Die Ära König ist zu Ende und in der SPD macht sich Ratlosigkeit breit. Dass die Suche nach einem neuen Fraktionsvorsitzenden zur Herausforderung wird, muss aber niemanden überraschen. Eine Analyse.

Unna

, 02.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Geeigneten Kandidaten bescheinigt die SPD gerne den „sozialdemokratischen Stallgeruch“. Ihr bisheriger Fraktionsvorsitzender Volker König dagegen verströmte eine kräftige Note von „Boss“. Autoritärer Führungsstil, die unsolidarische Kündigung Bärbel Risadellis, Sexismusvorwürfe von Ingrid Kroll und ein poltriger Ton im Ratssaal setzten den 63-Jährigen so kräftig unter Druck, wie der äußerlich zur Schau gestellte Status an Glaubwürdigkeit kostete. Königs Eigenart, von sich selbst bisweilen in der dritten Person zu sprechen, sollte vielleicht selbstironisch wirken. Und doch ließ sie den Verdacht aufkommen: Der Mann meint das wirklich so. Seit Sonntagabend ist der König nicht mehr im Amt. Sein Erbe aber bereitet den Genossen Kopfzerbrechen. Denn über die Probleme hinaus, die die SPD zurzeit im Allgemeinen hat, hinterlässt König in Unna ein örtliches Trümmerfeld. Und diesen Scherbenhaufen zusammenzukehren, ist kein Leichtes.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Königs

Ein Bild, das Bände spricht: Nach dem Tod von Paul Raupach rückt Bärbel Risadelli als Huckepackkandidatin in den Stadtrat nach. Zuvor war sie hauptamtliche Geschäftsführerin im Büro der Ratsfraktion, bis König sie kurz vor Weihnachten 2015 feuerte. Die ehrenamtliche Zusammenarbeit klappte wenig überraschend auch nicht. Risadelli trat aus der Fraktion aus. © Marcel Drawe

Stellvertreter leiten Fraktion kommissarisch

Drei Stellvertreter leiten kommissarisch die SPD-Fraktion im Stadtrat: Bernd Dreisbusch, Anja Kolar und Michael Tietze. Dreisbusch ist „primus inter pares“, nach außen hin vorerst der erste Ansprechpartner. Politische Beobachter handeln ihn seit Langem als möglichen Nachfolger Königs: Dreisbusch war klug genug, sich an der Lagerbildung zwischen Königstreuen und Königsgegnern in der Fraktion nicht zu beteiligen. Mit seiner ruhigen, besonnenen Art wäre ihm am ehesten zuzutrauen, die Gemeinschaft in der SPD zu kitten. Und als Gewerkschaftssekretär hat Dreisbusch genau das, was dem pensionierten Polizisten König fehlte: eben jenen Stallgeruch einer Partei, die aus der Arbeiterbewegung entstanden ist und als Kämpferin für die Rechte der Beschäftigten galt. Problem ist nur: Dreisbusch ziert sich davor, direkt des Königs Platz einzunehmen.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Königs

Bernd Dreisbusch ist einer von drei Stellvertretern Königs, zurzeit „erster Ansprechpartner“ in der Fraktion. © Hennes

Es ist mehr als ein Kokettieren. Mag man die Arbeit eines Volker König vom Ergebnis und den gewählten Methoden her auch noch so kritisch bewerten, so kann man ihm eines doch zugute halten: Er hat viel Zeit dafür aufgebracht – zuletzt soviel, wie es eben nur ein Ruheständler zu leisten vermag. „Vormittags Präsenz zeigen im Rathaus, da würde mich mein Arbeitgeber daran erinnern, dass er mit mir einen anderen Vertrag hat“, sagt der Gewerkschafter Dreisbusch. Und das Problem der Vereinbarkeit von Politik und Beruf habe nicht nur er: „Alle, die für diese Aufgabe infrage kommen, sind beruflich eingebunden.“

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Königs

Bemüht habe er sich - das halten selbst Kritiker dem nun ausgeschiedenen Fraktionschef Volker König zugute. Das Bild zeigt ihn im Gespräch mit Bürgern bei einer Versammlung über die Zukunft der Bürgeramtsaußenstelle in Königsborn. © Sebastian Pähler

Bevor die SPD offiziell damit beginnt, Namen kursieren zu lassen, könnte es tatsächlich auch um die Suche nach neuen Modellen der Arbeitsteilung gehen. Und vielleicht gibt es am Ende nicht nur einen Nachfolger für Volker König, sondern eher eine Doppelspitze anstelle des bisherigen Eins-plus-Drei-Modells. Aber damit sind längst nicht alle Probleme umschifft.

Die Ortsvereine werden mitreden wollen

Streng genommen gibt es in Unna nicht nur eine SPD, sondern gleich vier. „Die Partei“, das ist nicht etwa der Stadtverband, denn er gilt in Unna eher als Arbeitsgemeinschaft der Ortsvereine. Es sind diese Mitglieder, die bestimmen wollen, wo es lang geht. Oberstadt, Königsborn (mit Afferde und Alte Heide), Massen und die vier Dörfer im Osten und Süden der Stadt bilden selbstbewusste Machtblöcke, die auch im Vorstand der Ratsfraktion repräsentiert sein wollen, woraus sich die Zahl von insgesamt vier Köpfen an der Spitze der Fraktion erklärt. Sie braucht nun nicht nur einen neuen Vorsitzenden, sondern nach dem Ausscheiden Königs auch einen neuen Königsborner im Fraktionsvorstand. „Ich will hoffen, dass wir uns nicht zu sehr darüber den Kopf zerbrechen müssen, dass jeder das bekommt, was ihm zusteht“, sagt der Oberstädter Bernd Dreisbusch. „Die SPD hat ja leider das Potenzial für so etwas“, räumt er ein.

