Landrat Michael Makiolla (r.) überreichte als eine seiner letzten Amtshandlungen im Beisein von Bürgermeister Werner Kolter das Bundesverdienstkreuz an den Vielfach-Ehrenamtler Hermann Strahl. Er wurde unter anderem von seiner Frau Gudrun zur Ordensverleihung begleitet. © Udo Hennes
Hermann Strahl

Ex-Staatsfeind bekommt höchsten Orden des Staates: Verdienstkreuz für Multi-Ehrenamtler

Für ehrenamtliches Engagement erhält Hermann Strahl das Bundesverdienstkreuz. Das kann auch als Entschuldigung des Staates verstanden werden an einen Menschen, den der Staat einmal aussortieren wollte.

In Unna ist das Verdienstkreuz am Bande verliehen worden an den vielleicht umtriebigsten Ehrenamtler der Stadt. Hermann Strahl vernetzt und begeistert seit vielen Jahren Menschen, um gemeinsam die Gesellschaft besser zu machen. Vor 40 Jahren allerdings hätte wohl niemand vermutet, dass dieser Mann einmal den höchsten Orden des Staates erhalten würde. Denn der Staat wollte ihn kaltstellen.

Gekündigt nach Teilnahme an Demo

Politisch aktiv hieß für Hermann Strahl in den 1970er-Jahren noch politisch radikal. Als der Maoist auf einem Zeitungsfoto von einer Demonstration erkannt wurde, war es mit seinem Posten als stellvertretender Leiter der VHS in Bergkamen vorbei. Er verlor seine Stelle. Es war die Zeit des Radikalenerlasses.

Dass Strahl nun das Verdienstkreuz am Bande verliehen bekommt, sei ein „wichtiges politisches Signal“, sagte Landrat Michael Makiolla am Freitag im Kreishaus bei der kleinen Verleihungszeremonie. Es habe in der alten Bundesrepublik bis mindestens 1980 politische Verfolgung Andersdenkender gegeben. Nun, so Makiolla, sei es für ihn nicht nur eine persönliche Freude, sondern auch „eine große politische Genugtuung, als offizieller Repräsentant dieses Staates im Auftrag unseres Staatsoberhauptes ausgerechnet Hermann Strahl mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen zu dürfen“.

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Bundesverdienstkreuz für Hermann Strahl

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Strahl selbst sieht sein damaliges politisches Handeln heute kritisch. Sektiererisches, abgeschottetes politisches Tun sei gefährlich, sagte er. Und seine Entlassung seinerzeit sei auch eine Chance gewesen, auf Schlosser umzuschulen und in dem Beruf zu arbeiten – „eine Lebenserfahrung, die wirklich toll ist“. Pech, aber vor allem viel Glück im Leben hätten ihn dorthin gebracht, wo er heute ist.

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Bildergalerie Hermann Strahl und seine Projekte

Mitgründer der Grünen in Unna

Und er ist an vielen Stellen. Zu den 50 Jahren kommunalpolitischer und sozialer Aktivität gehörte die Mitgründung der Grün-Alternativen Liste (GAL) in Unna. Diese frühen grünen Jahre wirken bis in die Gegenwart. Die heutige Grünen-Sprecherin Claudia Keuchel berichtete in ihrer Rede von ihrer persönlichen Freundschaft zu Hermann Strahl und seiner Familie. Er habe sie schon in ihrer Jugend politisch geprägt und sei seitdem ein kluger und humorvoller Begleiter. Inzwischen Grünen-Mentor im Hintergrund, war Strahl dennoch auch in diesem Jahr so aktiv als Wahlkämpfer, wie es ging.

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Vernetztes Ehrenamt auch als „Alzheimerprophylaxe“

Strahl macht im Forum Generationen Unna mit seit dessen Gründung und ist dabei auch die treibende Kraft vor allem intensiver Vernetzung. Dass es so viele Möglichkeiten und Mitwirkende gebe, schätze er auch an Unna, sagt er selbst. „Wenn man eine Idee hat, fallen einem gleich fünf Leute ein, die mitspinnen.“ Die Ehrenamts- und Ideenbörse oder Ausbildungspatenschaften sind solche Betätigungsfelder, bei denen die Projekte und die Hilfsbedürftigen ebenso profitieren wie die ehrenamtlich Tätigen. „Wer kein Ehrenamt hat, verdooft auch“, sagt Strahl. Engagement sei Alzheimerprophylaxe, ist einer der vielen Aussprüche, die man von dem begeisterten Wortakrobaten kennt.

Das Fahrrad als Umwelt- und Sozial-Hilfe

Er schraubt gern an Wörtern, mit Werkzeug umgehen kann er aber auch. Strahl gehört selbst zur Schraubertruppe, die in einer Werkstatt hinter der Grünen-Zentrale Spontun gespendete Fahrräder herrichtet. Sie werden dann an Flüchtlinge abgegeben, die in Unna eine Heimat gefunden haben. Dies ist ein weiterer Beitrag zur Förderung sozialer Minderheiten. Strahl setze sich ein „für die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen, ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer sozialen und kulturellen Herkunft“, so Landrat Makiolla. Nebenbei ist das Projekt Flüchtlingsräder ein Beitrag zur Verkehrswende, die Hermann Strahl als begeisterten Radler und Mitgründer des ADFC im Kreis Unna umtreibt.

Sichtlich Freude bereitete dem frisch „bekreuzigten“ Ordensträger ein Spalier einer ADFC- und Grünen-Mitstreiter vor dem Kreishaus.
Sichtlich Freude bereitete dem frisch „bekreuzigten“ Ordensträger ein Spalier einer ADFC- und Grünen-Mitstreiter vor dem Kreishaus. © Udo Hennes © Udo Hennes

Bürgermeister Werner Kolter machte in seiner Lobrede kein Geheimnis daraus, dass er nicht immer einer Meinung mit dem Ratspolitiker Strahl war. Dessen Stärke aber sei es immer gewesen, Menschen dazu zu bringen, ihre eigene Position noch einmal zu überdenken, mit fruchtbaren und positiven Gesprächen.

Bemerkenswert positive Lebenseinstellung

Positiv ist überhaupt die Lebenseinstellung, die Strahl offenbart, erlebbar besonders jetzt. Der 72-Jährige erholt sich gerade von einer schweren Erkrankung, die ihn sichtlich mitgenommen hat. Wer ihn nach seinem Befinden fragt, hört aber kein Jammern, sondern eher dies: „Es geht besser, aber ich muss noch an mir arbeiten.“ Weiter mit voller Kraft für seine Projekte da zu sein, ist sein Ziel. Und er wirbt verschmitzt dafür, seinem Beispiel zu folgen. So richtete er ganz nebenbei bei seiner Ordensverleihung sowohl an den scheidenden Landrat als auch an den ebenso scheidenden Bürgermeister den Appell, sich jetzt weiter zu engagieren. Ab dem 1. November hätten sie ja schließlich mehr Zeit.

Über den Autor
Redaktion Unna
Jahrgang 1979, stammt aus dem Grenzgebiet Ruhr-Sauerland-Börde. Verheiratet und vierfacher Vater. Mag am Lokaljournalismus die Vielfalt der Themen und Begegnung mit Menschen. Liest immer noch gerne Zeitung auf Papier.
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Thomas Raulf
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