Die Synagoge wird erst zur Heimat, wenn der Stahlzaun überflüssig wird

Kommentar

Unna hat wieder eine Synagoge. Die jüdische Gemeinde und ihre Unterstützer haben Enormes geleistet. Was jetzt passieren muss, ist Aufgabe aller in der Gesellschaft. Ein Kommentar.

Unna

, 05.07.2019, 15:54 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Synagoge wird erst zur Heimat, wenn der Stahlzaun überflüssig wird

Die Eröffnung der Synagoge wurde mit einem Polizeiaufgebot begleitet. © Udo Hennes

Die letzte neue Synagoge Nordrhein-Westfalens wurde vor neun Jahren in Herford eröffnet. Dass in Unna nun wieder ein jüdisches Gotteshaus eröffnet wurde, darf die Unnaer zurecht mit Stolz erfüllen. Die jüdische Gemeinde, ihr Freundeskreis und viele weitere Unterstützer haben es möglich gemacht, dass dieses Bauprojekt erfolgreich umgesetzt wurde, dass darin jetzt jüdisches Leben gelebt und die Begegnung gefeiert werden kann.

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Video: Einzug der Heiligen Schrift in die Synagoge Unna

Das Engagement dafür darf aber jetzt nicht aufhören. Im Grunde fängt die Arbeit jetzt erst an. Und der schwerste Teil liegt noch vor uns. Wer die Einweihungsfeier erlebt hat, spürte viel Freude, an vielen Stellen aber auch Sorge. Ein Stahlzaun umgibt die Synagoge. Sie hat Sicherheitsglas und eine Eingangsschleuse. Die Verantwortlichen müssen damit rechnen, dass antisemitischer Hass theoretisch immer für irgendjemanden zur Triebfeder für Gewalt werden könnte. Im Kreis Unna erscheint diese Bedrohung gering. Aber diese Sicherheitsvorkehrungen nicht zu ergreifen, wäre ein schwerer Fehler. Dass sie nötig sind, fühlt sich einfach falsch an im 21. Jahrhundert.

Es ist nun die Aufgabe aller, dafür zu sorgen, dass jüdische Menschen sich uneingeschränkt sicher fühlen, dass der Stahl zu ihrem Schutz überflüssig wird. Erst dann ist die Synagoge eine echte Heimat.

Diese Arbeit für Toleranz und Weltoffenheit muss in Parlamenten, in Elternhäusern und Schulen geleistet werden. Sie muss in Medien und sozialen Netzwerken geleistet werden, in jedermanns Alltag. Hasskommentare und gefährliche Witze dürfen nirgendwo geduldet werden.

So kann dieses Land sein Grundgesetz leben: Menschen egal welcher Religion können ihre Tradition ohne Angst mit Leben füllen und zeigen.

Diese Freiheit und Sicherheit müssen Juden genauso spüren können wie alle anderen. Umgekehrt muss auch von allen, egal welcher Herkunft, Toleranz und Weltoffenheit erwartet werden.

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Die feierliche Einweihung der Synagoge ha Kochaw Unna