König hat viel Schaden angerichtet

Ungeachtet von Arbeitsteilung und Stadtteilvertretung sollte der Nachfolger Volker Königs aber noch etwas mitbringen: ein guter Fraktionschef sein. Und das ist vielleicht die Herausforderung, die etwaige Aspiranten am ehesten einschüchtert, gerade weil König so kläglich daran gescheitert ist. Was der neue Mann, die neue Frau für dieses Amt mitbringen müsste – offiziell ist wenig zu hören dazu. Bernd Dreisbusch mag überhaupt nicht darüber reden, was noch verständlich erscheint, falls er selbst einmal an diesem Bewertungsprofil gemessen werden möchte. Der Stadtverbandsvorsitzende Sebastian Laaser formuliert es so: „Wir brauchen ein neues Gesicht, das die Fraktion anders nach außen darstellt.“

Wobei Laasers Bewertung von Königs Leistung in viereinhalb Jahren als Fraktionschef durchaus wohlwollend ausfällt. Der Rücktritt sei Königs eigene Entscheidung und keinesfalls von der Partei nahegelegt worden, stellt Laaser klar. Dass König in der Vergangenheit oft stark unter Druck gestanden habe, sei natürlich nicht wegzudiskutieren.

Sein Rücktritt kommt für viele zu spät

Über Grund und Anlass für Königs überraschende Rücktrittsankündigung wurde in der SPD jedenfalls viel spekuliert. „Dass wir das noch erleben“, meldete sich ein Parteimitglied aus Massen in der Redaktion zu Wort, als die Nachricht am 19. Juni die Runde machte – und brachte damit gleich zwei Dinge zum Ausdruck: Freude, aber auch Unglauben.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Königs

Oberstadt-Ortsvorsteherin Ingrid Kroll warf König nach einer lautstarken Maßregelung für ihr Stimmverhalten Sexismus vor. Weil ihr die öffentliche Entschuldigung auf der Internetseite der SPD nicht reichte, boykottiert sie seitdem die Fraktionssitzungen. © Lutz Kampert

Tatsächlich hat Volker König in den zurückliegenden Jahren mehrere Situationen überstanden, für die in anderen Fraktionen oder Städten ein Rücktritt fällig gewesen wäre. Ob Causa Risadelli oder der Macho-Vorwurf Ingrid Krolls – über eine öffentliche Entschuldigung auf der Internetseite war König nie hinausgekommen. Sollte ihm je der Gedanke gekommen sein, sich selbst zu opfern, um Schaden von der Partei abzuwenden, so hat er ihn halt nicht in die Tat umgesetzt. Aber auch von anderen Parteipersönlichkeiten kam dazu nichts: Bürgermeister Werner Kolter und MdB Oliver Kaczmarek wiesen auf alle Bitten um Einflussnahme stets darauf hin, dass die Fraktion ihre Probleme selbstständig lösen müsse. Sie tat es aber nicht. Öffentlich erweckte das den Eindruck, als ob die SPD ihren König frei gewähren ließe. Etliche Leserbriefe und Social-Media-Kommentare Unnaer Bürger enthielten die Ankündigung, nie wieder SPD zu wählen.

Bei der jüngsten Wahl nur 99 Stimmen mehr als die Grünen

Wie ernst solche Drohungen sind, steht belastbar erst nach einem Wahltag fest. Der jüngste brachte der SPD ein Debakel: 24,2 Prozent bei der Europawahl am 26. Mai. Gerade 99 Stimmen Abstand hatten die Sozialdemokraten in der einstigen Hochburg Unna noch vor den zweitplatzierten Grünen. Und König bekam noch ein weiteres Problem: Als Fraktionsmitglied Anne-Katrin Wienecke überraschend ihr Ratsmandat abgab, rückte ausgerechnet Königs Ehefrau Karin nach – ein Szenario, das sicherlich nicht beabsichtigt war, als Karin König als Wieneckes Huckepackkandidatin benannt wurde, das aber vielleicht doch weitere Angriffsfläche geboten hätte. Dass König mit seinem Rücktritt vielleicht einfach Druck von seiner Familie nehmen wollte, ist eine Theorie, die ihm sogar einige seiner Gegner zugutehalten. König selbst sprach übrigens nur ungenau von einem „guten Zeitpunkt, um Platz für neue und auf Sicht auch jüngere Köpfe zu machen“.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger des Königs

Die SPD bemüht sich darum, Sachthemen zu besetzen. Eine Podiumsdiskussion zum sozialen Wohnungsbau im Frühling war inhaltlich interessant, aber eher schlecht besucht. © Marcel Drawe

Sie haben nun einiges zu tun: Brücken bauen über die Gräben in der Fraktion, der SPD nach Jahren der Beschäftigung mit sich selbst ein inhaltliches Profil geben und dieses dann auch glaubwürdig nach außen darstellen. Wie dies gelingen kann, wird für die SPD in den kommenden Wochen und Monaten die entscheidende Frage sein. Die Frage, wer das machen kann, beantwortet sich vielleicht viel leichter. Streicht man von der Liste der SPD-Fraktionsmitglieder all jene weg, die sich in den vergangenen Jahren selbst verbrannt haben, bleiben gar nicht mehr so viele Namen übrig.

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