Gerade für alte Menschen kann ein Unfall oder eine akute Krankheit das selbstständige Leben beenden. Doch es geht auch anders: Geriatrie kann der Schlüssel sein zur Erhaltung der Lebensqualität.

Unna

, 23.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Ingrid Hüsing ist auch mit Mitte 70 noch beweglich und aktiv. Ihr Auto habe sie abgegeben, dafür sei sie nun viel zu Fuß unterwegs. „Ich habe alle Einkäufe mit dem Rucksack erledigt“, sagt die 76-Jährige. So war sie gut und selbstständig unterwegs - bis es passierte. Einer ihrer Rückenwirbel hielt dem Gewicht des mit Einkäufen voll gepackten Rucksacks plötzlich nicht mehr stand und brach. Mit starken Schmerzen kam die Unnaerin ins Evangelische Krankenhaus. Etwa vier Wochen später konnte sie es wieder verlassen - zurück in die eigenen vier Wände, der umfassenden Betreuung in der Geriatriestation sei Dank.

Fachabteilung mit 35 Betten

Die Geriatrie ist eine noch recht junge Disziplin. Genauer gesagt vereint die Altersmedizin, so lässt sich das Fremdwort übersetzen, mehrere Disziplinen. Und das ist auch schon wesentlicher Teil des Konzepts, sagt Dr. Heidi Silberg. Sie ist die leitende Ärztin der Geriatrie am Evangelischen Krankenhaus. Die Altersmedizin ist noch Teil der Klinik für Neurologie und gerade auf dem Weg zu einer eigenständigen Fachabteilung mit 35 Betten. Silberg steht als Chefärztin fest. Die Neurologin und Geriaterin leitet ein Team aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Ernährungs- und Diabetesberatern, Logopäden, Ergotherapeuten und Krankenpflegern. Auch Mitarbeiter des Sozialdienstes und der Krankenhausseelsorge sind wichtige Bausteine der geriatrischen Versorgung. Der Startschuss der Geriatrie am EK erfolgte im Herbst 2013. Unter Leitung des Neurologie-Chefarztes Prof. Dr. Zaza Katsarava wurde ein multiprofessionales Team aufgebaut.

Patienten ab 70 mit Vorerkrankungen

Dass sich unterschiedliche Fachleute um einen Patienten kümmern, hängt vor allem damit zusammen, dass ein geriatrischer Patient nicht nur ein Problem hat. „Alt“ ist eine völlig unzureichende Definition für einen geriatrischen Patienten. Dieser erfüllt drei Bedingungen, um von Silberg und Kollegen behandelt zu werden: Er oder sie ist über 70 und hat chronische Erkrankungen. Dann ereilt die Person zusätzlich eine akute Krankheit. Ein Beispiel: Eine 87-jährige Frau lebt allein ohne Pflege. Mit Gehstock ist sie mobil. Sie ist etwas vergesslicher geworden, leidet an einer Herz- und Nierenschwäche und an Gelenkschmerzen. Sie kann das aber alles gut kompensieren und kommt zurecht. Dann stürzt sie eines Tages und bricht sich den Oberschenkelhals. „Sie hatte Strategien entwickelt, um ihre Defizite auszugleichen“, erklärt Silberg. „Aber das funktioniert jetzt nicht mehr.“

Umfassende Untersuchung

Im Evangelischen Krankenhaus würde der Knochenbruch behandelt, aber nicht nur das. Diese Patientin würde frühzeitig in die Geriatrie übernommen und dort eine umfassende Untersuchung durchlaufen. Die verschiedenen Fachleute ermitteln unter anderem, wie gut oder schlecht die Patientin ernährt ist, wie ihr emotionaler Zustand und ihre Gedächtnisleistung sind. Dieses „Assessment“ soll die Schwächen und Stärken ermitteln. Das Ziel bestehe darin, dass der Patient möglichst wieder so selbstständig wird, wie er vor der akuten Krankheit war. So wird wieder am Beispiel der gestürzten 87-Jährigen frühzeitig bei der Pflege auf Aktivierung geachtet, Mediziner beugen Lungenentzündung und Mangelernährung vor. Die Frau bekommt eiweißreiche Kost zum Muskelaufbau, und ihre Krankheit wird auch psychologisch verarbeitet. Nicht selten folge auf einen solchen Sturz große Angst, erklärt Silberg. Angst wiederum kann dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung seltener oder nicht mehr verlassen. Soziale Isolation ist die Folge, möglicherweise eine Depression - ein Teufelskreis. Im Idealfall kann die ganzheitliche Betreuung in der Geriatrie das verhindern.

Die Geriatrie am Evangelischen Krankenhaus Unna sieht den ganzen Menschen

Entspannungstherapie wie hier in der Gruppe mit Angela Bien (r.) gehört zu den Angeboten im Rahmen des ganzheitlichen Therapieansatzes. © Borys Sarad

Patient und Angehörige gehören zum Team

Den Patienten übrigens sieht Silberg auch als wichtiges Teammitglied in diesem Prozess. „Wenn eine Patientin zum Beispiel gar nicht unbedingt wieder gehen möchte, aber liebend gern wieder stricken, dann schulen wir eben verstärkt ihre Feinmotorik“, sagt die Geriaterin. „Wir dürfen nicht aneinander vorbei arbeiten.“

Ebenfalls Bestandteil des Behandlungsteams seien die Angehörigen. Die geriatrische Behandlung im Krankenhaus dauere in der Regel 16 Tage. Was danach passiert, soll frühzeitig geklärt werden. Angehörige können dabei helfen, den Patienten wieder in sein gewohntes Umfeld einzugliedern, wenn das möglich ist.

Mehr Eiweiß essen und Tasche auf Rollen

Ingrid Hüsing war knapp vier Wochen nach ihrem Wirbelbruch wieder fast herunter von Schmerzmitteln. Ihre Vorerkrankung Osteoporose hatte den Bruch begünstigt, Muskelschwund aufgrund von Mangelernährung auch. Nun soll sie mehr Eiweiß zu sich nehmen - auch das ein Ergebnis der umfassenden Diagnostik in der Geriatrie. „Kräftige Muskeln sichern die Wirbelsäule“, erklärt Medizinerin Silberg. Ihre Patientin zeigte sich zuversichtlich, dass sie wieder gut zurecht kommt. Wenn sie einkaufen geht, will sie den Rucksack nun lieber stehen lassen. So etwas gibt es ja auch auf Rollen.

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