Festnahme in Unna bringt Wendepunkt für drogensüchtige Diebin

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Panische Angst vor geschlossenen Räumen: Auf der Flucht vor der Polizei und von ihrer Drogensucht getrieben, beging eine 42-Jährige eine Reihe von Diebstählen in Unna und Umgebung.

von Sylvia Mönnig

Unna

, 30.07.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn von einer schweren Kindheit die Rede ist, provoziert das regelmäßig Kopfschütteln, Empörung oder im besten Fall ein mildes Lächeln. Zu oft, so der öffentliche Verdacht, wird diese Behauptung als Rechtfertigung für Straftäter genutzt. In diesem Fall war es anders.

In frühen Jahren wurde sie bereits durch Missbrauch traumatisiert, Suizidgedanken gehörten zu ihrem Alltag und mit zwölf Jahren konsumierte sie das erste Heroin. Vertreiben konnte das die Dämonen nicht. Und trotzdem blieben Drogen ständiger Wegbegleiter der 42-Jährigen. Die Sucht ließ sie straffällig werden. Ab 2006 saß sie regelmäßig auf den unterschiedlichsten Anklagebanken.

Letztlich stand eine Haftstrafe an und da sie die nicht antreten wollte, tauchte sie ab, lebte auf der Straße und beging Ladendiebstähle, um ihre tägliche Ration Drogen zu finanzieren. Ende Mai 2019 verschlug es sie nach Unna, wo sie in einer Drogerie an der Bahnhofstraße drei Flaschen Parfüm klaute, um ihre Beute zu verkaufen. Darüber hinaus wurde sie bei sechs Ladendiebstählen in Dortmund erwischt. Dann klickten die Handschellen.

„Für mich war klar, wenn ich in Haft komme, bringe ich mich um.“
Die Angeklagte

Diese Taten räumte sie nun im Prozess vor dem Unnaer Schöffengericht sofort ein. Die Erinnerung an diese Phase setzte ihr sichtlich zu: „Für mich war klar, wenn ich in Haft komme, bringe ich mich um.“ Zu groß sei ihre Furcht vor geschlossenen Räumen gewesen. Etwas, das aus den Erfahrungen in ihrer Kindheit resultiere. Doch genau diese Festnahme sorgte für Veränderungen, mit denen sie selbst am wenigsten gerechnet hätte.

„Ich möchte endlich einmal normal und glücklich leben.“
Die Angeklagte

Sie erhielt Medikamente, wird substituiert, plant eine Drogentherapie. Auch will sie den Kindheitserfahrungen mit einer Traumatherapie begegnen. „Ich muss im Nachhinein sagen, wenn ich nicht verhaftet worden wäre, würde ich nicht mehr leben.“ Auch lernte sie auf der Flucht ihren Verlobten kennen. Ihm verschwieg sie zunächst vieles. Nach der Festnahme wisse er nun alles – und halte dennoch zu ihr. „Ich fühle mich geborgen. Zum ersten Mal in meinem Leben.“ Nicht zuletzt auch deshalb wolle sie ihre Sucht und ihr Trauma bewältigen. „Ich möchte endlich einmal normal und glücklich leben.“

Die einzelne Tat in Unna wurde schließlich mit Blick auf die sechs verbleibenden Vorfälle in Dortmund eingestellt. Auch ging das Gericht von verminderter Schuldfähigkeit im Tatzeitraum aus. Unter Einbeziehung einer alten Strafe wurde sie zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Die Verbüßung dieser Strafe kann zugunsten einer Entzugstherapie zurückgestellt werden. Schöffenrichter Jörg Hüchtmann zollte der 42-Jährigen Respekt für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit. „Eine solche Einsicht sehen wir hier selten.“ Das Urteil wurde umgehend rechtskräftig.

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