Meterweise Regale voller Akten, Fotos und Bücher: An Dr. Frank Ahlands Arbeitsplatz kann man sich schnell in Zeit und Raum verlieren. Der Besuch bei Unnas Stadtarchivar offenbart ungeahnte Schätze.

Unna

, 05.08.2019, 12:56 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den Aktenordner als „verstaubt“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung: Der Pappdeckel bröselt, die Deckblätter sind fast nicht mehr vorhanden und der Rost der metallischen Klammer hat sich auf den Seiten niedergelassen. Über 15 Jahre lang hat er in einer Pappkiste im Archivraum gelegen, vorher vermutlich mindestens ebenso lange schon an anderer Stelle auf sein Schicksal gewartet.

Zur Person

Das ist Dr. Frank Ahland

  • Frank Ahland, Jahrgang 1965, stammt aus Witten an der Ruhr.
  • Er studierte Geschichte, Soziologie und Sozialpolitik an der Ruhr-Universität Bochum. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Biografie des früheren Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Ludwig Rosenberg.
  • Bevor er Stadtarchivar in Unna wurde, arbeitete Ahland freiberuflich als Historiker und Autor, mit einem Schwerpunkt auf jüdische und Regionalgeschichte.

Der Inhalt: Akten von Polizei und Stadtverwaltung. Es gibt nicht wenige Menschen, die wenig Sinn darin sehen würden, solch‘ einen kaum lesbaren Überrest Geschichte für ein Archiv aufzubewahren. Anders Dr. Frank Ahland. Der 53-jährige ist seit einigen Monaten Unnas neuer Stadtarchivar - und Historiker. „Ein Historiker wirft nichts einfach so weg“, schmunzelt er.

Das Platzproblem im Stadtarchiv dürfte sich unter Ahlands Regie also vermutlich nicht verbessern. Dafür bringt Ahland, der kein gelernter Archivar ist, als studierter Historiker ein Interesse an den Schriftstücken und Bildern des Archivs mit, das schon jetzt erahnen lässt, dass sich Einiges im Stadtarchiv ändern könnte.

„Das Archiv muss wesentlich sichtbarer von Außen werden“, formuliert Ahland eines seiner Ziele. Was er meint: Im Archiv schlummern unzählige Dokumente, die nicht nur Stadt-, sondern auch Kultur- und Familiengeschichte erzählen - doch die wenigsten Menschen wissen davon. Bestes Beispiel: Das Gefallenenbuch von 1939.

Von wegen verstaubt: Diese verborgenen Schätze liegen im Stadtarchiv

„Kann wech“ - dass wirklich etwas entsorgt wird, kommt im Archiv eher selten vor. Ein Historiker wirft schließlich nichts einfach so weg. © Anna Gemünd

Belastete Straßennamen

Empfehlungen liegen in Kürze vor

  • Es ist ein Projekt, über das in Unna seit Jahren diskutiert wird: Sollten Straßen, die historisch belastete Namen tragen, umbenannt werden? Nach einem Ratsbeschluss war dem Stadtarchivar 2017 die Aufgabe zugefallen, dieses Thema zu bearbeiten. Die Schilder der Lersch-, Wagenfeld- und Sedanstraße sollten mit Zusatzinformationen versehen werden, die helfen, diese Namen in den historischen Zusammenhang einzuordnen.
  • Frank Ahland hat sich seit seinem Start in Unna mit der Lersch-, Wagenfeld- und Sedanstraße befasst und wird in Kürze Empfehlungen zu den beschlossenen Ergänzungsschildern abgeben.

Ein schwerer Deckel, der an den vier Ecken von Metall-Prägungen eingefasst ist, ziert das schwere Buch, das die Stadt mit Beginn des Zweiten Weltkrieges zu führen begann und das in geradezu liebevoll wirkender Detailarbeit alle Männer und (wenigen) Frauen mit Bild aufführt, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind.

„Dass jemand gezielt nach diesem Buch gefragt hat, habe ich bisher nicht erlebt“, sagt Ahland. Den eigenen Vater oder Großvater möglicherweise in einer Uniform mit Hakenkreuz auf den Bildern zu entdecken - vielleicht schreckt das auch viele Unnaer ab. Möglich aber auch, dass kaum jemand von der Existenz dieses sorgfältig geführten Buches weiß. Ein weiteres Buch, das die durch die Auswirkungen des Krieges und die Bomben gestorbenen Unnaer in Wort und Bild würdigt, wird im Vorwort der Gefallenenbuches erwähnt. Doch wo es sich befindet, vermag Frank Ahland nicht zu sagen.

„Ein Historiker wirft nichts einfach so weg.“
DR. FRANK AHLAND

Seit März ist er offiziell im Amt, seit Juni auf voller Stundenzahl. Sich über die fast 1500 Regalmeter Archivmaterial einen kompletten Überblick zu verschaffen, das hat der Historiker zugegebenermaßen noch nicht geschafft. „Aber ich tauche immer tiefer ein und stelle fest, dass es hier unglaublich viele spannende Dokumente gibt“, sagt Frank Ahland.

Neben den „klassischen“ Dokumenten eines Stadtarchivs wie Zeitungsbänden, Standesamturkunden und Fotomaterial lagern im Archiv auch Akten, zu deren Aufbewahrung die Stadtverwaltung für eine gewisse Zeit verpflichtet ist.

