Als Eduard Dieks das alte Fachwerkhaus an der Kletterstraße zum ersten Mal sah, wirkte es wie ein Dornröschenschloss. Hinter zentimeterdicken Dornenranken wartete aber kein Dornröschen, sondern viel Arbeit.

Massen

, 08.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Eigentlich hatte sich Eduard Dieks nach der letzten Restaurierung eines Denkmalhauses fest vorgenommen, es nicht wieder zu tun. Doch dem 72-Jährigen juckte es bald schon wieder in den Fingern. Und als er den fast 220 Jahre alten Hofteil des ehemaligen Hueckschen Hofes an der Kletterstraße 13 sah, war es um ihn geschehen. „Die Sonne schien so wie jetzt auf das Haus, das mit drei Zentimeter dicken Brombeerranken und Knöterich total zugewachsen war. Dornröschen wäre vor Neid erblasst. Es sah aus wie ein Dornröschenschloss“, erinnert sich der Hobby-Denkmalrestaurierer. Als dann noch die Besitzerin des alten Hofteils ihm preislich entgegenkam, um das Denkmal zu erhalten, war es wieder geschehen um den ehemaligen Lehrer. „Der größte Fehler, den ich beim Restaurieren immer mache, ist, dass ich vorher nicht richtig darüber nachdenke, wie viel Arbeit das ist“, sagt er.

Eduard Dieks küsst in Massen eine Fachwerk-Perle aus dem Dornröschenschlaf

Noch ist das Haus an der Kletterstraße ein wenig heruntergekommen. Doch in Eduard Dieks Kopf ist das alte Fachwerk schon fertig restauriert. © Udo Hennes

Das sechste Fachwerkhäuser erwacht unter Dieks Händen zu neuem Leben

Das war schon 1990 so, als er mit dem Peuckmannshof sein erstes Fachwerkhaus in Angriff nahm. Dafür hat er sogar einen Fassadenpreis der Stadt bekommen, den es seit einigen Jahren zum Bedauern des Unnaers nicht mehr gibt. Der Huecksche Hofteil in Massen ist nun schon das fünfte Denkmalhaus und das sechste Fachwerk, das unter den Händen des fleißigen Ruheständlers zu neuem Glanz erwacht. „Ich habe mich schon immer gern mit alten Dingen beschäftigt“, sagt Eduard Dieks. Sein Vater sei Tischler gewesen und er selbst habe früher gern nebenbei Möbel restauriert. Seit seinem Ruhestand ist das Hobby mit den alten Dingen ein wenig gewachsen. Als Hobby will Dieks das Retten der heruntergekommenen Denkmäler aber nicht bezeichnen: „Es ist eine Lebensaufgabe.“

Eduard Dieks küsst in Massen eine Fachwerk-Perle aus dem Dornröschenschlaf

Arbeit hält fit: Der sportliche Ex-Lehrer demonstriert, wie früher das Heu von der Tenne auf den Heuboden gewuchtet wurde. Die Hölzerne Schiebeklappe dazu gibt es noch. © Udo Hennes

Durch Dornenranken und Knöterich gekämpft

Mit der Motorsäge hat er sich - nachdem man sich mit der Vorbesitzerin handelseinig war - den Weg durch die Dornenranken zum Hueckschen Hofteil erkämpft. Zehn Jahre lang hatte das Haus leer gestanden, nachdem die früher dort beheimatete Fahrschule aufgeben musste. „Eine alte Weide, 1,10 Meter dick, hatte direkt an der Außenwand gestanden und ihre Äste durch das Haus gebohrt. Dort war alles feucht und schimmelig“, erinnert sich Dieks. Die Weide musste er fällen. Auch Knöterich und Brombeeren mussten weichen. 80 Kubikmeter Gestrüpp hat er weggefahren. „Ein weiterer Container voll ist noch zu entsorgen“, sagt er. Biomüll, der dabei anfiel, als Dieks nach und nach die Perle darunter vom Urwald befreite. Obwohl - die „Perle“ - die existiert bisher nur in Dieks Kopf.

Eduard Dieks küsst in Massen eine Fachwerk-Perle aus dem Dornröschenschlaf

Die alten Gefache will Dieks von Lehm und Geflecht befreien und dann mit Mauerwerk aus weich gebrannten Ziegeln füllen. © Udo Hennes

Spätestens nach einer Woche hat Dieks im Geiste die Perle freigelegt

Denn da, wo er den künftigen Wirtschaftsraum schon sehen kann, guckt der Besucher bisher durch ein dickes Loch im Boden nach draußen. Wo eine alte Dusche und das Klosett aufgebockt der Dinge harren, soll künftig die Küche eingebaut werden. Und dort, wo der alte Lehm noch löchrig im Fachwerk hängt, sieht Dieks schon eine Füllung mit weich gebrannten Ziegelsteinen. „In die alte Tenne kommt das Esszimmer, mit Innenfenstern oben zu den Kinderzimmern, und hier kommen die Balken weg, damit Platz ist für die Glastüren zum Wohnzimmer - spätestens nach einer Woche weiß ich genau, wie das Haus aussieht, wenn es fertig ist“, sagt Dieks. Sogar die Möbel plant er im Geiste schon ein, weiß schon genau, wo die ebenerdige Dusche, Waschbecken und Toilette ihren Platz finden. „Oft werde ich wach und baue dann nachts um 3 Uhr im Kopf weiter“, so Dieks, der manchmal sogar dafür aufsteht, sich besonders gute Bau-Gedanken zu notieren.