Ein historischer Tag: Unna feiert die Eröffnung der Synagoge.
05.07.2019
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In vier Himmelsrichtungen leuchtet der Davidstern. Unnas neue Synagoge ist fertig umgebaut. Am 4. Juli wurde sie feierlich eingeweiht.© Udo Hennes
Es begann mit dem Einzug der Heiligen Schrift in das neue jüdische Gotteshaus von der Buderusstraße aus.© Udo Hennes
Die Rabbinerin Natalia Verzhbovska und Kantor Paul Yuval Adam von der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld führten die Prozession an. © Udo Hennes
Ein erreifender Moment: 74 Jahre nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft ziehen jüdische Menschen in Unna in ein neues jüdisches Gotteshaus ein - begleitet vom Lied "Großer Gott wir loben Dich".© Udo Hennes
Zahlreiche Gäste aus Politik und Religion, aus den Rathäusern des Kreises Unna und aus vielen Teilen der Gesellschaft wohnten der Einweihung bei.© Udo Hennes
Für alle Männer galt es, eine Kippa zu tragen. Wer diese traditionelle jüdische Kopfbedeckung nicht selbst hat, konnte sich von der Gemeinde eine ausleihen.© Udo Hennes
Genauso selbstverständlich gehörte das Thema Sicherheit zu diesem Fest. © Udo Hennes
Die Polizei war mit mehreren Kräften vor Ort.© Udo Hennes
Wunderbare Eindrücke wie diesen schmälerten die Sicherheitsvorkehrungen allerdings kaum. © Raulf
Zurecht stolz trug die Gemeinde-Vorsitzende Alexandra Khariakova die Unnaer Tora in die Synagoge. Die zweite Schriftrolle...© Udo Hennes
...war ein Geschenk. Es stammt von Carla Gordon (r.) vom "Temple B'nai Sholom" in Quincy/Illinois (USA).© Udo Hennes
Die Tora gilt als Herz einer jüdischen Gemeinde. © Udo Hennes
Die Heilige Schrift und ihre Auslegung ist ein wesentlicher Teil des Gemeindelebens. Entsprechend würdevoll geht man in der Synagoge damit um. © Udo Hennes
Beide Schriftrollen haben nun ihren Platz im neu gestalteten Schrein. © Udo Hennes
Auf Hebräisch heißt er "Aron ha-Kodesch". © Udo Hennes
Die Einweihung wurde von Fotografen und Filmteams begleitet.© Udo Hennes
Rabbinerin Natalia Verzhbovska (l.) und die Gemeinde-Vorsitzende Alexandra Khariakova nahmen von Architekt Thomas Schmidt (l.) und Designer Matthias Hauke den symbolischen Schlüssel zum neu gestalteten Gebäude entgegen.© Udo Hennes
Allen Beteiligten war die Freude über dieses Ereignis und über die gelungene Gestaltung anzumerken.© Udo Hennes
Dazu gehörte auch Ina Scharrenbach. Die Bau- und Heimatministerin der NRW-Landesregierung vertrat ihren Chef. Ministerpräsident Armin Laschet sollte eigentlich zur Eröffnung kommen, war aber aufgehalten worden.© Udo Hennes
Vielleicht war das sogar eine glückliche Fügung: Die Kamenerin Scharrenbach kennt die jüdische Gemeinde im Kreis Unna und die Hintergründe des Synagogenbaus persönlich. Khariakova sagte, sie freue sich, dass Gottes Wege die Ministerin nach Unna geführt hätten.© Udo Hennes
Scharrenbach erzeugte Nachdenklichkeit, indem sie auf die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen hinwies. Und sie vermittelte den Stolz ihrer Regierung darüber, dass in NRW inzwischen die deutschlandweit größte jüdische Gemeinschaft lebt.© Udo Hennes
Und diese ist hervorragend vernetzt in der jüdischen Welt. Aus der Schweiz war Dr. Henry G. Brandt angereist. Er ist emeritierter Landesrabbiner und Ehrenvorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.© Udo Hennes
Die Stimme von Kantor Paul Yuval Adam aus Bielefeld trug wunderbar die jüdischen Liturgiegesänge vor. © Udo Hennes
Begleitet wurde der Gesang an der Orgel von Prof. Ralp Selig vom Abraham Geiger Kolleg in New York.© Udo Hennes
Abraham Lehrer ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. © Udo Hennes
Sonja Guentner ist Vorsitzende der European Union for Progressive Judaism und Vizepräsidentin des Weltverbands.© Udo Hennes
Carla Gordon von der befreundeten Gemeinde "Temple B'nai Sholom" reiste aus Illinois an. © Udo Hennes
Irith Michelsohn (l.) ist die Generalsekretärin der Union progressiver Juden in Deutschland.© Udo Hennes
Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, stand als Ehrengast für die heutige Verbundenheit der christlichen Kirchen mit jüdischen Gemeinden, ...© Udo Hennes
...ebenso Propst Andreas Coersmeier, Domkapitular vom Erzbistum Paderborn.© Udo Hennes
Werner Kolter durfte als erster Nachkriegs-Bürgermeister in Unna eine Synagoge mit eröffnen. Die Stadt Unna zählt zu den Unterstützern des Bauprojekts. Es sei "fester Ausdruck gewünschten und gewollten jüdischen Lebens in Unna", so Kolter.© Udo Hennes
Die Festgäste füllten die Stuhlreihen...© Udo Hennes
...und erlebten ein modernes Gotteshaus, das die jüdischen Traditionen aufnimmt. Die Farben der Fenster repräsentieren die zwölf Stämme Israels.© Udo Hennes
Auch der Sternenhimmel hat eine Bedeutung: Die Lämpchen stellen die Sternenkonstellation am 4. Juli 2019 um 11 Uhr dar - betrachtet von Unna aus in Richtung Jerusalem.© Udo Hennes
Peter Schwab, Leiter der Kreispolizeibehörde Unna, mit seinem Dienstherrn, Landrat Michael Makiolla, und Wilhelm Kleimann, dem scheidenden Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Unna - und in ihrer Mitte Alexandra Khariakova. Die jüdische Gemeinde und die Polizei pflegen eine enge Partnerschaft, weil es leider notwendig ist.© Udo Hennes
Man kennt und schätzt sich aber vor allem auch gut persönlich, ...© Udo Hennes
... wie diese Bilder zeigen.© Udo Hennes
Der Toraschrein war ein beliebtes Fotomotiv.© Udo Hennes
Und mit einem Empfang im Garten ließen die Gäste die Einweihungsfeier ausklingen. Die Synagoge ist vor allem ein Haus der Begegnung, "Beit Knesset" auf Hebräisch.© Udo Hennes
Es gibt Tage im Lauf eines Stadtlebens, die später in Geschichtsbüchern stehen werden. Der 4. Juli 2019 ist so ein Tag: In Unna hat jüdisches Leben wieder eine Heimat. Eine Synagoge.© Udo Hennes

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