Von wegen verstaubt: Diese verborgenen Schätze liegen im Stadtarchiv

Alte Standesamt-Urkunden können viel erzählen: Die Unterschrift unter dieser Geburtsurkunde besteht aus drei „XXX“ - ein klares Zeichen dafür, dass der Unterzeichner offensichtlich Analphabet war. © Anna Gemünd

Lehrereinstellungen und Wohngeldanträge sind solche Fälle, für die das Archiv zum „Zwischenarchiv“ wird. „Nach Ablauf der Frist dürfen die Akten entsorgt werden“, erklärt Ahland, „aber ich gucke sie mir alle vorher an. Und da ein Historiker ja nichts einfach so wegwirft, reduzieren sich die Kisten des Zwischenarchivs auch nicht wirklich.

Von wegen verstaubt: Diese verborgenen Schätze liegen im Stadtarchiv

So ist es richtig: Die Bände stehen auf Regalböden einige Zentimeter über dem Boden. Die gefräßigen Papierfischchen haben so wenig Chancen, an die historischen Papiere zu kommen. © Anna Gemünd

Ungeliebte Gäste


Die Last mit den Papierfischchen

  • Dr. Frank Ahland freut sich über Besucher im Stadtarchiv - doch ungebetene Gäste hat er leider auch. „Papierfischchen sind ein echtes Problem für jedes Archiv“, weiß der Historiker.
  • Die kleinen Insekten sehen Silberfischchen sehr ähnlich. Während diese jedoch eine feuchte Umgebung bevorzugen und manchmal in Badezimmern zum Problem werden, lieben Papierfischchen eine trockene Umgebung und meiden das Licht; ihre bevorzugte Temperatur liegt zwischen 20 und 24 Grad Celsius. „Damit ist ein Archiv, wo eine trockene Lagerung der Akten wichtig ist, für sie ein toller Ort, zumal sie hier auch ihre Nahrung, nämlich Papier und Kartonagen finden“, erklärt Dr. Frank Ahland.
  • Er hat mehrere Fallen für die Insekten aufgestellt, setzt aber auch auf eine andere Lagerung der alten Papierbände. „Papierfischchen können an glatten Oberflächen schwer hochlaufen, deswegen ist es sinnvoll, die Regalböden der Metallschränke einige Zentimeter oberhalb des Fußbodens beginnen zu lassen“, sagt Ahland.
  • Da die meisten Regalböden derzeit allerdings auf dem Boden aufliegen, bedeutet dies noch viel Arbeit.

Warum es ihm so schwer fällt, Dokumente die augenscheinlich keine Bedeutung mehr für die Gegenwart haben, zu entsorgen, erklärt Frank Ahland an einem Beispiel: „Das, was wir heute über das Gesellschaftssystem im Mittelalter wissen, haben wir zu großen Teilen erst anhand von Steuerlisten und Zahlbüchern aus diese Zeit erfahren. Im Grunde sind Wohngeldanträge aus den 1990er-Jahren genau das Gleiche. Woher soll ich wissen, ob die Forschung in 100 oder 300 Jahren nicht genau diese Dokumente brauchen wird, um unsere heutige Gesellschaft zu verstehen?“

Zu welchem Dilemma das führen kann, wird deutlich, wenn Ahland verrät, wie viele Regalmeter Platz beispielsweise die aktuell zur Übertragung ins Archiv vorgesehenen Akten aus dem Steueramt in Beschlag nehmen würden: „Das sind 180 Meter. Das alleine ist schon die Hälfte des Platzes, den wir an Metern im Archivraum im Rathaus haben.“

Digitalisierung spielt eine zentrale Rolle

Angesichts der Platzprobleme, vor denen jedes Archiv steht, spielt die Digitalisierung von Dokumenten eine immer größere Rolle. Sie steht auch auf der Liste von Frank Ahland ganz oben. „Um in einem Archiv etwas recherchieren zu können, muss ich erst einmal wissen, welche Bestände dieses Archiv hat. Das wird derzeit auf der Homepage des Archivs nicht ersichtlich“, benennt Ahland eine der großen Baustellen, die er gerne angehen möchte. Die sogenannten „Findbücher“, in denen die Bestände des Archivs verzeichnet sind, stehen ganz klassisch in einem Schrank im Archiv selbst. Sie online zu stellen, würde für viele Hobby-Historiker, aber auch Studenten und Fachleute eine enorme Erleichterung bedeuten: Auf einen Blick ist sichtbar, was sich im Unnaer Stadtarchiv „versteckt“.

Geplant: Tag der offenen Tür und Handschriften-Lesekurs

Es wäre zugleich ein Schritt, mit dem das Stadtarchiv auch für die allgemeine Unnaer Bevölkerung sichtbarer würde. Dazu hat Frank Ahland noch weitere Ideen: Einen mit dem Ahnenforscherstammtisch gemeinsam organisierten Tag der offenen Tür und ein Lesekurs für alte Handschriften sind nur zwei Dinge, die dem neuen Stadtarchivar dazu durch den Kopf gehen. „Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass wir die lange Zeit sehr häufig erlebte Kultur der Geschenkzeitung wieder aufleben lassen“, hat Ahland noch eine Idee.

Dem Jubilar eine Zeitungsausgabe vom Tag seiner Geburt zu schenken - das wurde um die Jahrtausendwende häufig gemacht, hat mittlerweile aber nachgelassen, hat Ahland beobachtet. „Das ließe sich sicherlich hier gut umsetzen, dass wir die historische Seite hier abscannen und dann so etwas aufarbeiten, dass sie etwas historisch aussieht.“

Gegen ein Entgelt bekäme der Jubilar dann ein Stück persönliche Zeitgeschichte aus dem Unnaer Stadtarchiv - alles andere als verstaubt.

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