Sie kommen aus dem Iran, Afghanistan oder Syrien und haben Schlimmes erlebt: In der Spielstube haben die Flüchtlingskinder aus der EAE Massen für ein paar Stunden ihre Kindheit zurück. Ein Besuch.

Unna

, 03.02.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die „A‘s“ sind an diesem Tag knapp. Helga Linz und Jutta Fehling haben alles durchsucht, aber in den Beuteln mit den kleinen Buchstabenperlen findet sich einfach kein „A“ mehr. „Dabei sind die A‘s so begehrt, denn die meisten arabischen Namen haben irgendwo ein A“, erklärt Jutta Fehling. Armbänder aus Perlen, die den eigenen Namen zeigen, basteln – das ist gerade der große Hit in der Spielstube in Massen. Es ist ein Stück normale Kindheit für Kinder, deren Kindheit bisher alles andere als normal war.

Jetzt lesen

Weitere Betreuer gesucht

Spielstube freut sich über Verstärkung

Die Spielstube ist immer auf der Suche nach weiteren Betreuern. Wer Interesse hat, samstags von 15 bis 17 Uhr mitzuarbeiten, kann sich an Volker Risse wenden: VRisse@gmx.de

40 Kinder unter zehn Jahren. Das ist die Zahl, die Volker Risse im Vorfeld der aktuellen Spielstube bekommen hat. „Jeden Donnerstag bekommen wir von den Betreuern gemeldet, wie viele Kinder unter zehn Jahren sich momentan in der Erstaufnahmeeinrichtung befinden. Dann können wir ungefähr damit planen, wie viele zur Spielstube kommen“, erklärt Risse. Vor fast sieben Jahren hat er die Spielstube ins Leben gerufen, um den Kindern, die als Flüchtlinge in der EAE untergebracht sind, ein wenig Zeit zum Spielen zu geben. Seitdem haben er und seine Mitstreiter fast 300 Mal samstags die Türen der Spielstube geöffnet – und keine war wie die andere.

EAE Massen: In der Spielstube zählt nur der Moment

Bilder malen: Was banal klingt, ist für die Kinder aus der EAE oftmals ein seltener Moment, in dem sie einfach mal das tun, was Gleichaltrige ganz selbstverständlich jeden Tag machen. © Anna Gemünd

„Wie viele Kinder kommen, weiß man nie genau.“
Volker Risse

„Wie viele Kinder kommen, weiß man nie genau“, sagt Risse. Auch, welche Kinder kommen, ob bekannte Gesichter darunter sind, erfahren die Helfer erst, wenn die Türen der Spielstube sich öffnen. Denn zwischen der Zahl am Donnerstag und dem Termin der Spielstube am Samstagnachmittag kann immer noch ein Transfer stattfinden. „Die Kinder sind in aller Regel nur maximal zwei Wochen in der EAE. In dieser Zeit wird das Asylverfahren eröffnet. Dann werden sie und ihre Eltern zentralen Unterbringungseinrichtungen im Land zugewiesen.“

Für die Helfer in der Spielstube heißt das: Ein Kind, mit dem sie vergangene Woche noch gebastelt haben, kann in der nächsten Woche schon nicht mehr da sein. „Das ist natürlich einerseits schwierig, weil man nie auf etwas aufbauen kann“, schildert Risse die Situation, „gleichzeitig müssen wir aber unser Programm auch nicht groß ändern, denn es kommen ja immer neue Kinder.“

EAE Massen: In der Spielstube zählt nur der Moment

Helga Linz und Jutta Fehling (von links) basteln mit drei Mädchen aus der Erstaufnahmeeinrichtung Armbänder aus bunten Perlen. © Anna Gemünd

„Manchmal nehmen wir auch einfach nur in den Arm.“
Helga Linz

Wie stellt man sich auf Kinder ein, von denen man nicht weiß, wie lange sie noch da sind und die möglicherweise in den vergangenen Wochen schlimme Erfahrungen gemacht haben? Helga Linz ist seit über sechs Jahren dabei und weiß: „Manchmal nehmen wir auch einfach nur in den Arm.“ Zuwendung und Zeit – die Helfer wie Linz können nur ahnen, dass die Kinder dies nicht allzu oft bekommen haben, wenn sie sich teilweise monatelang auf der Flucht befunden haben.

Woher die Kinder kommen, was sie erlebt haben, welche Chancen sie auf Asyl in Deutschland haben – all das spielt hier keine Rolle. „Wir horchen die Kinder nicht aus. Aber manchen sieht man es an, dass sie traumatisiert sind“, sagt Helga Linz. Die gelernte Krankenschwester versucht dann, einfach da zu sein, im Moment. Denn auf den kommt es hier in der Spielstube an: der Moment, in dem Kinder einfach Kinder sein dürfen.

EAE Massen: In der Spielstube zählt nur der Moment

Georg Linz lässt sich zeigen, woher das Mädchen kommt, das an diesem Tag in der Spielstube zu Besuch ist. Zu diesem Zweck hängt eine Karte mit Fahnen aus aller Welt an der Wand. © Anna Gemünd

„In dem Alter sind sie doch so lernbegierig und könnten so vieles auf- und mitnehmen. Das ist Zeit, die man ihnen raubt.“
Volker Risse ärgert sich, dass die Kinder in der EAE nicht beschult werden

Eine große Karte an der Wand zeigt die Flaggen der Welt. Manchmal stehen die Kinder vor der Karte und zeigen mit dem Finger auf die Flagge ihres Heimatlandes. „So erfahren wir, woher sie kommen, manchmal auch, wo sie vielleicht vorher schon gewesen sind“, erzählt Jutta Fehling. Es gibt Kinder, für die ist Massen bereits die dritte Station, in Italien und Frankreich waren sie bereits in ähnlichen Einrichtungen. „Dann weiß man, dass sie wieder zurück nach Italien geschickt werden und gar keine Perspektive haben, hier zu bleiben“, sagt Volker Risse.

Die kurzen Momente in der Spielstube, in denen Perlenarmbänder, Puppen und der Tischkicker das Wichtigste sind, sind daher wertvoll. Doch Volker Risse ärgert es, dass die Kinder keinen Unterricht bekommen, während sie in der EAE sind. „In dem Alter sind sie doch so lernbegierig und könnten so vieles auf- und mitnehmen. Das ist Zeit, die man ihnen raubt“, findet Risse.

Umso wichtiger die Zeit, die die Helfer in der Spielstube ihnen schenken. Zumal die „A‘s“ wieder aufgestockt sind: „Wir haben aus den U‘s und V‘s einfach A‘s gemacht“, schmunzelt Helga Linz. Improvisieren und spontan reagieren, damit es für den Moment gut wird: Darauf kommt es in der Spielstube an.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Sturm und Regen
Volle Keller und umgestürzte Bäume: Unwetter fordert die Feuerwehr im Kreis erneut
Meistgelesen