Dietmar Platz ist seit über 20 Jahren im Sammelfieber. Elektrische Röhren aus aller Welt haben es ihm angetan. Das wertvollste Stück des Unnaers stammt aus der Kaiserzeit.

von Jennifer Freyth

Unna

, 28.09.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte Dietmar Platz nur seine Prüfung zum Amateurfunker ablegen. Die hat er bestanden. Doch beim Funken allein blieb es nicht. Denn über sein Hobby entfachte noch eine ganz andere Leidenschaft in dem 68-Jährigen: die Sammelleidenschaft. Elektrische Röhren, so weit das Auge reicht, zieren ein kleines Zimmer in seinem Haus in Hemmerde.

„Wenn ich mich einmal festgebissen habe, dann bin ich wie ein Terrier, dann will ich es auch wissen.“
Dietmar Platz, Röhrensammler aus Leidenschaft

In unzähligen Regalen reiht sich eine Röhre an die andere. Sie stehen auf Schränken, liegen in Koffern und Schatullen oder lagern in Kartons. Alle feinsäuberlich katalogisiert, versteht sich. „Sonst verliert man den Überblick“, sagt Platz mit einem Schmunzeln. Schließlich nennt er etwa 1000 Exemplare sein Eigen. Und zu jedem kann der Rentner eine spannende Geschichte erzählen. Dabei war es staubtrockene Theorie, durch die der Hemmerder auf die Röhre kam. Röhren und ihre Berechnung waren nämlich Bestandteil seiner Prüfung zum Amateurfunker. Schließlich kam eins zum anderen.

Röhren aus aller Welt

Ob Röntgenröhren, Vorläufer von Neonröhren, Radio- und Verstärkerröhren von Volksempfängern, Röhren in U-Booten und Panzern oder Röhren, ohne die Satelliten-Funk unmöglich wäre. Röhren aus Europa, aus den USA, aus Kanada, Russland und China, von 1898 bis heute – Dietmar Platz hat sie alle. Und er kennt sie alle. So gut, dass der Unnaer längt buchstäblich für alle Welt zum Röhren-Fachmann geworden ist. „Ich werde mittlerweile aus der ganzen Welt angerufen“, erzählt er. Die Leute fragen ihn, ob er spezielle Röhren in seinem Fundus habe – oder mit Informationen zu verschiedenen Exemplaren weiterhelfen könne.

Dietmar Platz schaut tausendfach in die Röhre

Mit der Prüfung zum Amateurfunker fing alles an. In einem kleinen Heftchen hat sich Dietmar Platz seinerzeit den ganzen Lernstoff zusammengeschrieben. Unter anderem die Berechnung von Röhren, die sein Interesse für Röhren weckte. © Jennifer Freyth

Das kann er in den meisten Fällen. „Ich verbringe viel Zeit mit Büchern, habe bergeweise alte Zeitschriften ab 1928“, sagt Dietmar Platz, der ehrlicherweise den Großteil aber dann doch im weltweiten Netz findet. „Wenn ich mich einmal festgebissen habe, dann bin ich wie ein Terrier, dann will ich es auch wissen“, gesteht er mit verschmitztem Lächeln. Und dann taucht der gelernte Schlosser, spätere Kaufmann und heutige Rentner mitunter auch mal von morgens bis abends in die Recherche ab. Übrigens auch für die Informationen, die er auf seiner Internetseite über seine neuesten Errungenschaften veröffentlicht. „Wenn man ein Hobby hat, sollte man es richtig betreiben und wissen, wovon man redet – und das nicht so larifari angehen“, sagt Platz.

Internetseite

Röhrensammlung zum Anklicken

  • Seine Sammlung bekommen nur die Wenigsten zu Gesicht. Dietmar Platz stellt seine Röhrensammlung Interessierten aber auch auf seiner Internetseite vor.
  • Den Großteil seiner Röhren stellt er dort nicht nur mit Fotos, sondern auch genauen Typenbezeichnungen sowie Hintergrundinformationen vor.
  • Vor allem in den USA ist seine Website gefragt: Im Schnitt 2000 bis 3000 Zugriffe verzeichnet Dietmar Platz pro Monat aus den Vereinigten Staaten. Insgesamt sind es fast doppelt so viele.

