Überlegungen, der Stadtkirche aus Kostengründen ihre „Krone“ zu nehmen, scheinen viele Menschen betroffen gemacht zu haben. Die Gemeinde ruft nun zu einem Kraftakt auf, um die Sparvariante zu vermeiden.

Unna

, 28.06.2019, 16:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stadtkirche ist ein weit sichtbares Erkennungszeichen Unnas und prägt das Bild der historischen Altstadt. Markant ist sie durch ihre Turmbalustrade, von der bis zum Sturmschaden Anfang 2018 vier Eckfialen und vier zu „Höllenhunden“ geformte Wasserspeier abstanden. Die Sanierung dieser Gestaltungsmerkmale ist teuer – und natürlich ginge es auch viel einfacher. Ein Szenario, in dem die Balustrade verschwinden würde und der Turmhelm bis über das Mauerwerk gezogen wird, stößt in Unna aber auf viel Ablehnung.

Pfarrerin betont: Gewollt ist die Sparlösung nicht

So zumindest fasst Pfarrerin Renate Weißenseel ihren Eindruck von dem Meinungsbild zusammen, den sie zuletzt in Gesprächen gewonnen hat. Die Geistliche stellt klar: „Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit den Schäden umzugehen, und die müssen natürlich auch beschrieben werden. Gewollt ist die Lösung ohne die Fialen aber nicht!“

Doch Weißenseel betont auch, dass ein noch größeres Engagement der Allgemeinheit nötig sein wird, um den Turm in seiner bisherigen Form erhalten zu können. Den Kostenunterschied zwischen einer originalgetreuen Wiederherstellung und der Sparvariante gibt der Kirchenkreis Unna mit etwa 300.000 Euro an. Und ob mit oder ohne Balustrade: Zurzeit fehlt der Kirche immer noch Geld für die Sanierung.

Wie schlecht der Zustand des über 550 Jahre alten Kirchturms ist, wurde im Nachgang des Sturmschadens deutlich, als Bausachverständige erstmals seit längerer Zeit einen genaueren Blick auf die Substanz warfen. Dass der Absturz einer Eckspitze Anlass bietet, auch die Befestigung der anderen Bauteile in der Höhe unter die Lupe zu nehmen, mochte seinerzeit als naheliegend erscheinen. Aber es fielen auch andere Dinge auf. Ein großer Teil der Mauersteine ist angegriffen, vor allem an der südwestlichen Ecke. Auch der Turmhelm muss erneuert werden. Seine Umhüllung aus Kupferplatten stammt aus den 1950er-Jahren, war im Sturm „Friederike“ an einer Stelle eingedrückt worden.

Die Stadtkirche kämpft für ihre Höllenhunde

Das Mauerwerk des Kirchturms ist zum Teil erheblich angegriffen. © Kirchenkreis Unna

Es fehlen noch 1,25 Millionen Euro - mindestens

Mit zunehmenden Schadensbefunden stiegen auch die geschätzten Kosten der Sanierung. Aktuell werden sie mit 3,5 Millionen Euro veranschlagt. Dabei spricht die Gemeinde von einem „ersten Bauabschnitt“. „Mitzuerleben, wie die Kosten steigen und steigen, war wirklich frustrierend“, erinnert sich Pfarrerin Barbara Dietrich. „Deshalb haben wir jetzt das Pferd von hinten aufgezäumt, die 3,5 Millionen Euro als Zielmarke gesetzt, um dann zu sehen, wie weit wir eigentlich bei der Sanierung kommen.“

Im Topf jedoch sind etwa 2,25 Millionen Euro. Eine Million Euro stellt der Kirchenkreis bereit, für 900.000 Euro gibt es Förderzusagen von Bund, Land und Kirchbaustiftung. Etwa 350.000 Euro sind bislang an Spenden eingesammelt worden. Es fehlen also auch bis zur derzeitigen Zielmarke noch 1,25 Millionen Euro.

Die Geistlichen aus der Stadtkirchengemeinde hoffen auf ein verstärktes Engagement der Unnaer Gesellschaft, also auf mehr Spenden. Denn die Stadtkirche sei nicht nur ein Gotteshaus der Gemeinde, sondern auch ein Teil der Stadt. Für eine Gemeindeversammlung am kommenden Montag, 1. Juli, lädt die Kirche ausdrücklich auch Nicht-Mitglieder ein.

Aufruf zum Spenden

Als Gedanken über eine Sanierung in der Sparvariante ohne Balustrade, Fialen und Höllenhunde aufkamen, soll die Reaktion mancher Unnaer sehr emotional gewesen sein – und manchmal auch schädlich für die Sache. Architektin Gerti Volkery berichtet, dass ein bis dahin treuer Serienspender ihr gegenüber angekündigt habe, seinen Dauerauftrag zu löschen. „Er sagte: Wenn ihr die Spitzen abnehmen, dann zahle ich nichts mehr. Dabei wollen wir das doch gar nicht – im Gegenteil.“ Und so hofft auch die Architektin, dass die drohende Minimallösung die Unnaer nicht etwa vom Spenden abhält, sondern sie dazu motiviert, bei der Sanierung der Kirche mit am Strang zu ziehen.

Die Gemeindeversammlung am Montag soll auch jenen, die sich bislang weniger mit der Situation der Kirche befasst haben, einen aktuellen Sachstand geben. Die Architekten zeigen Pläne unter anderem einer Schadenskartierung, in der der Zustand eines jeden Steins im Mauerwerk des Kirchturms beschrieben ist.

Eine gute Nachricht gibt Gerti Volkery bereits vorab: Es gilt inzwischen als erwiesen, dass eine Instandsetzung der Turmspitze nach bisherigem Vorbild technisch möglich ist. Die noch montierten Fialen und Höllenhunde und natürlich auch die Balustradebrüstung können allesamt überholt und neu befestigt werden. Dafür würden sie zunächst vom Turm herabgelassen und dann am Boden bearbeitet.

Versammlung am 1. Juli

Die Sachstände zu Schäden, Lösungen und Kassenstand

Für Montag, 1. Juli 2019, lädt die Evangelische Kirchengemeinde Unna zur Gemeindeversammlung ein. Sie beginnt um 19.30 Uhr in der Kirche. Mit beteiligt sind die Architekten, die grafische Pläne zeigen, um das Ausmaß der Schäden zu beschreiben. Ausdrücklich lädt die Gemeinde nicht nur ihre Mitglieder ein. Denn die Stadtkirche sei nicht nur ein Gebäude mit religiöser Bedeutung, sondern ein wichtiger Teil der Stadt.

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