Der 4. Juli 2019 war ein besonderer Tag in Massen-Nord: 74 Jahre nach dem Ende des Holocaust wurde an der Buderusstraße die Synagoge eingeweiht. Es ist ein Gebäude mit Geschichte - und eines, das seine Türen weit öffnet.

Massen

, 30.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Alexandra Khariakova kann es noch immer nicht so richtig fassen: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde „haKochaw“ strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie Besucher durch „ihre“ Synagoge führt. Seit dem 4. Juli 2019 ist das ehemalige evangelische Bodelschwingh-Haus an der Buderusstraße als Synagoge geweiht - und damit hat jüdisches Leben in Unna wieder ein Zuhause.

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Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

  • 120 Mitglieder hat die Jüdische Gemeinde im Kreis Unna aktuell. Den Gottesdienst besuchen aber auch viele Mitglieder anderer Gemeinden, so zum Beispiel zur Zeit aus Köln, weil die dortige Synagoge umgebaut wird.
  • Die Gottesdienste leitet die Rabbinerin Natalia Verzhbovska, die neben der Gemeinde „haKochaw“ in Unna auch noch eine jüdische Gemeinde in Köln und eine in Oberhausen betreut.
  • Die Gemeinde „haKochaw“ ist eine liberale jüdische Gemeinde. Das bedeutet, dass sie egalitär ist, also Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

Hell, freundlich, einladend: So präsentiert sich die Synagoge. Der Zaun, die Sicherheitsschleuse und die beiden Polizeiwagen vor der Tür sind zwar auch sichtbar, doch sie stehen für etwas, das leider notwendig, aber kein Widerspruch für die Offenheit der Synagoge ist. So drückt es Alexandra Khariakova aus, so will sie ihre Gemeinde verstanden wissen. „Wir sind ein offenes Haus, in dem jeder willkommen ist.“

Und man fühlt sich sofort willkommen, wenn man die Synagoge betritt. Die bodentiefen, farbigen Fenster, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren, tauchen den Versammlungsraum in ein stimmungsvolles Licht. „Hier ist es nie grau oder dunkel. Die Farben der Fenster sind immer zu sehen, selbst bei Dunkelheit“, freut sich Alexandra Khariakova.

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

Die bunten Fenster der Synagoge symbolisieren nicht nur die zwölf Stämme Israels, sie sorgen auch für eine schöne Farbgestaltung im Raum, wie hier bei der Einweihung im Juli 2019. © Udo Hennes

Besonders stolz aber ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde auf ein anderes Detail der Synagoge, das bei Dunkelheit erst seine volle Pracht entfaltet: Vor dem Thora-Schrank spannt sich ein Sternenhimmel unter der Decke. Gefühlt hunderte kleine Lichter strahlen wie Sterne vom Himmel - und es ist tatsächlich ein Himmelsbild, das sie darstellen. „Das zeigt die Konstellation der Sterne über Massen am 4. Juli 2019 um 11 Uhr - dem Zeitpunkt, an dem unsere Synagoge eingeweiht wurde“, erklärt Alexandra Khariakova.

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

Über dem Thora-Schrank leuchten die Sterne: Der Sternenhimmel zeigt die Sternenkonstellation über Massen am 4. Juli 2019 um 11 Uhr, jenem Zeitpunkt, an dem die Synagoge eingeweiht wurde. © Anna Gemünd

Diese Symbolkraft mögen die kleinen Besucher, die neulich erst zu Gast in der Synagoge waren, nicht erkannt haben; fasziniert waren sie dennoch: „Wir hatten Besuch aus der St. Katharina Kita in Unna und die Kinder haben hier auf dem Rücken gelegen und fasziniert in den Sternenhimmel geschaut“, erinnert sich Alexandra Khariakova lachend.

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

In den Flügeltüren des Thora-Schrankes sind auf Hebräisch die Namen der zwölf Stämme Israels geschrieben. © Anna Gemünd

Die Synagoge begreifbar machen - das funktioniert auch schon für die jüngsten Besucher. Sie können in einem Schrank im Eingangsbereich verschiedene Gegenstände des jüdischen Glaubens kennenlernen - und Fragen stellen. „Einmal kam die Frage von einem Kind, ob das Messer in dem Schrank für die Beschneidung wäre“, schmunzelt Alexandra Khariakova, die natürlich beruhigen konnte: „Das ist ein Messer zum Brotschneiden.“

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

Ein Schrank im Eingangsbereich der Synagoge zeigt Gegenstände, die zum jüdischen Glauben gehören. © Anna Gemünd

Humor und keine Berührungsängste - das zeichnet die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde aus. Wie sehr die Jüdische Gemeinde Teil des Lebens in Unna ist, spürt sie an vielerlei Begebenheiten. „Nach dem Anschlag in Halle haben wir einen ganz dicken Stapel Briefe von Kindern bekommen, das war beeindruckend“, sagt sie. Aber auch die Tatsache, dass im November nahezu jeden Tag zwei Gruppen durch die neue Synagoge geführt wurden und schon jetzt fast 20 Anfragen für 2020 vorliegen, freut Alexandra Khariakova.

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

Die Fenster des ehemaligen Bodelschwingh-Hauses sind als kunstvolle Wandbeleuchtung in die Synagoge integriert. © Anna Gemünd

Überall im Gebäude finden sich Spuren der Geschichte des Hauses: So sind die alten Fenster des ehemaligen Bodelschwingh-Hauses als kunstvolle Beleuchtung vor der Bibliothek zu finden. „Einige Teile der alten Fenster haben wir auch für unsere Spendentafel genutzt“, sagt Alexandra Khariakova. Die Tafel im Eingangsbereich nennt die Namen all jener, die 1000 Euro oder mehr an die Jüdische Gemeinde gespendet haben. Direkt darunter wurde der Grundstein des Bodelschwingh-Hauses eingelassen - auch hier ist die Verbindung zur Vergangenheit spürbar.

Ein offener Ort mit eigenem Sternenbild: Das ist die Jüdische Gemeinde „haKochaw“

Der Grundstein des ehemaligen Bodelschwingh-Hauses von 1958 wurde gut sichtbar in den Eingangsbereich der Synagoge integriert - direkt unterhalb der Tafel mit den Namen derer, die viel für die Synagoge gespendet haben. Ihre Namen sind auf Glasscheiben des ehemaligen Bodelschwingh-Hauses geschrieben. © Anna Gemünd

„Der Zaun ist nur eine äußere Grenze.“
Alexandra Khariakova, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde „haKochaw“

Überhaupt ist der Kontakt zu den anderen Glaubensgemeinschaften gut: Die Evangelisch-Freichristliche Gemeinde befindet sich nicht nur genau gegenüber der Synagoge, sie hat der Jüdischen Gemeinde während des Umbaus auch Büroräume zur Verfügung gestellt. Im katholischen Gemeindehaus St. Katharina und im evangelischen Melanchthon-Haus fanden die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde während der Bauphase Platz für ihre Gottesdienste - das Miteinander stimmt.

Das gilt auch für die Sonntagsschule, die in den Räumen der Synagoge stattfindet. Jeden Sonntag lernen hier rund 40 Kinder Logik, Russisch oder üben Theaterstücke ein. „Das sind jüdische Kinder, Christen und Muslime. Da geht es nicht um den Glauben, sondern um die Gemeinschaft“, sagt Alexandra Khariakova. Die Synagoge ist eben ein offenes Haus: „Der Zaun ist nur eine äußere Grenze.“

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