Eduard Dieks küsst in Massen eine Fachwerk-Perle aus dem Dornröschenschlaf

Den Lehm sammelt Eduard Dieks sorgfältig, um ihn später als Putz für die Innenwände zu benutzen. © Udo Hennes

Die Historie

Altenteil der Wittwe Hueck

  • Der Huecksche Hof ist der älteste Hof Unnas, seine Geschichte lässt sich 500 Jahre zurückverfolgen. Vor 50 Jahren wurde der Hof nach Bad Sassendorf ausgelagert. Dort ist die Hofstelle heute ein Restaurant.
  • Eine alte Scheune des Hofes ist sogar Exponat des Freilichtmuseums Detmold. Dafür wurde die Scheune eigens in Massen abgebaut und in Detmold wieder aufgebaut.
  • Das 1800 erbaute Haus an der Kletterstraße 13 war ursprünglich Altenteil der Witwe Hueck. Großbauer Hueck hatte drei Söhne. Ende des 18. Jahrhunderts heiratete er nach dem Tod seiner ersten Frau eine mehr als 20 Jahre jüngere zweite Frau, mit der er noch einmal sieben Kinder hatte. Als der älteste Sohn aus erster Ehe früh an Auszehrung (also Krebs oder Tuberkulose) verstarb, erbte die Witwe Hueck das Recht, den Hof zehn Jahre lang zu verwalten. Ihre Anschrift lautete damals Witwe Hueck und Sohn, womit der damals noch lebende zweitälteste Sohn des Großbauern gemeint war. Diese Anschrift findet sich heute noch auf den Holzbalken des alten Hauses an der Kletterstraße 13, das die Witwe in dieser Zeit als Altenteil für sich erbaute.
  • Wie damals üblich, verfügte das Haus über einen Wohnteil (im Norden) und einen Teil mit Stallungen für das Vieh (im Süden). In der Hausmitte waren die Tenne und darüber der große Heuboden angeordnet.

3000 Stunden, bis das Dornröschen-Schloss wachgeküsst ist

Spätestens nach der Woche, wenn die Bauskizze im Geiste steht, weiß Dieks, wie viel Arbeit er sich erneut aufgeladen hat. 3000 Stunden, so schätzt er, werden es diesmal sein, bis der Huecksche Hofteil tatsächlich die Perle ist, die er schon sehen kann. Denn Dieks macht alles selbst - bis auf Elektrik, Wasser und Gas. Da will er sichergehen. Für ihn selbst bleibt genug Arbeit. Die alten Lehmgefache muss er vom wurmzerfressenen Geflecht befreien, das bisher den Lehm zwischen den Balken hält - oder eben auch nicht: „Teils fällt der Lehm schon von allein heraus.“ Den Lehm sammelt er, um ihn später als Innenputz zu verwenden. „Vorher kommt noch eine Holzfaserisolierung auf die Wände“, erklärt er. Das Dach stellt ebenfalls noch eine Herausforderung dar, muss es doch komplett neu gedeckt werden. Die alten Dielenbretter müssen aufgearbeitet werden, neue Fenster eingebaut und als Glanzstück der alte Rundbogen als Eingangstor zur Tenne erneuert werden.

Eduard Dieks küsst in Massen eine Fachwerk-Perle aus dem Dornröschenschlaf

Liebevolle Details: Diese Gründerzeit-Rosetten einer alten Kommode hat Dieks hat den neuen Treppenpfeiler genagelt, um diesem einen schönen Abschluss zu geben. © Udo Hennes

Gründerzeit-Rosetten einer alten Kommode zieren den neuen Treppenbalken

Mit wie viel Liebe zum Detail der Unnaer dies tut, zeigt sich schon jetzt an einem neuen Treppenpfosten. An den dicken Eichenbalken hat Dieks Gründerzeit-Rosetten von einer alten Kommode genagelt, die einen schönen Abschluss zur Decke bilden. In all dem noch herrschenden Chaos ein echter Hingucker und ein Vorgeschmack auf das, was in zwei Jahren hier zu sehen sein wird. „Mein letztes Projekt“, sagt der 72-Jährige. Doch dann runzelt er kurz die Stirn, grinst, und sagt: „Aber das habe ich letztes Mal auch schon gesagt.“ Was Dornröschen dazu meinen würde, ist jedenfalls klar: Mach‘ weiter und küss’ noch mehr solche schlafenden Perlen wach!

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