Zeitgeschichte zum Anfassen

Trotz intensivster Recherche kommt aber auch Platz manchmal nicht weiter, braucht auch der Fachmann mal Hilfe: Wie im Falle einer Röhre ohne Kennzeichnung. Eine Beschriftung ist für Sammler wie ihn ebenso wie die Funktionstüchtigkeit eigentlich ein Muss, um an jene spannenden Geschichten zu kommen, die der Unnaer so gern erzählt. Doch bei diesem Exemplar hat Platz eine Ausnahme gemacht. Wahrscheinlich, vermutet er, habe die Röhre dekorativ auf irgendwelchen Schreibtischen gestanden, wo sie über Jahre Tag für Tag auf Hochglanz poliert wurde – bis die Modellbezeichnung schließlich gänzlich verschwand. Nun hofft er in einschlägigen Foren auf Hinweise. Bei einer anderen Röhre hingegen ist Platz wieder bestens informiert: eine Röntgenröhre von 1902. „Eine der ersten überhaupt“, sagt er. Ein paar Regalbretter weiter unter thront ein modernes Exemplar aus der heutigen Zeit. Nicht nur der Größenunterschied lässt erahnen, was sich technisch in mehr als 100 Jahren getan hat. „Das ist Zeitgeschichte“, sagt Platz und gerät ob seines Hobbys regelrecht ins Schwärmen.

Rarität von unschätzbarem Wert

Wie groß seine Faszination ist, wird deutlich, als Dietmar Platz ein ganz besonderes Stück aus der Schatulle holt: eine Röhre aus der Kaiserzeit mit zwei Firmenstempeln. „Deutschland war damals führend bei der Röhrenproduktion. Es gab mehrere Firmen, die Röhren produziert haben. Kaiser Wilhlem II wollte es aber nur noch einer Firma überlassen“, erzählt Platz und holt das wertvolle Stück mit Baujahr 1918 heraus.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Dietmar Platz sammelt elektrische Röhren aller Art

Dietmar Platz hat ein ungewöhnliches Hobby: Der Amateurfunker sammelt Röhren in sämtlichen Größen und mit sämtlichen Funktionen.
27.09.2019
/
Dietmar Platz an seinem "Arbeitsplatz": Mit seiner Prüfung zum Amateurfunker fing alles an. © Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
Dietmar Platz inmitten seiner Kostbarkeiten. Seine Frau hat viel Verständnis für sein Hobby, setzt aber keinen Schritt in "sein" Zimmer.© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth
© Jennifer Freyth

Während auf der einen Seite der Sendetriode noch Telefunken geschrieben steht, ist auf der anderen Seite in großen Lettern AEG Glühlampenfabrik zu lesen. „Diese Röhre wurde genau am Tag der Umstellung produziert, sie stammt aus der Tagesproduktion von höchstens 25 Stück“, berichtet Platz und kann vor lauter Begeisterung kaum an sich halten: „Sie ist von unschätzbarem Wert, nagelneu und hat zwei Weltkriege überstanden. Davon gibt es heute auf der ganzen Welt vielleicht noch eine oder zwei Röhren“, schwärmt der 68-Jährige.

Gezielt gesucht und zufällig gefunden

Doch wie gelangt man an solche Raritäten? „Oftmals sind es Zufallsfunde“, gesteht Platz. Er findet aber auch Exponate durch seine Mitgliedschaft im Internationalen Radio- und Röhrenmuseum, wo Kostbarkeiten angepriesen werden. Aber freilich geht er auch gezielt auf die Suche. Mitunter auch ganz klassisch in bekannten Onlineauktionshäusern.

Dietmar Platz schaut tausendfach in die Röhre

Eine Röhre reiht sich an die nächste: Der Hobbyraum von Dietmar Platz steht voll mit unzähligen Röhren. © Jennifer Freyth

Inzwischen hat sich die Sammelleidenschaft des Unnaers sogar soweit herumgesprochen, dass Firmen ihm schon gezielt Röhren anbieten. Oder Amateurfunker-Kollegen, die entsprechende Nachlässe verwalten. Oder auch Technische Universitäten, die alte Röhren eigentlich entsorgen müssten, sie aber noch für erhaltenswürdig halten und deshalb lieber in gute Hände geben möchten. Und die sind ihnen bei Dietmar Platz mehr als gewiss.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Mühlhausen/Uelzen

Osterfeldschule: Eltern sagen Ja zur Boule-Bahn, solange sie keine Partytreffs anzieht

Meistgelesen