Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde hat sich den Himmel in ihr Gotteshaus geholt. Noch mehr aber würden sich die Gemeindemitglieder über Gäste freuen - denn das beeindruckende Gotteshaus lädt mit offenen Türen ein.

Massen

, 28.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Gotteshaus? Irgendwie mag man das nicht so recht glauben, wenn man vor der Kirche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Massen-Nord steht. Wie ein Wohnhaus, zugegebenermaßen mit einem recht beeindruckenden Eingang, wirkt das dreistöckige, lang gestreckte Gebäude. Tatsächlich ist es auch viel mehr als „nur“ ein Ort, an dem die Gemeinde ihre Gottesdienste feiert.

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Hinter der gläsernen Tür öffnet sich ein breiter Flur. Schon hier wird deutlich: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde nutzt mehr als einen Ort, um ihren Glauben zu leben. Mehrere Türen führen von dem gefliesten Flur ab; die größte führt jedoch erwartungsgemäß in das Kirchenschiff. Während es zuerst die schiere Größe des Raumes ist, die beeindruckt, schweift der Blick schnell nach oben.

Beten, Musizieren und Feiern unterm Himmelszelt: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde

Die Evangelisch-freikirchliche Gemeinde feiert ihre Gottesdienste unter einem blauen Himmel. Der besteht aus Akustikstoff und sorgt so dafür, dass die Predigten und die Musik im gesamten Kirchenschiff gut zu verstehen sind. © Anna Gemünd

Zahlen, Daten, Fakten

Das ist die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde

  • Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde wurde am 12. November 1990 gegründet. Viele ihrer Gemeindemitglieder sind Spätaussiedler, größtenteils aus Kasachstan. Die Lage des Gotteshauses in Massen-Nord erklärt sich mit der räumlichen Nähe zur ehemaligen Landesstelle für Spätaussiedler, der heutigen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.
  • Aktuell hat die Gemeinde 154 Mitglieder, die aus dem gesamten Kreis Unna stammen. Die meisten von ihnen wohnen in Unna oder Kamen.
  • Gute Kontakte zu den Nachbarn: Während das ehemals evangelische Bodelschwingh-Haus direkt gegenüber der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde zur Synagoge umgebaut wurde, stellte die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde der Jüdischen Gemeinde Büroräume in ihrem alten Gebäude an der Buderusstraße zur Verfügung.

Dort, unter der hohen Decke des Kirchenraumes ist der leuchtend blaue Himmel samt Wattewolken zu sehen. Über die gesamte Länge des Kirchenschiffes zieht sich dieser realistisch anmutende Anblick - ein echter Hingucker, auf den die Gemeinde stolz ist. „Das war ein bisschen so unser Herzenswunsch, dass wir das realisieren“, sagt Anatoli Reder, einer der zwei Ältesten der Gemeinde, „als Christ sehnt man sich nach dem Himmel. Da lag es nahe, den Himmel abzubilden.“

Und dieser Himmel hat sogar noch eine besondere Bewandtnis: „Die Decke besteht aus Akustikstoff, dadurch haben wir in unserer Kirche eine so gute Akustik. Das ist besonders für die älteren Besucher sehr gut“, erklärt Anatoli Reder. Er gehört zu den Jüngeren in der Gemeinde, die nach und nach mehr Verantwortung übernehmen. Ein Leitungsgremium aus zwei Ältesten und derzeit vier Diakonen führt die Gemeinde, die sich als eingetragener Verein aus Spenden finanziert.

Das scheint gut zu funktionieren, wie das beeindruckende Gotteshaus an der Buderusstraße beweist. „Das haben wir bis auf die Facharbeiten alles in Eigenleistung gebaut“, sagt Reder. 2007 begann die Gemeinde mit dem Bau, 2010 wurde das neue Gotteshaus eingeweiht. Wer ein so großes Gotteshaus baut, muss eine wachsende Gemeinde sein - der Gedanke liegt nahe. Antoni Reder wägt ab: „Wir haben dieses Haus im Glauben gebaut, dass unsere Gemeinde stetig weiter wachsen wird. Das tut sie.“ Einen Mitgliederboom gibt es nicht, aber die Gemeinde hat aktuell 154 Mitglieder aus dem gesamten Kreis Unna.

Beten, Musizieren und Feiern unterm Himmelszelt: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde

Einen eigenen Spielraum für Kinder gibt es im Gotteshaus der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde auch - mit Blick in das Kirchenschiff. © Anna Gemünd

„Wir wollen nicht nur für uns leben; unsere Gemeinde ist ein offener Ort, an dem jeder herzlich willkommen ist.“
Anatoli Reder, einer der zwei Ältesten der Gemeinde

Die Wurzeln der im November 1990 gegründeten Gemeinde liegen in der ehemaligen Landesstelle für Spätaussiedler begründet. „Die meisten unserer Gemeindemitglieder stammen aus Kasachstan und sprechen Russisch“, erzählt Anatoli Reder. Bis vor einigen Jahren wurde daher auch die Gottesdienste noch auf Russisch gefeiert, bis man plötzlich merkte, dass die eigenen Kinder davon nichts mehr verstanden.

„Gerade wir Jüngeren sind mittlerweile so sehr in der deutschen Sprache verwurzelt, dass es eigentlich klar war, dass unsere Kinder einen Gottesdienst auf Russisch gar nicht mehr verstehen“, sagt Reder. Also änderte man die Sprache: Fortan wird auf Deutsch Gottesdienst gefeiert; es gibt Übersetzer für Russisch, Englisch und manchmal auch Arabisch, wenn Flüchtlinge aus der Erstaufnahmeeinrichtung zu Gast sind.

Beten, Musizieren und Feiern unterm Himmelszelt: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde

Der Glaube daran, dass die Bibel aktuell ist, ist fester Bestandteil des Glaubens der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde. © Anna Gemünd

Im Mittelpunkt des Glaubens der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde steht Jesus Christus. „Mit ihm steht und fällt alles. Und wir glauben, dass die Bibel aktuell ist“, erklärt Anatoli Reder seinen Glauben. Einen klassischen Priester, der die Gottesdienste leitet, gibt es nicht. „Unsere Gottesdienste sind sehr musikalisch. Wir haben eine Band, die die Feiern musikalisch vorbereitet. Die Predigten halten dann wechselnde Gemeindemitglieder.“

Beten, Musizieren und Feiern unterm Himmelszelt: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde

Anatoli Reder, Denis Brandt und Wadim Aab (von rechts) im Jugendraum der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde. Hier treffen sich regelmäßig 15 bis 20 Jugendliche - nicht nur, um über den Glauben zu sprechen. Der Jugendraum dient als Treffpunkt, in dem auch Nicht-Gemeindemitglieder willkommen sind. © Anna Gemünd

Jeder hat Talente, die er für die Gemeinde einbringen kann - diese Überzeugung ist fester Bestandteil des Glaubens. Ob Jugendarbeit, Musik, Kochen - jeder macht, was er gut kann. Mit einer Ausnahme: Predigen dürfen nur die Männer.

Dass ihr Gotteshaus von Außen nicht wie ein Ort des Glaubens wirkt, haben Anatoli Reder und Diakon Wadim Aab auch schon festgestellt. Wie sie ohnehin merken, dass sie in Massen kaum wahrgenommen werden - zu ihrem Bedauern. „Wir wollen nicht nur für uns leben; unsere Gemeinde ist ein offener Ort, an dem jeder herzlich willkommen ist“, sagt Reder. Deswegen lautet ein großes Ziel der Gemeinde: Präsenter werden und Türen öffnen.

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