten zu können.

Diese Vorgaben einzuhalten, gelang in Unna in den vergangenen Monaten seltener als gewohnt. Das „Schutzziel I“, nach dem spätestens acht Minuten nach dem Alarm eine neunköpfige Gruppe mit dem Erstangriff beginnen sollte, wurde nur noch in 53 Prozent der Fälle erreicht.

Feuerwehr braucht etwas zu lange bis zur vollen Einsatzsstärke

Das bedeutet nicht, dass die Feuerwehr gänzlich zu spät kommt. Selbst eine unvollständige Mannschaft kann mit dem Einsatzaufbau beginnen. Aber es bedeutet eben, dass es der Feuerwehr nicht immer gelingt, in der vorgegebenen Zeit die geplante Einsatzsstärke zu erreichen.

Schon die Erreichung von Schutzziel II gelang zuletzt in 88 Prozent der Fälle. Dieses Ziel ist erreicht, wenn zur neunköpfigen Gruppe des Erstangriffs noch eine sechsköpfige Staffel hinzugestoßen ist und 13 Minuten nach dem Alarm 15 Feuerwehrleute plus Einsatzleiter vor Ort sind. Zielmarke für den Grad der Zielerreichung ist in beiden Stufen des Einsatzaufbaus 80 Prozent. Viel fehlt der Feuerwehr offenbar nicht zur Erreichung der Schutzziele. Aber dieses bisschen fehlte zuletzt doch überraschend oft.

Dem Fortschritt durch die Personalaufstockung folgt ein überraschender Einbruch

Überraschend ist das vor allem, weil die finanziell angeschlagene Stadt dem Feuerwehrwesen immer hohe Priorität bei Personal und Ausrüstung zugemessen hat. 2016 beschloss sie, zusätzliche Kräfte für die hauptamtliche Feuerwehr einzustellen, um die Schutzzielerreichung zu verbessern. Inzwischen gibt es 80 fest angestellte Feuerwehrleute. Und nach der Aufstockung war die Zielerreichung auch lange messbar höher. Das zurückliegende halbe Jahr brachte dann aber einen Einbruch.

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Das Problem liegt weniger bei den hauptamtlichen Kräften. In Unna hat die Feuerwehr zwei Säulen. Die hauptamtlichen Kräfte von der Florianstraße und die freiwilligen Feuerwehrleute der Löschgruppen in den Stadtteilen arbeiten zusammen, addieren dabei auch ihre Einsatzstärken, um die Schutzziele zu erreichen. Dass es zuletzt oft etwas zu lange dauert, um die nötige Mindeststärke aufzubieten, hängt offenbar auch der Verfügbarkeit der freiwilligen Feuerwehrleute zusammen.

Unnas Feuerwehr ist oft zu spät in voller Stärke am Einsatzort

Wenn es wie hier am Beethovenring in einem Wohngebäude brennt, musst die Feuerwehr davon ausgehen, dass Menschenleben in Gefahr sind. Entsprechend hoch sind die Schutzziele für so ein Szenario gesetzt. © Udo Hennes

Starkes Ehrenamt, aber auch starke Belastung

Dabei hat Unna an sich kein Nachwuchsproblem im Ehrenamt Feuerwehr. 302 ausgebildete Kameraden im einsatzfähigen Alter gibt es in den örtlichen Löschgruppen. 67 Mitglieder werden in den drei Jugendfeuerwehren auf ihren späteren Dienst vorbereitet. Das sind stabile Zahlen, mit denen das Feuerwehrwesen in Unna lange Zeit gut ausgekommen ist. Aber die Herausforderungen in diesem Ehrenamt sind gewachsen.

Ein Problem ist bisweilen die Vereinbarkeit dieses Ehrenamtes mit dem Beruf. Wer sein Geld an einer Arbeitsstätte auswärts verdient oder einen Chef mit wenig Verständnis für den Feuerwehrdienst hat, scheidet für ein schnelles Eingreifen im Einsatzfall oft aus.

Stadtbrandmeister Hendrik zur Weihen kann diese Probleme durchaus nachvollziehen. „Wenn der Inhaber einer Autowerkstatt Mitarbeiter für einen Feuerwehreinsatz freistellt und die Kunden deswegen nachmittags ihr Auto nicht abholen können, sind diese Kunden auf Dauer verloren. Das kann dann auch kein Lohnausgleich wettmachen“, weiß zur Weihen.

Oft verlieren die Freiwilligen Zeit auf der Anfahrt

Aber auch auf der Anfahrt werden die Kameraden aus den Löschgruppen bisweilen aufgehalten. Mehr Verkehr, aber auch Tempobegrenzungen spielen dabei eine Rolle. Denn im Privatwagen auf dem Weg zum Gerätehaus fahren die Feuerwehrleute nicht mit Blaulicht und Martinshorn.

Ein anderes Problem ist, dass die ehrenamtlichen Feuerwehrleute heute öfter gefordert sind und neue Aufgaben haben. Im Jahr 2018 leistete die Feuerwehr in Unna insgesamt 1279 Einsätze. Vier Jahre vorher waren es 906.

Auch abseits der Einsätze, zu denen der „Pieper“ ruft, gibt es für die Feuerwehren viel zu tun. Im Durchschnitt leistet eine freiwillige Feuerwehr alle zwei Wochen einen Übungs- und Ausbildungsdienst. Dazu kommen aber auch Sonderaufgaben wie das Bewässern von Bäumen im Stadtgebiet.

Modernere Einsatzsteuerung für kürzere Wege

Als Lösung für das Dilemma versucht die Stadt nun, den Feuerwehrleuten kürzere Wege zu ermöglichen. Eine flexiblere Steuerung über einen modernen Einsatzcomputer ermöglicht eine neue Alarmierungs- und Ausrückeordnung. Die feste Zuordnung Freiwilliger Feuerwehren zu einem Löschzug wird dann aufgeweicht, wenn eine Löschgruppe aus dem Nachbarzug vielleicht einen kürzeren Weg zum Einsatzort hat. Aber auch die Zuordnung einzelner Feuerwehrleute zu ihrer Löschgruppe wird durchlässiger. Wenn zum Beispiel ein Feuerwehrmann aus Hemmerde seinen Beruf in Massen ausübt, kann er sich im Einsatzfall auch den Löschgruppen im näheren Umfeld anschließen. Auf Wunsch bekommen diese Kameraden dann sogar eine zweite Ausrüstungsgarnitur, die sie am Arbeitsplatz deponieren können.

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