Achtung bei der Probefahrt von E-Bikes: Ralf Ohrmann aus Unna bekommt es trotz Vorsichtsmaßnahme mit einem dreisten Fahrraddieb zu tun. Der 63-Jährige nimmt die Verfolgung auf – und kann eine kuriose Geschichte erzählen.

Unna

, 03.03.2020, 13:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die kuriose Geschichte über einen dreisten Fahrraddieb, eine nutzlose Provinzial-Versicherung und mühsame Polizei-Ermittlungsarbeit beginnt mit zwei Sätzen in einer Ebay-Kleinanzeige. „Verkaufe mein KTM mit ca. 1600 km. Das E-Bike ist sehr gepflegt und hat neu 3942 Euro gekostet“, schreibt Ralf Ohrmann aus Unna an einem Tag im Januar in das Internet-Verkaufsportal.

Der 63-jährige Familienvater will sich von dem weißen Mountainbike, Typ KTM Macina Lycan Fully, trennen, damit er auf ein tourentauglicheres Modell umsteigen kann. Er muss nicht lange warten, bis sich telefonisch ein Kaufinteressent meldet. „Wir haben uns für den 25. Januar, 16 Uhr, verabredet“, erzählt Ohrmann.

Steckbrief

Das gestohlene Fahrrad

  • Das weiße E-Mountainbike vom Typ KTM Macina Lycan Fully weiß 27,5 11 CX 5 wurde am Samstag, 25. Januar, gegen 16 Uhr, in der Siedlung am Kastanienhof gestohlen. Der Täter fuhr damit vermutlich über die Feldstraße davon. Hinweise an die Polizei unter Tel. 02303/921-0.
  • Der Verdächtige ist etwa 1,70 Meter groß, hager, rothaarig und trug zur Tatzeit Jeans und eine braune Jacke. Auffällig war ein Ohrring. Er sprach akzentfrei Deutsch.
  • Das Fahrrad hat einen weißen Rahmen (Rahmennummer KS51205044) und einen schwarzen Akku sowie orangefarbene Verzierungen auf Rahmen, Felgen und Sattel.
  • 264 Fahrräder wurden laut Kriminalstatistik 2019 in Unna gestohlen, im Vorjahr waren es noch 310.

Nachdem der Interessent an der Haustür geklingelt hat, geht der Verkäufer mit ihm zur Garage, wo das Pedelec-Mountainbike für eine Probefahrt bereitsteht. „Wir haben auf dem Weg zur Garage noch gefachsimpelt, und er hat erzählt, dass das Fahrrad für seine Frau sein soll“, sagt Ohrmann. Was dann passiert, schildert er so: Er stellt den Sattel ein, während der Kaufinteressent über dem Fahrrad steht, bereit zum Losfahren. „Da habe ich gesagt, gib mir deinen Personalausweis als Pfand, und da hat er schon Gas gegeben. Ich habe versucht, ihn am Sattel festzuhalten, weil das Rad keinen Gepäckträger hat, aber die Dinger haben so einen Antritt, da haste keine Chance.“

Wer hat den Dieb mit dem KTM Macina Lycan Fully gesehen?

Ohrmann rennt hinterher und muss mit ansehen, wie der Unbekannte locker davonsprintet: über die Kirschbaumallee, quer über die Kreuzung „Am Kastanienhof“, hinein in den Eibenweg. Dieser geht in einen Fuß- und Radweg über, der auf die Feldstraße stößt. Ohrmann sieht nur noch, wie der Dieb in rund 200 Meter Entfernung aus dem Blickfeld verschwindet und vermutlich Richtung Ahornstraße auf die Feldstraße abbiegt. „Ich bin hinterhergelaufen, aber da war nix mehr zu sehen.“

Der Bestohlene verwirft den Gedanken, mit dem Auto die Verfolgung aufzunehmen, weil das wohl aussichtslos ist. „Ich habe noch eine Viertelstunde gewartet, ob er vielleicht wiederkommt.“ Dann steigt Ohrmann doch ins Auto – ab zur Polizeiwache in Unna, wo er Anzeige erstattet. Er vermutet, dass der vermeintliche Kaufinteressent einen Komplizen hatte, der mit einem Transporter irgendwo wartete.

Nur sieben von 100 Fahrraddiebstählen aufgeklärt

Die Chance, dass Ohrmann sein Fahrrad wiederbekommt, sind wohl gering. Gerade einmal 7,16 Prozent der Fahrraddiebstähle wurden im vorigen Jahr aufgeklärt, wie aus der jetzt vorgelegten Kriminalstatistik 2019 für das Revier der Kreispolizei Unna hervorgeht. 1075 Fahrräder wurden als gestohlen gemeldet, 61 mehr als im Vorjahr.

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Die Kripo kontaktierte Ohrmann nach der Strafanzeige, und ein Sachbearbeiter zeigte ihm Fotos möglicher Verdächtiger. Der dreiste Fahrraddieb vom Kastanienhof, der Ohrmann einen falschen Namen nannte, aber von ihm gut beschrieben werden konnte, war darauf nicht zu sehen.

Der betrogene Unnaer erzählt sein kurioses Erlebnis jetzt einem Journalisten, weil er die Hoffnung hat, dass jemand sein Fahrrad irgendwo findet, und weil er andere Verkäufer warnen möchte. Zudem rät er, bei Probefahrten noch misstrauischer zu sein sowie die Bedingungen von Fahrradversicherungen genau zu studieren.

Ob das markante Rad irgendwo wieder auftaucht? Die Kriminalstatistik 2019 macht mit einer niedrigen Aufklärungsquote wenig Hoffnung.

Ob das markante Rad irgendwo wieder auftaucht? Die Kriminalstatistik 2019 macht mit einer niedrigen Aufklärungsquote wenig Hoffnung. © privat

Klau bei Probefahrt nicht versichert

Denn das Provinzial-Versicherungsbüro von Uwe Roesicke in Unna lehnte eine Regulierung des Schadens bei dem langjährigen Kunden ab. Der einfache Diebstahl von Fahrrädern ist in Ohrmanns Einbruchdiebstahl-Versicherung zwar mit bis zu 10.000 Euro abgedeckt und Trickdiebstahl mit bis zu 1000 Euro, aber der Schutz gilt unter anderem nur, wenn das Fahrrad abgeschlossen war oder ein Trickdieb sich unter Vortäuschung einer Verkaufsabsicht Zugang zur Wohnung verschafft. In diesem Fall aber hat sich der „Diebstahl jedoch nicht innerhalb der versicherten Wohnung verwirklicht“, heißt es in einem Ablehnungsschreiben vom 13. Februar.

Provinzial-Versicherung will Fall prüfen

Versicherungsmakler Uwe Roesicke verwies eine Presseanfrage an die Provinzial-Versicherung in Münster. Deren Sprecher Fabian Hintzler stellt in Aussicht, dass die hauseigenen Versicherungsjuristen den Fahrradklau bei der Probefahrt noch einmal unter die Lupe nehmen. „Wir lassen den Fall intern prüfen“, sagt er. „Grundsätzlich ist diese Art der Entwendung nicht versicherbar. Uns ist keine Versicherung bekannt, die solche Fälle absichert.“ Der Provinzial-Sprecher rät Fahrradbesitzern, vor Probefahrten einen Vertrag mit dem Interessenten abzuschließen.

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